Blick aus den USA auf Deutschland

Strategische Überraschungen – sogenannte black swans – sind ihrem Wesen nach ein Schock, ein Stresstest. Die größte und folgenschwerste strategische Überraschung für Deutschland in den vergangenen zwei Jahren war nicht russische Aggression, ein immer selbstbewusster in Europa ausgreifendes China oder die Zerfallserscheinungen des europäischen Projekts, sondern die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA. Die US-Sicherheitsgarantie für Europa erlaubte es Deutschland nach 1945, sich auf den Wiederaufbau zu konzentrieren; die Schutzherrschaft der USA über die liberale Weltordnung ermöglichte es den Deutschen, ein weltweites Handelsnetzwerk aufzubauen und zum reichsten Land Europas zu werden. 1989 war es vor allem amerikanische Weitsicht, die der deutschen Wiedervereinigung in einem vereinten Europa den Weg bahnte. Die Erweiterung der NATO unter dem noch weiter aufgespannten amerikanischen Schutzschirm machte aus dem Frontstaat Deutschland ein Land, das von Freunden umgeben war. Präsident George H. W. Bush bot damals den zögernden Deutschen »partnership in leadership« an. Unter Präsident Obama schien es, als sei die Zeit dafür reif und die Deutschen, ihre Hegemonialverantwortung in Europa endlich anerkennend, dazu bereit geworden. Kurz: Kein Land in Europa hat so sehr von amerikanischem Wohlwollen profitiert wie Deutschland.

Dieses Wohlwollen ist vorerst vorbei – nicht in der amerikanischen Bevölkerung, nicht in Unternehmerkreisen, nicht in den Bildungseliten, wohl aber an der Spitze der Regierung. Der Präsident sowie die Ideologen, mit denen er sein Kabinett bestückt hat, teilen eine düstere Weltsicht, in der die internationale Ordnung nicht mehr von Kooperation geprägt ist, sondern von Wettbewerb und Konflikten. Sie machen kein Geheimnis aus ihrer Geringschätzung für den Multilateralismus und das Völkerrecht; selbst enge Verbündete werden kühl daran gemessen, was sie ins Bündnis einbringen.

Die Europäische Union und vor allem Deutschland aber befinden sich regelrecht im Fadenkreuz der Hardliner. Die Kulturkrieger verübeln deutsche Großzügigkeit gegenüber Flüchtlingen; die Handelsnationalisten hassen deutsche Bilanzüberschüsse. Die Bellizisten spekulieren auf regime change in Nordkorea und Iran und erwarten europäische Gefolgschaft; sie missbilligen, dass Berlin sich nicht an den Schlägen gegen Syrien beteiligt hat. Die Russlandskeptiker haben das Gasgeschäft Nord Stream 2 im Visier. Aber auch gemäßigte Republikaner und Demokraten ärgern sich über Deutschlands marode Streitkräfte und seine unzulänglichen Verteidigungsausgaben; und sie sind besorgt über deutsches Irrlichtern zwischen Westbindung und östlichen Versuchungen (Russland, China). Diese Gemäßigten – die an Deutschland viel schätzen und sehr wohl sehen, wie weit sich die strategische Debatte in Berlin entwickelt hat – sind der Ansicht, dass es noch längst nicht die Rolle spielt, die seiner gewachsenen Macht entspräche.

Im Spannungsfeld zwischen dieser neuen harten Linie aus Washington und den Sorgen der alten Freunde muss sich nun erstmals eine deutsche Amerika-Strategie entwickeln. Sie muss Widerstand leisten, wo es nicht anders geht, und unvermeidbare Konflikte managen (Handelspolitik); sie muss freundlich Dissens aushalten können (Flüchtlingspolitik); und sie sollte unhaltbare Positionen (Verteidigungsausgaben) diskret räumen. Vor allem aber muss sie angesichts eines weltweit angestiegenen Konfliktrisikos auf der Basis deutscher und europäischer Werte eine eigene Strategie entwickeln, die nicht nur auf Ereignisse und Forderungen anderer reagiert – und an eine rationale US-Außenpolitik anschlussfähig bleibt. Insofern liegt in dieser Überraschung auch eine Chance.

Dr. Constanze Stelzenmüller (56) ist seit Oktober 2014 Robert Bosch Senior Fellow beim Center on the United States and Europe bei der Brookings Institution in Washington, D. C. Von 2005 bis 2014 war sie Berliner Büroleiterin und Senior Transatlantic Fellow beim German Marshall Fund; dort leitete sie die Umfrage »Transatlantic Trends« und, in Kooperation mit der Stiftung Wissenschaft und Politik, das Projekt »Neue Macht, Neue Verantwortung«. Sie ist Juristin.