Die Chancen der Städte nutzen

In Deutschland und Europa leben mehr als 75 Prozent der Menschen in Städten. Bis Mitte des Jahrhunderts wird sich weltweit die Zahl der Stadtbewohner auf dann etwa sieben Milliarden Menschen verdoppeln. Das 21. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Städte. Hier entstehen Wohlstand, Kultur, Innovationen, Lebensqualität, Identitäten und gesellschaftlicher Zusammenhalt. Stadtpolitik und Lokales, aber auch der Austausch zwischen Städten galten zu lange als provinziell, langweilig und deutlich unwichtiger als beispielsweise »Europa bauen«. Diese Sichtweise ist falsch.

Deutschland braucht einen Plan für die Entwicklung der Städte. Wenn Stadtteile Duisburgs und andere Orte mehr und mehr verfallen, läuft etwas grundlegend falsch in unserem Land. Denn Städte sind nicht nur die Orte, an denen Wohlstand und Innovationen entstehen können, wenn sie richtig gestaltet sind. Identität, Vertrauen, soziale Kohäsion und Bürgergesellschaft entstehen oder scheitern in unseren Städten. Unser Wohlbefinden, auch das der hypermobilen Weltbürger, entscheidet sich nicht zuletzt an den Orten, an denen wir »zu Hause« sind. Gelungene Architektur, öffentliche Plätze und Räume, grüne Oasen, Durchlässigkeit zwischen den Stadtquartieren, die Gestaltung urbaner Räume, die Neuordnung von Mobilität sind zentrale Schlüssel für soziale Kohäsion, das Lebensgefühl der Menschen und die Herausbildung von Identitäten.

Untersuchungen zeigen: In unwirtlichen Städten bewegen sich die Menschen nur, um das Nötigste zu erledigen: einkaufen, zur Arbeit fahren, Kinder zur Schule bringen. In lebenswerten Städten bewohnen, nutzen und beleben die Bürgerinnen und Bürger ihre Städte, die Plätze, die Parkanlagen, die öffentlichen Gebäude und Räume als kulturelle Foren. Bürgergesellschaft, Kommunikation und Austausch, gemeinsam geteilte Räume: Lebensgefühl und -qualität entscheiden sich in urbanen Räumen. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) spricht von der »Eigenart« der Städte und meint damit die Eigenschaften, die Städten Anziehungskraft, Charme und Lebensfreude verleihen. Denn die Beobachtung ist: Das Glück und Lebensgefühl der Stadtmenschen hängt nicht nur vom Einkommensniveau in den Städten ab – sondern von der Gestaltung, der Gestalt und Attraktivität der Städte selbst.

Wie groß auch in Deutschland die Herausforderungen sind, verrät ein Blick in jede beliebige Tageszeitung: stark steigende Mieten, implodierender Verkehr, vernachlässigte Schulgebäude. Wir brauchen also eine Renaissance der Städte, mehr kreative und finanzielle Ressourcen und vielleicht auch stärkere Führung der örtlichen Verwaltung, um in einer global vernetzten Welt voller Interdependenzen und Unübersichtlichkeiten die Orte zu stärken, zu gestalten und zu verschönern, an denen wir den größten Teil unserer Lebenszeit verbringen. Anspruchsvolle Stadtgestaltung und -politik und die Zusammenarbeit zwischen Städten sind keine langweiligen Anachronismen, sondern zentrale Zukunftsaufgaben.

Wir brauchen Global-Governance-Systeme, um internationale Angelegenheiten, weltweite Fairness und Sicherheit zu regeln, zu organisieren. Wir sind auf Europa angewiesen, um unseren Interessen und Werten in der Weltgesellschaft Gehör zu verschaffen. Dazu sind Weltbürgerperspektiven und europäische Gemeinsamkeiten zentral. Diese in lokalen Identitäten und Bürgergesellschaften zu verankern, durch die Schaffung von lebenswerten Städten, ist eine der großen, vernachlässigten Aufgaben. Und hier muss Deutschland mit einem Städte-Entwicklungsplan und neuen Ressourcen analog dem Länderfinanzausgleich einen Wechsel einleiten.