Auf den Wandel der Welt mit ­einer eigenen Strategie antworten

Die internationale Ordnung, wie sie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges besteht, hat sich deutlicher verändert, als die öffentliche Debatte in Deutschland wahrnehmen will. Für das deutsche Weltbild steht im Zentrum der internationalen Ordnung die UNO und das gemeinsame Bekenntnis zu einer werte- und regelbasierten Welt.

Eine solche Welt ist wünschenswert, aber nur so lange realistisch, wie sie von den tatsächlichen Großmächten oder handlungsfähigen Allianzen unterstützt und durchgesetzt wird. Und an dieser Unterstützung mangelt es. Europa schwächelt, die USA sehen »America first« und fokussieren allein auf die eigenen Interessen. Russland hat immer weniger echten Einfluss und konzentriert sich auf die Rolle des Störenfrieds. China drängt unter dem Mantel der Bescheidenheit nach Europa, Afrika und in den südostasiatischen Raum und wird seinen wirtschaftlichen Einfluss in den kommenden zehn Jahren zu einer politischen Weltmacht ausgebaut haben – ihrerseits wirtschaftlich und politisch bedrängt durch den aufsteigenden Konkurrenten Indien. Zur neuen Unübersichtlichkeit tragen eine Vielzahl aufstrebender und etablierter, zunehmend eigenständig agierender Mittelmächte sowie zahlreiche nicht staatliche Weltakteure bei: Unternehmen und Unternehmer, zivilgesellschaftliche Gruppen, Medien und »Influencer«, aber auch private Gewaltakteure wie Terroristen und organisierte Kriminalität. Das ist die neue Weltordnung der Zukunft, und Deutschland muss sich neu ausrichten, um die eigenen Interessen definieren und ihnen Geltung verschaffen zu können.

Zwei Dinge sind neu für unser Land. Erstens ist das Formulieren von nationalen Interessen und eigenen Gestaltungsvorstellungen auch 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein schwieriges Unterfangen, deren Durchsetzung allemal. Allerdings hilft hier, was in vielem anderen schadet: Das Infragestellen von internationalen Institutionen, Bündnisbeziehungen und globalen Vereinbarungen durch die Trump-Administration zwingt Deutschland, die Parameter seiner Außen- und Sicherheitspolitik zu überdenken und zum Teil neu zu bestimmen. Die geringere Verlässlichkeit und größere Selbstbezogenheit amerikanischer Politik rückt andere, neue Partner mit ähnlichen Interessen stärker in den Blickpunkt. Und hier kommt die zweite neue Herausforderung: Kann ein in Europa eingebettetes Deutschland, mit Partnern, ein Makler, Architekt, führender Protagonist, Ideengeber neuer Verbünde zur Weiterentwicklung der Weltordnung werden? Ein Netzwerk demokratisch, weltoffen orientierter Staaten – das ist der Ansatz, mit Partnern wie Japan, Südkorea, Australien, Kanada, Argentinien, Peru, Botsuana und anderen. Polyzentrische Global Governance heißt das Fachwort dazu – flexible Allianzen, die auch durch internationale Organisationen, Unternehmen, Wissenschaft, zivilgesellschaftliche Akteure unterstützt werden können. Neben den großen Pfeilern der globalen Ordnung und Großmächten gewinnen solche flexibleren, variablen Vernetzungen an Bedeutung: Sie können helfen, gemeinsame Orientierungen zu schaffen, die Weltordnung inklusiver zu machen, globale Verantwortungsgemeinschaften zu bilden und Gestaltungs­macht zu bündeln.

Es tut sich etwas, und die Richtung stimmt. Deutschland braucht einen Plan für die Zukunft, der sich an unseren Werten, Gestaltungsperspektiven und Interessen orientiert. Dabei steht das Handlungsprinzip fest: auf Ausgleich bedachter, nationales und globales Gemeinwohl verbindender Multilateralismus. Deutschland muss auf variable Netzwerke setzen, mit denen sich die Weltmächte beeindrucken, einbinden und beeinflussen lassen. Hinzukommen muss die Formulierung von Interessen, ein heikles Unterfangen in einer moralisch aufgeladenen Gesellschaft wie der unseren. Aber ohne klar formulierte eigene Gestaltungsvorstellungen und Interessen, was man in dieser multilateralen Ordnung erreichen will, nützen auch die besten Netzwerke nichts.