Deutschland muss einen Ausgleich jenseits der Westbindung finden

Deutschland wird im Jahr 2030 in einer Welt leben, in der der Westen, den es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kennt, gespalten und weniger zentral im globalen System verankert sein wird. Die Westbindung, die für die deutsche Identität und Außenpolitik der Nachkriegszeit von zentraler Bedeutung war, wird in einer Welt, die zunehmend von China und weniger von den Vereinigten Staaten gesteuert wird, viel schwächer sein. Doch nicht nur die Weltordnung wird weniger stabil sein, vielmehr wird Deutschland in einer Europäischen Union nach dem Brexit agieren und die eigene Wirtschafts- und Außenpolitik gegenüber China, Asien und anderen nicht westlichen aufstrebenden Mächten neu angeglichen haben. Deutschland wird weiterhin eine wichtige geoökonomische Macht bleiben, über eine exportorientierte Wirtschaft und über eigene globale Unternehmen verfügen, die einen guten Teil der außenpolitischen Agenda bestimmen. Die Prioritäten des deutschen Staates und des Privatsektors werden den Märkten und der Nachfrage nach natürlichen Ressourcen folgen, die die Exportwirtschaft ankurbeln. Deutschland wird eine globale Gestaltungsmacht, die keine Pazifikachse führen, sondern vielmehr um einen erneuten Ausgleich zwischen einem geschwächten Westen und einem aufstrebenden Osten in einer Welt ohne Ordnungsmacht bemüht sein wird.

Westbindung von nationalen und internationalen Trends geschwächt.

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen waren für die deutsche Identität und ihre Innen- und Außenpolitik über drei Generationen deutscher Politiker hinweg von zentraler Bedeutung. Der amerikanische Anker der Westbindung wird von sowohl nationalen als auch internationalen Trends geschwächt werden. Auf der internationalen Seite werden der Aufstieg Chinas und die Verlagerung des Zentrums der Weltpolitik nach Asien die Vereinigten Staaten sich in Richtung Asien orientieren lassen und den langfristigen Niedergang Europas in der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik fortsetzen.

Die Präsidentschaft Trumps kennzeichnet keine Pause, sondern die Rückkehr der amerikanischen Außenpolitik zu Traditionen des Zweiten Weltkriegs.

Nach den Kriegen im Irak und in Afghanistan wird auf nationaler Ebene die Übersättigung der öffentlichen Meinung gegenüber Auslandsverpflichtungen die USA weiterhin dazu veranlassen, sich den Problemen im eigenen Land zu widmen. Die politische Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft, die durch eine wachsende soziale und Einkommensungleichheit sowie eine sich wandelnde ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung ausgelöst wird, wird weiterhin ein geteiltes und nach innen gerichtetes Land prägen. Dieses Amerika wird sich weniger mit der Projektion westlicher liberaler Werte im weiteren globalen Kontext befassen und weniger in der Lage sein, konsequent als außenpolitischer Akteur zu agieren. Die Präsidentschaft Trumps kennzeichnet daher keine kurzfristige Pause, sondern vielmehr eine Rückkehr der amerikanischen Außenpolitik zu Traditionen des Zweiten Weltkriegs. Das Hauptaugenmerk wird auf amerikanischen nationalen Interessen liegen, die bereits unter der Regierung Obamas ihre Vorläufer hatten. Die europäische Säule des Westens dürfte nicht besser dastehen als der transatlantische Anker. Die deutschen Hoffnungen auf eine enge Zusammenarbeit mit Frankreich und anderen westeuropäischen Ländern dürften enttäuscht werden. Die deutsche Führungsposition wird sowohl innenpolitisch als auch durch das Problem der deutschen Macht in Europa weiterhin immanent beschränkt sein. All diese Trends werden die nächste Generation deutscher Politiker, die in den frühen 2020er-Jahren an die Macht kommen werden, vor große Herausforderungen stellen.

Dr. Stephen F. Szabo (75) ist Senior Fellow am American Institute for Contemporary German Studies und Lehrbeauftragter für Europäische Studien an der Johns Hopkins University, SAIS. Er war Vorstandsmitglied der Transatlantic Academy und Interim-Dekan und Universitätsdekan der School of Advanced International Studies sowie an der Fakultät des National War College. Er war Stipendiat der Alexander von Humboldt-Stiftung, des Woodrow Wilson International Center for Scholars, der American Academy in Berlin und des Instituts für Humanwissenschaften in Wien. Sein zuletzt veröffentlichtes Buch heißt »Germany, Russia, and the Rise of Geo-Economics«.