Deutschland, Frankreich und die Welt im Jahr 2030

Global betrachtet wird der Wettbewerb zwischen China und den Vereinigten Staaten wahrscheinlich das Leitmotiv des 21. Jahrhunderts sein. Bestehende Sicherheitsventile der Global Governance sorgen trotz ihrer Defizite dafür, dass das Risiko eines gewaltsamen Konflikts zwischen den beiden Mächten (laut Graham Allison die »Falle des Thukydides«) in den nächsten zehn bis 20 Jahren sehr gering ist. Die einzige Ausnahme könnte Taiwan sein. Konfrontationen sind eher in der neuen »Dritten Welt« im weiteren Sinne zu erwarten. Hierzu gehören auch Westeuropa und die ehemalige Sowjetunion. Die Konsequenzen werden angesichts der Heterogenität dieser neuen »Dritten Welt« gefährlich sein, die zunehmend aufgrund der unaufhaltsam voranschreitenden technologischen Revolution, Arbeitslosigkeit, Destabilisierung durch soziale Medien und Propagandakriege, wachsende Ungleichheit und unkontrollierte Flüchtlings- und Migrationsströme unter Druck gerät. Selbst die Vereinigten Staaten und China sind gegen diese Herausforderungen nicht gefeit.

Frankreich und Deutschland können ihr Schicksal nicht in die Hände der beiden Supermächte des 21. Jahrhunderts legen.

Nationalstaaten werden in absehbarer Zukunft weiterhin entscheidende Akteure des internationalen Systems bleiben. Daher besteht die einzige Möglichkeit, einen Verlust der Kontrolle über das System zu verhindern, darin, die Global Governance zu stärken. Dies erfordert eine Stärkung der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit und eine Anpassung des UN-Systems. Es gibt mindestens drei Gründe, weshalb die Bewältigung dieser Aufgabe so schwierig erscheint. Erstens: Je schwächer Staaten sind, desto mehr widerstrebt es ihnen, miteinander zu kooperieren. Zweitens: Es ist wahrscheinlich, dass die Vereinigten Staaten mit oder ohne Donald Trump in eine lange Phase der Introversion eingetreten sind. Darüber hinaus hegt China keinerlei Absichten, eine globale Führungsrolle zu übernehmen. Ist Global Governance ohne Führung möglich (Joseph Nye spricht von einer »Kindleberger-Falle«)? Drittens steckt die gemeinsame Bewältigung von großen, interdependenten globalen Herausforderungen noch in den Kinderschuhen, obwohl sich die damit verbundenen Probleme verschärfen.

Länder wie Frankreich und Deutschland können ihr Schicksal nicht in die Hände der beiden Supermächte des 21. Jahrhunderts legen. Warum China für diese Rolle nicht infrage kommt, scheint recht offensichtlich.

Russland steht näher bei Europa als bei China

Was die Vereinigten Staaten anbelangt, verschiebt sich ihre Sichtweise der Welt je nach den Umständen. Aus unserer Sicht ist somit kein Projekt wichtiger als die Anpassung und Stärkung der EU. Die EU steht jedoch vor schwerwiegenden Problemen, die durch ihre plötzliche massive Expansion nach dem Zerfall der Sowjetunion in den Jahren 1990–1991 verursacht wurden. Die jüngsten Krisen – die Eurozone, Flüchtlinge, Brexit und Populismus – haben gezeigt, dass die europäischen Bürger auf dem Kontinent an der Union festhalten. Deutschland und Frankreich müssen zusammenarbeiten, damit die Vision eines starken und geeinten Europas wahr wird. Die Aufgabe ist immens. Die wirtschaftliche und finanzielle Anpassung an sich ist schon eine Herkulesaufgabe, ganz zu schweigen von der Verteidigung, zumal die beiden Länder derart unterschiedliche strategische Kulturen und häufig gegenläufige industrielle Interessen haben. Die Harmonisierungsbemühungen müssen sich auf die Nachbarn der Union konzentrieren, d. h. die ehemalige Sowjetunion, der Nahe Osten und ­Afrika. Der kleine kalte Krieg, der dem großen folgte, ist eine Tragödie, denn auf lange Sicht steht fest, dass Russland näher bei Europa als bei China steht.

Thierry de Montbrial (75) ist der Gründer und Präsident des Französischen Instituts für internationale Beziehungen (Ifri). Im Jahr 2008 gründete er die World Policy Conference. Er ist Mitglied des Institut de France, war Leiter der Abteilung für Wirtschaftswissenschaften an der École polytechnique (1974–1992) und der erste Direktor des Planungsstabs im französischen Außenministerium (1973–1979). Überdies ist er Autor von 20 Büchern, wie etwa »Action and Reaction in the World System« (UBC Press, Toronto, 2013). In vielen Ländern wurde er mit Staats- und Ehrentiteln ausgezeichnet.