Der digitalen Revolution ein ­menschliches Antlitz geben

Technische Systeme können Stimmen imitieren und diese Individuen zuordnen, besser als Menschen. Sie können Bilder analysieren, Gesichter erkennen, Datenberge auswerten, Krebsmetastasen, Verkehrsflüsse oder menschliches Verhalten analysieren, Musik erzeugen, Zeitungsartikel oder Tweets schreiben, mit uns telefonieren, ohne dass wir sie als Maschinen erkennen. Wir bewegen uns in ein Zeitalter, in dem lernende Maschinen und Menschen koexistieren werden. Wir sollten wissen, wie wir diese neue Geschichte der Menschheitsentwicklung gestalten wollen.

Menschen haben immer schon Hilfsmittel entwickelt, um sich selbst zu entlasten und Neues zu schaffen: Werkzeuge zur Vereinfachung der Landwirtschaft; Kräne und Werkzeugmaschinen, die Arbeiten ausführen, die Menschen physisch nicht leisten können; Fahrräder, Autos, Eisenbahnen und Flugzeuge, die Distanzen schrumpfen lassen. Doch nun entwickeln wir Menschen technische Systeme, die sich von allen anderen menschlichen Hilfsmitteln auf diesem Planeten unterscheiden und die durch Eigenschaften charakterisiert sind, die bisher menschliche Alleinstellungsmerkmale waren: enorme Lernfähigkeit, Kognition, hohe Intelligenz. Dieser Schritt wird die menschliche Zivilisation tief greifend verändern: wirtschaftlich, ­sozial, politisch, kulturell.

Digitale Innovationen, künstliche Intelligenz und selbstlernende Maschinen leiten Umbrüche in unseren Gesellschaften ein, so wie durch den Buchdruck und später die Dampfmaschinen Aufklärung und industrielle Revolution möglich wurden. Die Menschen schaffen sich nun mit selbstlernenden technischen Systemen die mächtigsten Werkzeuge der Zivilisationsgeschichte. Wissensexplosionen werden die Folge sein, Ressourcenschonung und Klimaschutz könnten sprunghaft verbessert werden. Zugleich kann Digitalisierung Arbeitsmärkte radikal und schnell verändern, autoritären Herrschern die Überwachung ihrer Gesellschaften in unbekanntem Ausmaß ermöglichen, wirtschaftliche Konzentration vorantreiben und die Besteuerung von Unternehmensgewinnen immer schwieriger machen.

Auf die Frage, was »the next big thing« der Digitalisierung sein könnte, antwortete der ehemalige CEO von Google, Eric Schmidt: In fünf bis zehn Jahren könnten technische Systeme eigenständige kognitive Leistungen erbringen, die der Verleihung eines Nobelpreises würdig wären. Er wünscht sich, dass Regierungen rasch lernen, Digitalisierung zu steuern, denn ohne Governance würde ungesteuerte Digitalisierung unseren Gesellschaften über den Kopf wachsen. Veränderte Arbeitsmärkte, vor allem der bisher privilegierten weltweiten Wissensarbeiter, sind ein zentrales Feld. An der Columbia University wurden Rechtsanwälten und ihren technischen counterparts komplexe Verträge vorgelegt, die nach Fehlerquellen durchsucht werden sollten. Das Ergebnis: Die Menschen fanden 88 Prozent der Fehler, die KI-Systeme 95 Prozent. Die Menschen benötigten dafür 90 Minuten, die technischen Systeme 22 Sekunden.

Digitalisierung ist vor allem eine riesige Gestaltungsaufgabe, die Deutschland jetzt annehmen muss mit einem Plan zur künstlichen Intelligenz, in dem die-­se mit unseren gesellschaftlichen Zielsystemen verknüpft wird. Er muss Antworten und Festlegungen ­zu wichtigen Fragen geben: Wie können selbstlernende Systeme mit unseren Normensystemen verknüpft werden? Wie können unsere Rechts- und Steuersysteme für das digitale Zeitalter fit gemacht werden? Was müssen Menschen zukünftig wissen, lernen, können, um digitale Werkzeuge zu nutzen und nicht nur durch sie ersetzt zu werden? Wie weit wollen wir die Verschränkung von Menschen mit technischen Systemen treiben, um Menschen zu optimieren: physisch, psychisch, kognitiv, mental? Gibt es Felder in Wirtschaft und Gesellschaft, in die automatisierte technische Systeme nicht vordringen sollten? Wir brauchen diesen Plan jetzt, und deshalb brauchen wir eine lebhafte, beschleunigte Debatte, die rasche Weichenstellungen erlaubt. Die Zeit drängt, um das Feld nicht den KI-Supermächten China und USA allein zu überlassen. Die Beherrschung und Gestaltung dieses Technologieschubes entscheiden über die zukünftigen Grundlagen unserer Gesellschaften.