Die drei Wegscheiden für Deutschland und Europa

Viele Studien zeigen, dass eine Transformation zur Nachhaltigkeit notwendig und möglich ist. Viele Voraussetzungen für den Übergang zur Nachhaltigkeit sind in den vergangenen Dekaden entstanden: Technologien, transformative Akteursnetzwerke, Leitbilder, sektorale Fahrpläne für Nachhaltigkeitstransformationen zum Beispiel in der Energiewirtschaft, dem Mobilitätssektor, der Agrarwirtschaft, unternehmerische Geschäftsmodelle, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind, sind in vielen Ländern, nicht zuletzt in Deutschland, entwickelt worden.

Die »Agenda 2030« und das Pariser Klimaabkommen, beide 2015 verabschiedet, können als Säulen eines globalen Gesellschaftsvertrages für den Wandel zur Nachhaltigkeit im 21. Jahrhundert verstanden werden. Die Bundesregierung hat die Eckpfeiler der globalen Nachhaltigkeitsagenden in eine 2017 vorgelegte »Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie« übersetzt. Es geht darum, in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts Wohlstand, Demokratie, Verteilungsgerechtigkeit von Emissionen, Ressourcenverbrauch und Druck auf die Ökosysteme zu entkoppeln, um Kipppunkte im Erdsystem und damit eine Gefährdung der Grundlagen menschlicher Existenz zu vermeiden – eine schwierige, aber lösbare Herausforderung.

Es geht darum, in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts Wohlstand, Demokratie, Verteilungsgerechtigkeit von Emissionen, Ressourcenverbrauch und Druck auf die Ökosysteme zu entkoppeln, um Kipppunkte im Erdsystem und damit eine Gefährdung der Grundlagen menschlicher Existenz zu vermeiden.

Wichtige »Bedingungen der Möglichkeit« für die Transformation zur Nachhaltigkeit sind also vorhanden. Die weltweiten Nachhaltigkeitsbewegungen waren erfolgreich, viele Gesellschaften, nicht zuletzt Deutschland und seine europäischen Nachbarn, befinden sich in einer Kipppunkt-Konstellation, in der beschleunigte Übergänge zur Umsetzung der »Agenda 2030« und des Pariser Klimaabkommens möglich werden. Doch der Übergang zur Nachhaltigkeit koinzidiert mit zwei weiteren großen Veränderungsprozessen, die weder in der »Agenda 2030« noch in der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie hinreichend reflektiert werden: nationalistische Gegentransformationen bedrohen Deutschland, Europa, westliche, aber auch viele andere Gesellschaften; die tief greifenden Dynamiken digitalen Wandels verändern Wirtschaft, Gesellschaft, das internationale System in großer Geschwindigkeit. Ob eine Nachhaltigkeitstransformation bis Mitte des Jahrhunderts gelingen kann, entscheidet sich also an drei großen Bifurkationen, oder auch Wegscheiden, die zeitgleich angegangen werden müssen: die Transformationen zur Nachhaltigkeit, die Bekämpfung von nationalistischem Populismus und die Gestaltung der digitalen Umbrüche. Darauf sind Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft derzeit kaum vorbereitet.

Die Nachhaltigkeitstransformation

Noch sind die Vorboten des Neuen, die Pioniere des Übergangs zur Nachhaltigkeit, nicht kraftvoll, mächtig und groß genug, um Wirtschaft und Gesellschaft in kurzer Frist und insgesamt auf Nachhaltigkeitspfade auszurichten. Wie in anderen Phasen des Übergangs, zum Beispiel in der »Verwandlung der Welt im 19. Jahrhundert« von den Agrar- zu den Industriegesellschaften, kann es sprunghafte Fortschritte, aber auch Rückschritte geben. Die Transformation zur Nachhaltigkeit ist kein Ereignis, sondern ein durch Ungleichzeitigkeiten gekennzeichneter Prozess. Transformationen basieren auf »Häufigkeitsverdichtungen« von Veränderungsprozessen in vielen Teilen von Gesellschaft und Wirtschaft in Richtung einer neuen Gesellschaftsformation. Im Energiesektor haben in der vergangenen Dekade enorme Veränderungen zugunsten erneuerbarer Energieerzeugung stattgefunden, in Deutschland und an vielen Orten weltweit. Im Mobilitätssektor deuten sich gegenwärtig ähnliche Umbrüche an. Im Agrarsektor, beim Ressourcenverbrauch, beim weltweiten Bau der neuen Städte für die nächsten zwei bis drei Milliarden Menschen, die bis 2050 in die urbanen Räume ziehen, sind bisher nur zaghafte, verzögerte Dynamiken zur Nachhaltigkeit zu beobachten. Auch unterschiedliche Muster von Ungleichheit nehmen in vielen Ländern zu, reduzieren die Entwicklungsperspektiven von Menschen und untergraben die soziale Kohäsion von Gesellschaften – Europa und auch Deutschland sind hier keine Ausnahmen. Die Transformation zur Nachhaltigkeit ist kein Ereignis, sondern ein durch Ungleichzeitigkeiten gekennzeichneter Prozess. Wirkungsvolle Nachhaltigkeitspolitik wäre nötig, um schnell voranzukommen – daran mangelt es derzeit, in Deutschland und Europa.

Sicherung der Erdsystem-Dienstleistungen bis Mitte des 21. Jahrhunderts

Empfehlungen des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung globale Umweltveränderungen

Um das Pariser Klimaabkommen und die »Agenda 2030« tatsächlich umzusetzen, geht es um das scaling up von Ansätzen der Nachhaltigkeitstransformation, die Beschleunigung von Veränderungsprozessen und Systemwandel, zum Beispiel zur Dekarbonisierung, zur umfassenden Kreislaufwirtschaft, zur Stadtentwicklung, die auch die unteren 30 Prozent der Städtebewohner einbindet. Der Übergang von den »Bedingungen der Möglichkeit« zur tiefen Transformation ist anspruchsvoll, er muss gestaltet werden, kann scheitern, Widerstände und Krisen hervorrufen.

Viele Analysen und Theorien sozialen Wandels zeigen, dass Neuorientierungen auf folgenden Ebenen notwendig sind, damit die Nachhaltigkeitstransformation gelingen kann.

Akteurskonstellationen des Wandels

Vergangenheitsinteressen sind stets besser organisiert als entstehende Zukunftsinteressen. Die Überwindung klimaschädlicher Produktionsmuster und Anreizsysteme scheitert oft an politischen Pfadabhängigkeiten und gut organisierten Interessen der fossilbasierten Wirtschaft – das gilt in der Energie-, Mobilitäts- und Agrarwirtschaft gleichermaßen. Die Unterstützung transformativer Partnerschaften und von Pionierallianzen für Nachhaltigkeitstransformationen ist daher besonders wichtig. Die Überwindung klimaschädlicher Produktionsmuster und Anreizsysteme scheitert oft an politischen Pfadabhängigkeiten und gut organisierten Interessen der fossilbasierten Wirtschaft. Sektorenübergreifende Nachhaltigkeitskooperationen von Akteuren des Wandels aus der Wirtschaft, dem Finanzsektor, der Wissenschaft, der Politik, der Kultur und Gesellschaft schaffen Strukturwandel und brechen tradierte Netzwerke auf, die Vergangenheitsinteressen vertreten. Die Gesellschaft gerät in Bewegung. Neue Unternehmen und Geschäftsmodelle entstehen, zum Teil auch in den »alten« Sektoren selbst; Teile der Versicherungswirtschaft verabschieden sich von Investitionen in fossilbasierte Unternehmen; Teile der Automobilwirtschaft arbeiten mit der Wissenschaft an emissionsfreier Mobilität; zivilgesellschaftliche Akteure, Städte und Wissenschaft können an vielen Orten zu Treibern der Nachhaltigkeitstransformation werden. Reformprozesse, zum Beispiel bei der Weltbank, signalisieren, wie aus Bastionen der »alten Wirtschaft« Akteure der Dekarbonisierung werden können. Wichtige Schlüsselakteure, wie der britische Notenbankchef Mark Carney, der eine klimaverträgliche Finanzwirtschaft einfordert, eröffnen aus dem Zentrum der globalen Ökonomie heraus Transformationsperspektiven zur Nachhaltigkeit. Das Pariser Klimaabkommen hat zu einer Multiplikation von Akteurspartnerschaften für den Klimaschutz beigetragen.

Drei Motivationen, dieTransformationsbereitschaft schaffen

Die Nachhaltigkeitsforschung hat gezeigt, dass im Verlauf des 21. Jahrhunderts Kipppunkte im Erdsystem mit weitreichenden Folgen für die menschliche Zivilisation ausgelöst werden können.9 Sozialwissenschaftliche Forschung zeigt, wie die Auflösung gesellschaftlichen Zusammenhaltes Stabilität und Sicherheit gefährden und Konflikte auslösen kann.10 Die Wissenschaft hat wichtige Beiträge dazu geleistet, die Risiken der Zukunft auszuleuchten und die Notwendigkeit einer Transformation zur Nachhaltigkeit zu begründen. Doch Krisenszenarien können Menschen auch paralysieren, Hilf- und Hoffnungslosigkeit, manchmal gar Wut erzeugen. Zukunftsorientierung kann durch attraktive, Perspektiven und Horizonte eröffnende Narrative über Möglichkeiten, Chancen und Pfade der Veränderung entstehen. Transformationen (zur Nachhaltigkeit), also tief greifender Wandel, gehen mit Disruption, Unsicherheiten, nicht planbaren, oft kaum antizipierbaren Effekten einher. Diese Kosten und Risiken der Transformation sind zugleich Ursachen für das Festhalten am Etablierten und von Widerständen gegen Nachhaltigkeitsreformen. Deshalb entsteht Veränderungswille häufig erst in tiefen Krisen. Die europäische Einigung, die Vereinten Nationen, die Herausbildung der europäischen Wohlfahrtsstaaten waren Folgen zweier verheerender Weltkriege. Nun müssen im 21. Jahrhundert irreversible Kipppunkte im Erdsystem vermieden werden. Der Transformationsmodus der Krise muss durch den Transformationsmodus des präventiven Handelns ersetzt werden. Motivation für den Wandel zur Nachhaltigkeit muss also geschaffen, verstärkt, verbreitert werden.

Was treibt Menschen dazu an, sich für Nachhaltigkeitstransformationen zu engagieren? Drei Motivationsmotoren können hier eine zentrale Rolle spielen: Erstens reagieren Menschen auf normative Herausforderungen und als inakzeptable Zustände erkannte Entwicklungen – »wie können wir akzeptieren, dass …?«, ist hier der Ausgangsimpuls. »Wie können wir akzeptieren, dass diese Generation die ökologischen Grundlagen für alle zukünftigen Generationen zerstört? Wie können wir akzeptieren, dass trotz allen Wohlstandes ein großer Teil der Weltbevölkerung noch immer keinen Zugang zu lebenswichtigen Infrastrukturen besitzt und 30 Prozent der jungen Menschen im Süden Europas keine Arbeit finden? »Moralische Revolutionen« können Ausgangspunkt für Transformationen sein. Zweitens können Sorgen wegen der schwer absehbaren Folgen von Veränderungen (zum Beispiel der Dekarbonisierung der Energie- und Mobilitätssysteme) durch die Dokumentation von Beispielen erfolgreicher Transformation eingehegt werden. Die Transformation zur Nachhaltigkeit erfordert, wie jeder große Zivilisationsschritt in der Geschichte der Menschheit, technologische, institutionelle und ökonomische Innovationen, die aber letztlich nur auf der Grundlage einer Neuerfindung der normativen Horizonte der
Menschen gelingen werden.
 »Zeigen, was möglich ist«, verstärkt Veränderungsbereitschaft: Die erfolgreiche Energiewende in Deutschland, die ambitionierten Dekarbonisierungspläne in nordeuropäischen Städten, die positiven Arbeitsplatzeffekte ressourcenorientierten Wirtschaftens in China, Kanada, Schweden, die kluge und großzügige Flüchtlingspolitik eines armen Landes wie Uganda seit Ausbruch des Bürgerkrieges im Südsudan können Beispiele dafür geben, dass Transformation zur Nachhaltigkeit gelingen kann. Erfolgreiche Transformation ist ein wichtiger Motor, um Motivation und Mut für Veränderungen zu unterstützen. Der dritte Typus eines Motivationstreibers für schwierige Transformationen ist zugleich der wahrscheinlich wichtigste Motor der kulturellen Evolution der Menschen: Imagination, Kreativität, die Lust, Neues, Schönes, Erstrebenswertes, Gutes zu schaffen – Visionen, also positive Narrative möglicher, besserer Zukünfte, haben Menschen immer wieder dazu motiviert, trotz aller Unsicherheiten des Wandels Veränderungen voranzubringen. Die »Agenda 2030« ist eine solche universelle Erzählung über die Möglichkeiten eines guten Lebens für viele Menschen. Sie muss in vielen Ländern, Regionen, Städten, Gemeinschaften und Unternehmen in vielfältige, attraktive und konkrete Zukunftsentwürfe übersetzt werden, die den Eigenarten der jeweiligen Akteure entsprechen.

Vier normative Kerninnovationen im Übergang zur Nachhaltigkeit

Die Transformation zur Nachhaltigkeit erfordert, wie jeder große Zivilisationsschritt in der Geschichte der Menschheit, technologische, institutionelle und ökonomische Innovationen, die aber letztlich nur auf der Grundlage einer Neuerfindung der normativen Horizonte der Menschen gelingen werden. Immanuel Kant hat die Essenz der Aufklärung als »die Veränderung der Denkungsart der Menschen« beschrieben – Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie wurden »erfunden« und verbreiteten sich dann sukzessive in vielen Gesellschaften. Die Transformation zur Nachhaltigkeit erfordert, wie jeder große Zivilisationsschritt in der Geschichte der Menschheit, technologische, institutionelle und ökonomische Innovationen, die aber letztlich nur auf der Grundlage einer Neuerfindung der normativen Horizonte der Menschen gelingen werden. Der Übergang zur Nachhaltigkeit verlangt nach ähnlichen normativen Innovationen und Neuorientierungen, deren vier Kernelemente sich in der »Agenda 2030« und dem Pariser Klimaabkommen bereits finden: 1) Erdsystemverantwortung der jeweils handelnden Generationen, um gefährlichen Erdsystemwandel zu vermeiden; 2) die Verbindung der Konzepte von nationalem und globalem Gemeinwohl, die ohne transnationalen Interessenausgleich, Fairness und Gerechtigkeit nicht gelingen kann; 3) die Übernahme von Verantwortung für die Folgen gegenwärtigen Handels für viele (oder, in Fällen wie dem klimainduzierten Meeresspiegelanstieg, gar alle) zukünftige(n) Generationen; 4) die Entwicklung einer globalen Kooperationskultur, die es erlaubt, die Vielfalt der Gesellschaften und ihrer Normensysteme als eine Ressource für zukünftige Problemlösungen zu mobilisieren. Diese Kernelemente bilden die zentralen Referenzpunkte eines neuen Weltbildes globaler nachhaltiger Entwicklung. Diese durch Bildung, Wissensdiffusion, Kultur, gemeinsames Handeln, Standards, Normen, politische Regime und Investitionen in unseren Gesellschaften zu verankern ist eine zivilisatorische Aufgabe.

Schutz des Erdsystems, sozialen Kohäsion und globale Kooperation

Erfahrungen in vielen Ländern zeigen, dass ohne massive Investitionen in die Reduzierung von Ungleichheiten und zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhaltes keine Legitimation für Strukturreformen zum Schutz des Klimas und anderer Bestandteile des Erdsystems mobilisiert werden kann. Die sozialen und die ökologischen Fragen können nur integriert gelöst werden. Zugleich zeigt sich, dass soziale Gerechtigkeit und der soziale Zusammenhalt in Gesellschaften nicht nur eine Grundlage für Klima- und Erdsystemschutz darstellen, sondern auch für globale Kooperation. Bröckelt der soziale Kitt in Gesellschaften, nehmen gefährliche Nationalismen zu, die Bereitschaft zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit für globale nachhaltige Entwicklung sinkt.

Vor allem in Europa sowie im transatlantischen Verhältnis stellen Regierungen, wie die von Trump, Orbán, Conte, und wachsende populistische Bewegungen und Parteien in nahezu allen Ländern eine Art »Gegentransformation« zur Nachhaltigkeitstransformation dar.

Es zeigt sich: Die »Bedingungen der Möglichkeit« für eine große Transformation zur Nachhaltigkeit zu mobilisieren und deren Widerstände zu überwinden ist im Kern eine kulturell-zivilisatorische Herausforderung für die Menschheit, ähnlich den großen Zivilisationsschüben infolge der neolithischen Revolution vor etwa 10.000 Jahren und der industriellen Revolution, die vor gut 200 Jahren ihren Anfang nahm.

Die Nachhaltigkeitstransformationen finden in einem spezifischen historischen Moment statt, der durch zwei weitere grundlegende Veränderungsdynamiken charakterisiert ist, die in der Phase der Vorbereitungen und der Verabschiedungen der »Agenda 2030« und des Pariser Klimaabkommens im Jahr 2015, aber auch in der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung von 2017, noch weitgehend ignoriert wurden: »Our country first«-Bewegungen einerseits und digitale Veränderungsprozesse andererseits. Die Nachhaltigkeitstransformation kann nur gelingen, wenn sie zugleich Antworten auf diese beiden Großtrends zu Beginn des 21. Jahrhunderts findet.

»Our country first«

In Deutschland, Europa und vielen Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländern gewinnen nationalistische, oft autoritär, xenophob, klimaskeptisch und wissenschaftsfeindlich orientierte Bewegungen und Regierungen an Bedeutung. Vor allem in Europa sowie im transatlantischen Verhältnis stellen Regierungen, wie die von Trump, Orbán, Conte, und wachsende populistische Bewegungen und Parteien in nahezu allen Ländern, eine Art »Gegentransformation« zur Nachhaltigkeitstransformation dar. Multilaterale Kooperation, Klimaschutz, universelle Normen und Standards, Wissenschaft werden infrage gestellt. Aktuelle Gerechtigkeitsherausforderungen und Auswirkungen der Globalisierung sowie technologischer Dynamiken auf Gesellschaften werden von diesen Bewegungen thematisiert, aber auf eine nationalistische, rückwärtsgewandte Agenda verkürzt.

Einfache Antworten auf diese regressiven Trends gibt es nicht, aber vier Merkposten sollen hier angesprochen werden. Die »Agenda 2030« und Nachhaltigkeitstransformationen in Deutschland und Europa können erstens einen Teil der Antworten auf diese Gegentransformation bieten: Mehr Investitionen in die Bekämpfung von Ungleichheiten und Armut und in die Schaffung von Arbeitsplätzen sowie Modernisierungsinitiativen (in Regionen, Städten, auf europäischer Ebene), die Verbindungen von ökonomischer und ökologischer Modernisierung sowie sozialer Inklusion herstellen, können zur Reduzierung der von vielen Menschen empfundenen Unsicherheiten und Zukunftsängste beitragen.

Zweitens geht es in der Konfrontation der Nachhaltigkeitstransformation mit den »Our country first«-Bewegungen um grundsätzlich unterschiedliche Normen- und Wertesysteme, die aufeinanderprallen. Grundlage der »Agenda 2030«, des Pariser Klimaabkommens, aber auch der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie sind universelle Menschenrechte sowie globale Kooperations-, Gerechtigkeits- und Verantwortungsprinzipien, die von nationalistischen Bewegungen ausgehöhlt oder infrage gestellt werden. Dieser Konflikt um die »Leitkulturen« unserer Gesellschaften und die Deutungshoheit über die Zukunft muss ausgetragen werden. Was noch vor wenigen Jahren in Europa für unmöglich gehalten wurde, steht nun auf der Tagesordnung: die Verteidigung von Demokratie, Menschenrechten, der Idee globaler Kooperation.

Zweitens geht es in der Konfrontation der Nachhaltigkeitstransformation mit den »Our country first«-Bewegungen um grundsätzlich unterschiedliche Normen- und Wertesysteme, die aufeinanderprallen. Grundlage der »Agenda 2030«, des Pariser Klimaabkommens, aber auch der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie sind universelle Menschenrechte sowie globale Kooperations-, Gerechtigkeits- und Verantwortungsprinzipien, die von nationalistischen Bewegungen ausgehöhlt oder infrage gestellt werden. Dieser Konflikt um die »Leitkulturen« unserer Gesellschaften und die Deutungshoheit über die Zukunft muss ausgetragen werden. Was noch vor wenigen Jahren in Europa für unmöglich gehalten wurde, steht nun auf der Tagesordnung: die Verteidigung von Demokratie, Menschenrechten, der Idee globaler Kooperation.

Es ist in der Rückschau fast unverständlich, dass »Digitalisierung« in der »Agenda 2030« und auch in der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie von 2017 nur ein Schattendasein führte.

Drittens sollten wir berücksichtigen, dass das »Programm« der Nachhaltigkeitstransformation (zum Beispiel scaling up von Dekarbonisierungsanstrengungen, Beschleunigung des Wandels zur Nachhaltigkeit, Disruption und systemischer Wandel als Charakteristika transformativen Wandels) wiederum selbst Unsicherheiten und Zukunftsängste bei Menschen erzeugen und verstärken könnte, die sich bereits durch die Dynamiken der Globalisierung oder des technologischen Wandels bedroht fühlen. Sozialpolitik und Bekämpfung von Ungleichheiten werden allein nicht ausreichen, um nationalistische Rückschläge einzuhegen. Disruptiver Wandel auf dem Weg zur Nachhaltigkeitstransformation kann nur gelingen, wenn zugleich Vertrauen in die Zukunft entsteht, gesellschaftlicher Zusammenhalt gepflegt, erodierende Identitäten durch neue lokale, nationale und transnationale Gemeinsamkeiten und Orientierungen ersetzt werden und so attraktive Zukunftsperspektiven entstehen. Gegen die rückwärtsgewandte Wut der Populisten hilft nur Zukunft. Strategien der Transformation zur Nachhaltigkeit müssen also die Verunsicherungen vieler Menschen berücksichtigen und Antworten darauf formulieren: durch inklusive Stadtpolitiken, soziale, ökonomische und politische Teilhabe, Bildungsangebote, Schaffung von Entwicklungsperspektiven für abgehängte Regionen, Flüchtlingsintegration, die zugleich die Lebensbedingungen der vulnerablen einheimischen Bevölkerung zu verbessern hilft, internationale Zusammenarbeit – aber auch durch klare Normen- und Werteorientierungen: universelle Menschenrechte, globale Verantwortung, globale Kooperationskultur.

Taumelndes Europa

Viertens sollten die Erfahrungen in Europa zwischen 1890 und 1914, der Phase der ersten Globalisierungsbeschleunigung, Warnungen und Lehrmaterial für die Zukunft bieten. Digitale Technologien können dazu beitragen, Dekarbonisierung, Kreislaufwirtschaft , Dematerialisierung, Ressourcen- und Energieeffizienz sowie das Monitoring und den Schutz von Ökosystemen deutlich rascher voranzubringen. In vielerlei Hinsicht gleichen sich die Strukturmerkmale der aktuellen und der damaligen Dynamiken: Akzeleration grenzüberschreitender ökonomischer Aktivitäten, tief greifender Strukturwandel aufgrund technologischen Wandels, veränderte Arbeitsmärkte, sich vertiefende Stadt-Land-Gefälle, wissenschaftliche Durchbrüche (damals zum Beispiel in der Physik, der Mikrobiologie, der Gehirnforschung und Psychoanalyse – heute durch Digitalisierung, Nanotechnologien, Neurowissenschaften) – und infolge dieses beschleunigten Strukturwandels überforderte und gestresste Gesellschaften, deren Institutionen- und Wertegefüge nicht mehr dazu taugten, die sich Bahn brechenden Neuerungen und Innovationen zu gestalten. Die tiefen Umbrüche im Übergang zum 20. Jahrhundert mündeten in vielen Ländern Europas, insbesondere in Deutschland, in politischen Polarisierungen, autoritär-nationalistischen Bewegungen und letztlich zwei verheerenden Weltkriegen. Der Blick auf die Geschichte sollte Mahnung und Warnung für die zugleich zusammenwachsende und auseinanderstrebende Weltgesellschaft und das »taumelnde Europa« zu Beginn des 21. Jahrhunderts sein, in ihren Gesellschaften soziale Fliehkräfte zu bekämpfen und gemeinsame Lösungen für transnationale Interdependenzprobleme zu entwickeln, statt durch Nationalismus nationale und internationale Stabilität und Sicherheit zu unterminieren.

Digitale Revolutionen

Die digitalen Revolutionen sind in der jüngsten Gegenwart in den gesellschaftlichen Diskursen Deutschlands und Europas angekommen (siehe Messner und Schieferdecker, Seiten xy–yz). Es ist in der Rückschau fast unverständlich, dass »Digitalisierung« in der »Agenda 2030« und auch in der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie von 2017 nur ein Schattendasein führte. Nun wird immer deutlicher, dass die digitalen Veränderungen zu einem zentralen Motor gesellschaftlicher Umbrüche werden. Die Nachhaltigkeitstransformation muss mit der digitalen Transformation verbunden werden, indem die Möglichkeiten und Dynamiken der digitalen Umwälzungen an den Zielsystemen der »Agenda 2030« und des Pariser Klimasystems ausgerichtet werden. Zugleich werden die digitalen Transformationen das Nachhaltigkeitsparadigma selbst tief greifend verändern. Fünf Zusammenhänge stehen im Zentrum der Integration der Nachhaltigkeits- und der digitalen Transformation.

Erstens zeigen viele Studien, dass digitale Technologien dazu beitragen können, Dekarbonisierung (in der Energiewirtschaft, von Mobilitätssystemen, in der Industrie), Kreislaufwirtschaft, Dematerialisierung, Ressourcen- und Energieeffizienz sowie das Monitoring und den Schutz von Ökosystemen deutlich rascher voranzubringen, als dies ohne diesen Technologieschub möglich wäre. Von allein geschieht dies nicht. Entsprechende Ordnungspolitiken (zum Beispiel CO2-Bepreisung, wirkungsvolle Standards des Ressourcenverbrauches), die bisher weder in Deutschland noch in Europa hinreichend existieren, sind notwendig.

Zweitens könnte Digitalisierung, die nicht gestaltet und auf die Ziele der »Agenda 2030« ausgerichtet wird, bereits in vielen Gesellschaften existierende Problemlagen zusätzlich multiplizieren: Ungleichheiten (zum Beispiel am Arbeitsmarkt, in Bildungssystemen, in der internationalen Arbeitsteilungen) und soziale Fliehkräfte könnten weiter zunehmen; ökonomische und damit auch politische Macht könnten weiter konzentriert werden (siehe zum Beispiel die Bedeutung der »big five« Amazon, Apple, Google, Facebook und Microsoft für die digitale Transformation); Datensouveränität und Bürgerrechte könnten weiter eingeschränkt und Bürger- oder auch Konsumentenüberwachung weiter ausgebaut werden – vor allem in autoritären Gesellschaften; Regierungen könnten Gestaltungsfähigkeit verlieren, zum Beispiel weil digitale Geschäftsmodelle in virtuellen Räumen nur schwer besteuert werden können. Digitalisierung könnte andererseits auch dazu genutzt werden, diese Schieflagen zu bekämpfen, doch bisher sind weltweit nur wenige politische Gestaltungsprozesse der digitalen Transformation zu beobachten, wie sie zum Beispiel Cédric Villani in seinem Bericht »For a meaningful artificial intelligence« an Präsident Macron fordert. Die technologischen Beschleunigungen drohen Bürger und Regierungen gleichermaßen zu überfordern.

Die digitalen Revolutionen –»Worüber wir reden müssen!«

Drittens müssen die Anstrengungen von Politik, Wissenschaft, Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Akteuren vervielfacht werden, die multiplen Wirkungen des digitalen Wandels zu verstehen und tiefen Strukturwandel zu antizipieren, um so Grundlagen dafür zu schaffen, die Digitalisierung überhaupt gestalten und an der »Agenda 2030«, dem Pariser Klimaabkommen oder auch der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie auszurichten zu können. In der nahen Zukunft werden autonome technische Systeme, basierend auf lernenden Maschinen und general-purpose artificial intelligence, alle gesellschaftlichen und ökonomischen Bereiche grundlegend verändern: die Mobilität, Industriesektoren und Produktionsprozesse, Wertschöpfungsketten und internationale Arbeitsteilung, Arbeitsmärkte, Finanzsysteme, Wissenschaft, Bildung, Gesundheitssysteme, politische Entscheidungsfindungsprozesse, das Gerichtswesen. Auf künstlicher Intelligenz basierende Maschinen werden auf der Grundlage der Verarbeitung enormer Datenmengen Produktionsprozesse und Verkehrs- oder auch Finanzflüsse steuern, die Krankendiagnostik revolutionieren, Entscheidungsprozesse von Versicherungsunternehmen verändern, Entscheidungsvorlagen für Parlamente und Regierungen zur Verfügung stellen, Vorhersagen über das Verhalten von Individuen und Gruppen generieren.

Die menschliche Zivilisation basiert auf menschlicher Intelligenz, die bisher unser »Alleinstellungsmerkmal« ausmachte. Diese wird nun durch artifizielle Intelligenz ergänzt.

Die menschliche Zivilisation basiert auf menschlicher Intelligenz, die bisher unser »Alleinstellungsmerkmal« ausmachte. Diese wird nun durch artifizielle Intelligenz ergänzt, die menschlichem Analysevermögen zumindest in Teilbereichen schon heute bei Weitem überlegen ist. Die Verkopplung von menschlicher und artifizieller Intelligenz und die Schaffung von »meaningful artificial intelligence«, ausgerichtet an den Zielen menschlicher, nachhaltiger Entwicklung, werden zu einer Menschheitsaufgabe in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts. Wie kann die Fehleranfälligkeit (weltweiter) vernetzter technischer Infrastrukturen reduziert und deren Robustheit gestärkt werden? Wie können unsere Rechtssysteme mit dem beschleunigten technologischen Wandel Schritt halten? Wie können die nicht intendierten Wirkungen von privaten Investitionen zum Aufbau selbstlernender technischer Systeme und virtueller Räume von Bürgern verstanden und von Regierungen, an unseren Normensystemen ausgerichtet, gestaltet werden? Wie kann Wohlstand durch Automatisierung vermehrt werden und zugleich das Prinzip »Leave no one behind« verfolgt werden? Was implizieren die technologischen Revolutionen für die ärmsten Entwicklungsländer? Bis zu welchem Punkt sollen Technologien genutzt werden, um die kognitiven, physischen, emotionalen Fähigkeiten von Menschen zu verändern und zu verbessern? Welche ethischen Leitplanken sollten in der Diskussion über »die Transformation des Menschen«, über »human enhancement«, gesetzt werden? Diese Fragen verdeutlichen die Größenordnung der Gestaltungsaufgaben, die mit der digitalen Transformation verbunden sind.

Viertens sind mit den technologischen Durchbrüchen zugleich kaum vorstellbare Entwicklungspotenziale für die menschliche Zivilisation verbunden, wenn eine Gestaltung der Digitalisierung und weiterer mit ihr verbundener Technologien gelänge: die zu erwartenden Explosionen des Wissens, Möglichkeiten der transnationalen Vernetzungen in virtuellen Räumen als Grundlage der Entstehung von transnationalen Kooperationskulturen, Chancen des umfassenden Monitorings und damit auch des Schutzes des Erdsystems, durch Netzwerkbildung vervielfachte horizontale Teilhabechancen für viele Menschen. Der Buchdruck, der aus der Sicht der artifiziellen Intelligenz geradewegs als ein eher kleiner Schritt für die Entwicklung der Menschheit erscheint, hat die Aufklärung, die Wissenschaft, die Demokratie und die industrielle Revolution überhaupt erst möglich gemacht.27 Ist im Zusammenspiel von artifizieller Intelligenz und menschlicher Intelligenz, im Verbund mit menschlicher Empathie und sozialer Intelligenz, eine Art von neuer Aufklärung denkbar? Wie kann das Potenzial der Digitalisierung für die Lösung der großen Menschheitsherausforderungen des 21. Jahrhunderts genutzt werden?28

Fünftens wird eine Nutzung der Chancen der Digitalisierung, der Einhegung möglicher Risiken und der Verkopplung von digitaler und Nachhaltigkeitstransformation nur gelingen, wenn die digitale Forschungscommunity mit der Nachhaltigkeitsforschung zusammengeführt wird. Nach wie vor sind wir davon weit entfernt. Kraftanstrengungen, schnelles Handeln, neue Investitionen und langer Atem sind notwendig, um die größten Innovationsschübe der Menschheitsgeschichte mit der großen Transformation zur Nachhaltigkeit im 21. Jahrhundert zu verbinden.

Nachhaltigkeitspolitik

Wie wir handeln müssen

Um Kipppunkte im Erdsystem und Zivilisationskrisen zu vermeiden, müssen bis Mitte des Jahrhunderts eine Dekarbonisierung der Weltwirtschaft erreicht und Kreislaufökonomien etabliert werden. Deutschland und Europa sollten diese Herausforderungen nutzen, um in Europa Innovationen und Investitionen für Beschäftigung und nachhaltiges Wirtschaften voranzubringen.

  • Die Nachhaltigkeitstransformation kann nur gelingen, wenn der grassierende autoritäre Nationalismus in Deutschland und Europa zurückgedrängt wird. Gegen die rückwärtsgewandte Wut der Populisten hilft nur, attraktive Zukunftsperspektiven zu schaffen, soziale Kohäsion zu stärken, Ungleichheiten zu bekämpfen sowie globale Kooperationsperspektiven und erdsystemkompatible Ökonomien zusammen aufzubauen.
  • Die Nachhaltigkeitstransformation kann nur im digitalen Zeitalter gelingen. Zu-gleich kann ungesteuerte Digitalisierung völlig neue Herausforderungen hervorbringen. Bisher sind Digitalisierungs- und Nachhaltigkeitsforschung sowie Digitalisierungs- und Nachhaltigkeitspolitik weitgehend voneinander entkoppelt. Diese Missstände müssen rasch überwunden werden.
  • Forschung, Ministerien, Politik, Bildung, Wirtschaft, Kultur sind auf diese drei großen Bifurkationen, die den Weg Deutschlands, Europas und anderer Gesellschaften bis Mitte des Jahrhunderts prägen werden, nicht vorbereitet. Jede der drei Wegscheiden kann gesellschaftliche Krisen auslösen und verstärken. Sicherheit, Wohlstand, Demokratie und globale Zusammenarbeit können nur gelingen, wenn alle drei Bifurkationen in ihrem Zusammenspiel gemeistert werden.

Prof. Dr. Dirk Messner (56) ist Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE), Bonn und Co-Direktor des „Käte Hamburger Kolleg / Centre for Global Cooperation Research“ der Universität Duisburg-Essen. Er wird ab Ende 2018 Direktor des “Institute for Environment and Human Security“ der United Nations University (UNU-EHS) sein. Aufbauend auf seinen Forschungsgebieten, ist er in politischen Beratungsgremien tätig: Seit 2013 ist er Co-Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), seit 2014 Co-Vorsitzender des Sustainable Development Solutions Network Germany (SDSN) und seit 2017 der Wissenschaftsplattform Nachhaltigkeit 2030.