Die Grenzen des Erdsystems akzeptieren und umsteuern

Deutschland braucht eine wirtschaftliche Transformationsstrategie, die die Physik des Planeten akzeptiert und diese Erkenntnis zur Grundlage der Weiterentwicklung des Wohlstandes macht. Aus Sicht der Klima- und Erdsystemforschung sind die kommenden Dekaden bis zur Mitte des Jahrhunderts von zentraler Bedeutung.

Bis dahin müssen die energiebedingten Emissionen von Treibhausgasen auf nahe null abgesenkt, die weitere Degradierung von landwirtschaftlich nutzbaren Flächen und der Biodiversität gestoppt und die Übernutzung nicht erneuerbarer Ressourcen beendet werden. Eine Herkulesaufgabe – mit vielen Chancen, die sich in unkontrollierbare Risiken verwandeln, wenn die erdsystemischen Realitäten geleugnet werden.

Entscheidende Weichen müssen in den kommenden zehn bis 20 Jahren gestellt werden. Ansonsten könnten bereits im Verlauf des 21. Jahrhunderts Kipppunkte im Erdsystem erreicht werden, die die natürlichen Grundlagen menschlicher Zivilisation fundamental verändern würden: das Grönlandeisschild, das sieben Meter Meeresspiegelanstieg speichert, könnte abschmelzen, der Amazonas-Regenwald und das Monsun-Regensystem in Asien kollabieren, die Meere versauern, der Permafrost auftauen. Menschengemachter, gefährlicher Erdsystemwandel kann nur abgewendet werden, wenn Regierungen, Bürger und Unternehmen Erdsystemverantwortung übernehmen – und schnell handeln. Zukunftssicherung, Frieden, Wohlstand für unsere Zehn-Milliarden-Zivilisation können nur gelingen, wenn diese längst bekannten Megatrends ernst genommen werden.

Die Risiken sind hinreichend beschrieben, die Lösungen auch: Die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens zur Einhaltung der Zwei-Grad-Leitplanke und die entsprechend ehrgeizigen Klimaziele der Bundesregierung implizieren bis Mitte des Jahrhunderts den Übergang zu einer weitestgehend treibhausneutralen Gesellschaft. Dies erfordert substanzielle Emissionsreduzierungen in den kommenden Dekaden. Bis Mitte des Jahrhunderts muss zudem eine umfassende Kreislaufwirtschaft entstehen, sodass Wohlstandsvermehrung vom Verbrauch von Ressourcen, Emissionen und dem Druck auf Ökosysteme weitgehend entkoppelt wird. Helfen würden auch veränderte Lebensstile: Ernährungsmuster, die sich an den Ratschlägen der Weltgesundheitsorganisation zur Verminderung von Unter- und Fehlernährung orientierten, würden zum Beispiel einen übermäßigen Fleischkonsum mindern und so den Übergang zu einer umweltschonenderen Weltlandwirtschaft ermöglichen. Viele technologische Lösungen existieren, die Digitalisierung kann die Transformation zur Nachhaltigkeit erleichtern, die politischen Instrumente für den Umbau sind bekannt. Die Herausforderungen bestehen einerseits in dem engen Zeitfenster, in dem eine erdsystemkompatible Weltwirtschaft entwickelt werden muss, und andererseits darin, diesen umfassenden Umbau so zu gestalten, dass ökonomische Brüche und soziale Friktionen verhindert werden.

Deutschland und Europa verfügen in diesem Feld über viele Wettbewerbsvorteile. Der beschleunigte Aufbau einer nachhaltigen Wirtschaft sollte nicht als Verzichts-, sondern als Innovationsprogramm vorangetrieben werden. Dabei wäre Innovation nicht nur ökonomisch gemeint: ein neues, weltweit verallgemeinerbares Zivilisationsprojekt könnte entstehen, das sich von der Idee verabschiedet, die Entwicklungs- und Schwellenländer könnten das Entwicklungsmuster der Industrieländer wiederholen und diese könnten sich aufgrund ihres Reichtums irgendwie von den krisenhaften Folgen eines gefährlichen Klimawandels und von anderen Kipppunkten im Erdsystem abkoppeln.