Die großen Herausforderungen der Weltwirtschaft

In globaler Perspektive geht es der Menschheit heute materiell besser als je zuvor. Das durchschnittliche Einkommen pro Kopf ist etwa doppelt so hoch wie in den 70er-Jahren. Zudem ist sowohl der Anteil der Armen an der Weltbevölkerung als auch ihre Anzahl – trotz des massiven Bevölkerungswachstums der vergangenen Jahrzehnte – niedriger denn je. In Deutschland ist das Gesamtbild besonders positiv. Deutschland hat mittlerweile eine über 70 Jahre anhaltende Zeit des Friedens, des Wohlstandswachstums und der zunehmenden europäischen Integration erlebt.

Die soziale Marktwirtschaft hatte als wohlstandsschaffende Wirtschaftsordnung der jungen Bundesrepublik ermöglicht, sich aus den Ruinen des Krieges herauszuarbeiten. Wenige Jahrzehnte später ist es gelungen, nach dem Zusammenbruch der DDR die ostdeutschen Länder zu integrieren – und dies wirtschaftlich zu verkraften. Diese Jahrzehnte überdauernde Erfolgsgeschichte ist nicht vom Himmel gefallen. Die deutschen Unternehmen und ihre Arbeitnehmer haben die Möglichkeiten zur internationalen Arbeitsteilung intensiv genutzt. Unter anderem erlaubten ihnen eine solide berufliche Bildung und historisch gewachsene Ingenieurskunst, den technischen Fortschritt in Wettbewerbsvorteile umzusetzen.

Die Welt vor großen Umbrüchen

Dabei wurden die Wirtschaftsakteure von einer vergleichsweise gut funktionierenden Verwaltung und  von einer Wirtschaftspolitik begleitet, die zumindest im Kern auf die soziale Marktwirtschaft als Wirtschaftsordnung gesetzt hat. Das hart erarbeitete Wirtschaftswachstum hat dann mittelbar den Freiraum für die gesellschaftliche Weiterentwicklung geschaffen. Zu den prägenden Eigenschaften der Republik gehören heute die soziale Absicherung, die Gleichberechtigung der Geschlechter, die Verwirklichung vielfältiger Lebensentwürfe, Weltoffenheit und Toleranz. Aus heutiger Sicht erscheinen diese Errungenschaften nahezu selbstverständlich und geraten bisweilen aus dem Blick.

Doch Schritt haltend mit dem steigenden Lebensstandard sind die Anforderungen an den einzelnen Bürger gewachsen. Die Welt erscheint komplexer denn je, zumal die Geschwindigkeit ihrer Veränderung immer weiter zuzunehmen scheint. Der digitale Wandel steht stellvertretend für raschen und umfassenden Strukturwandel. Mit einem Wirtschaftswachstum, das auf intensiver Verflechtung und Spezialisierung aufbaut und darauf, dass Akteure bereit sind, unternehmerische Risiken einzugehen, geht zudem tendenziell eine hohe Verwundbarkeit einher. Es gibt viel zu verlieren, und es ist oft schwer auszumachen, wer für Fehlentwicklungen Verantwortung trägt.

Die soziale Marktwirtschaft hatte als wohlstandsschaffende Wirtschaftsordnung der jungen Bundesrepublik ermöglicht, sich aus den Ruinen des Krieges herauszuarbeiten.

An die Stelle klarer weltpolitischer Gegensätze der Vergangenheit sind mittlerweile wechselnde Interessen und Konflikte getreten. Jüngst haben sogar die USA, die als stärkste Wirtschaftsnation bisher für ein regelgebundenes multilaterales Welthandelssystem standen, diese Rolle faktisch aufgekündigt. Damit steht die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte unvermutet ganz auf dem Prüfstand, eine Ära des Protektionismus droht. Gerade für die deutsche Volkswirtschaft, die so sehr auf die Verfügbarkeit globaler Absatzmärkte und die damit verbundene intensive Spezialisierung der Unternehmen setzt, sind dies schlechte Neuigkeiten.

Mit dem zunehmenden Wohlstand der entwickelten Volkswirtschaften sind Fragen der Verteilung immer mehr in den Vordergrund des öffentlichen und politischen Diskurses gerückt. Insbesondere im Falle der USA, die anders als Deutschland kein stark nivellierendes Steuer- und Transfersystem aufweisen, ist das Los der Verlierer der Globalisierung in den Vordergrund getreten. Nationalistische und protektionistische Positionen gewinnen nicht nur dort zunehmend an Gewicht. Deutschland hingegen steuert auf einen Verteilungskonflikt der Generationen zu, die EU auf Verteilungskonflikte zwischen den Mitgliedstaaten.

Schließlich sind mittlerweile wirtschaftspolitische Herausforderungen mit globalem Charakter auf den Plan getreten, wie beispielsweise der Klimawandel, die globale Antworten erfordern. Dabei müssen Volkswirtschaften gemeinsam handeln, die völlig unterschiedliche Gesellschaftsmodelle verfolgen. Für ihre Verhandlungen gibt es keine übergeordnete Autorität. Im Angesicht dieser Herausforderungen wächst offenbar die Sehnsucht nach einer wirkmächtigen Politik, einer Politik, die in der Lage ist, der hohen Komplexität der Realität zum Trotz die richtigen Lösungen zu verfolgen, Wohlstandswachstum zu bewahren und Ungerechtigkeit zu verhindern.

Mit dem zunehmenden Wohlstand der entwickelten Volkswirtschaften sind Fragen der Verteilung immer mehr in den Vordergrund des öffentlichen und politischen Diskurses gerückt.

Bislang bestand die deutsche Antwort auf Fragen mit dieser Tragweite in einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, die einen äußeren Rahmen für die Entscheidungen und Handlungen einer Vielzahl dezentral operierender Akteure setzt und deren Koordination im Kern dem Markt überlässt. Das zentrale Vehikel dieser Koordination sind flexible Preise, die im Marktgeschehen bestimmt und nicht politisch gesetzt werden. Der Staat hat die Aufgabe, diese Ordnung gegenüber Partikularinteressen vielfältiger Art abzusichern. Diese begrenzte Rolle ist in einer sich stark verändernden Welt, die das einzelne Schicksal vermeintlich zunehmend zum Spielball nicht zu beherrschender Kräfte macht, immer wieder neu argumentativ zu begründen.

Deutschland im Wandel

Deutschland wird sich im kommenden Jahrzehnt in vielerlei Hinsicht wandeln. Man kann sich daher mit Blick auf das Jahr 2030 zwei Fragen nähern: »Wer werden wir sein?« – hier wird vor allem der demografische Wandel prägend wirken – und »Was werden wir tun?« – hier dürfte sich der in den vergangenen Jahrzehnten bereits erfolgreich bewältigte Wandel der Wirtschaftsstrukturen beschleunigt fortsetzen.

An kaum einem Aspekt der Lebenswirklichkeit lässt sich das Wachstum des materiellen Wohlstands deutlicher ablesen als an der Entwicklung der Lebenserwartung. Abbildung # (links oben) zeigt deutlich, wie seit dem hier gewählten Ausgangsjahr 1970 die Lebenserwartung bei Geburt angestiegen ist. Schritt haltend sind die Geburtenraten erheblich gesunken. Bei beiden Prozessen haben sich die Schwellenländer (SL) den Industrieländern (IL) angenähert.

Unter den Industrieländern gehört Deutschland seit dem Ende des Babybooms der 60er-Jahre zu den Ländern mit besonders niedriger Geburtenrate. Das Zusammenspiel von sinkenden Geburtenraten und steigender Lebenserwartung hat weltweit zu einer Alterung der Bevölkerung geführt. Wie der rasch steigende Anteil der über 65-Jährigen illustriert, ist der demografische Wandel in Deutschland sehr stark ausgeprägt. Der bevorstehende Eintritt der geburtenstarken Jahrgänge ins Rentenalter wird diesen Wandel im kommenden Jahrzehnt voraussichtlich weiter beschleunigen.

Deutschland altert

Modellrechnungen für Deutschland verdeutlichen, dass es kaum möglich sein dürfte, diesen Wandel vollständig aufzuhalten. Eine verstärkte Zuwanderung wird ihn bestenfalls abmildern können. Denn angesichts des bereits in der aktuellen Altersstruktur der Bevölkerung angelegten Alterungsprozesses wären die Zuwanderungszahlen recht hoch, die rein rechnerisch benötigt würden, um diese Strukturen auf dem aktuellen Stand zu bewahren. Die im aktuellen wirtschaftlichen Aufschwung zu beobachtende Zuwanderung aus dem Rest der EU dürfte zudem kein guter Gradmesser für künftig von dort zu erwartende Wanderungsströme sein.

Abbildung # (rechts oben) zeigt, wie im Gegensatz zu den Erwartungen für Deutschland das Bevölkerungswachstum in der Welt rasant voranschreiten dürfte. In der Folge werden die Bevölkerungsanteile der Industrieländer gegenüber denjenigen der Schwellenländer weiter schrumpfen, derjenige Deutschlands ist in der Abbildung aufgrund seiner geringen Größe ohnehin kaum noch zu erkennen. Um im weltpolitischen Geschehen eine wahrnehmbare Stimme zu bleiben, wird es daher für Deutschland darauf ankommen, seine hohe volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu bewahren und mit den europäischen Partnern eine Einheit zu bilden.

Unter den Industrieländern gehört Deutschland seit dem Ende des Babybooms der 60er-Jahre zu den Ländern mit besonders niedriger Geburtenrate.

Der demografische Wandel wird das Wachstum der Beschäftigung und der Wirtschaftsleistung hemmen. Das grobe Konzept einer übergreifenden volkswirtschaftlichen Produktionsfunktion erlaubt es, das Wachstum der Wirtschaftsleistung dem Zuwachs des geleisteten Arbeitsvolumens, dem Zuwachs an Sachkapital und einem dritten Faktor »technischer Fortschritt« zuzuweisen. Dieser Faktor sammelt alle Fortschritte ein, die im Zeitverlauf dafür sorgen, dass der Einsatz von Arbeit und Kapital zu einer immer weiter steigenden Wirtschaftsleistung führt. Dazu gehören unter anderem die Entwicklung neuer Produkte und der Einsatz neuer Prozesse in der Produktion. Der demografische Wandel nimmt Einfluss auf alle drei Faktoren.

Demografie und Arbeitsproduktivität

Insbesondere deuten Projektionen der zukünftigen demografischen Entwicklung darauf hin, dass das eingesetzte Arbeitsvolumen zurückgehen und damit dem durch die beiden anderen Faktoren getragenen Wachstum entgegenwirken wird. Erste Spuren sind bereits heute zu sehen, denn es mehren sich Klagen über Fachkräfteengpässe, besonders in einigen Branchen mit niedrigen Löhnen wie dem Pflegebereich. In Bezug auf den Arbeitsmarkt bietet sich eine Doppelstrategie an, Bemühungen um die Ausweitung des Arbeitskräftepotenzials einerseits und Maßnahmen zur Steigerung der Arbeitsproduktivität andererseits:

  • So könnten eine Flexibilisierung der Arbeitsorganisation und der weitere Ausbau der Ganztagsbetreuung für Kinder, es jungen Eltern erleichtern, Beruf und Familie zu vereinbaren und somit eine Arbeit aufzunehmen oder die Arbeitszeiten auszuweiten. Ähnliches gilt für einen Ausbau des Systems der Altenpflege.
  • Bei der Zuwanderung kann Deutschland auf ein vergleichsweise liberales Regelwerk für die Erwerbsmigration aufbauen, und es könnte den Arbeitsmarkt zusätzlich zu den akademischen Fachkräften aus Nicht-EU-Staaten auch für beruflich qualifizierte Fachkräfte ohne akademischen Abschluss öffnen.
  • Schließlich ließe sich das Arbeitskräftepotenzial zusätzlich erhöhen, indem Arbeitskräfte in einem späteren Alter in den Ruhestand gehen als heute, was bei steigender Lebenserwartung und einer veränderten Arbeitswelt mit deutlich geringeren physischen Belastungen durchaus möglich sein dürfte.

Doch auch die Attraktivität von Investitionen in Sachkapital und das Tempo, mit dem Innovationen den Stand des technischen Wissens vorantreiben, werden durch den demografischen Wandel tendenziell vermindert. Diesen Wachstumshemmnissen sollte die Politik in vielfältiger Weise begegnen. Es gibt im Prinzip eine Fülle von Stellschrauben, um den Investitions- und Innovationsstandort Deutschland attraktiver zu gestalten. Dazu gehören öffentliche Investitionen in die Infrastruktur, die Förderung von Bildung und Forschung sowie eine Reform der Unternehmensbesteuerung, die Deutschland im internationalen Steuerwettbewerb besser positioniert.

Im Hinblick auf die Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Arbeitsproduktivität birgt die bereits eingeleitete umfassende Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft große Versprechungen. Denn sie wird aller Voraussicht nach mit einem großen Strukturwandel einhergehen – im besten Falle von weniger produktiven zu produktiveren Tätigkeiten, von weniger produktiven zu produktiveren Unternehmen und von weniger produktiven zu produktiveren Wirtschaftsbereichen. Die deutsche Volkswirtschaft wird im Jahr 2030 jedoch nur dann eine hohe Leistungsfähigkeit aufweisen, wenn sie sich in der Lage zeigt, ihre Strukturen bis dahin auf diese Weise dynamisch weiterzuentwickeln.

Wandel der Wirtschaftsstrukturen

Ein dynamischer Wandel der Wirtschaftsstrukturen ist für die deutsche Volkswirtschaft nichts Neues. Abbildung # (links unten) zeigt, wie seit den 70er-Jahren der ohnehin bereits stark geschrumpfte Beschäftigungsanteil der Landwirtschaft fast vollständig gegenüber demjenigen der Industrie und den Dienstleistungen in den Hintergrund gerückt ist. Dabei weist Deutschland im internationalen Vergleich noch immer einen recht hohen Beschäftigungsanteil der Industrie auf. Im Einklang mit diesem Strukturwandel ist die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität – und damit der materielle Wohlstand – gewaltig angewachsen.

Da Unternehmen aus den Schwellenländern zunehmend als Konkurrenten auf den Gütermärkten auftreten, müssen die deutschen Unternehmen stetig ihre Produktivität steigern, um die hierzulande vergleichsweise hohen Löhne tragen zu können.

Der wirtschaftliche Aufstieg der Schwellenländer stellt eine der bedeutendsten globalen Veränderungen des laufenden Jahrhunderts dar. Er spiegelt eine immer stärker zusammenwachsende Weltwirtschaft wider. Sinkende Transport-, Informations- und Kommunikationskosten und der gezielte Abbau von Handelsschranken haben den Austausch von Gütern und Dienstleistungen beflügelt und global verzahnte Wertschöpfungsketten etabliert. Viel wird für die künftige Entwicklung der Weltwirtschaft davon abhängen, ob es gelingt, die aktuelle protektionistische Bedrohung dieser vertieften internationalen Arbeitsteilung abzuwenden.

Aus Sicht der deutschen Unternehmen geht es aber nicht nur darum, dass sie attraktive neue Absatzmärkte erschließen und sich durch die Auslagerung eines Teils ihrer Produktion, vor allem von Vorleistungen (Outsourcing), auf die Endfertigung von hoch spezialisierten Produkten konzentrieren können. Denn da Unternehmen aus den Schwellenländern zunehmend als Konkurrenten auf den Gütermärkten auftreten, müssen die deutschen Unternehmen stetig ihre Produktivität steigern, um die hierzulande vergleichsweise hohen Löhne tragen zu können. Dabei ruhen große Hoffnungen auf der umfassenden Digitalisierung der deutschen Volkswirtschaft.

Digitaler Wandel

Die Digitalisierung weist eine janusköpfige Natur auf: Großen Erwartungen hinsichtlich der Steigerung des materiellen Wohlstands und der Ausweitung individueller Entfaltungsmöglichkeiten stehen Sorgen im Hinblick auf hohen Leistungsdruck und erhebliche Anpassungserfordernisse gegenüber. Es gibt allerdings viele gute Gründe dafür, dass die Zuversicht überwiegen sollte.

Denn die Digitalisierung birgt nicht weniger als das große Versprechen, dass sie die Basis für die Fortsetzung der erfolgreichen Wirtschaftsgeschichte der vergangenen Jahrhunderte bilden kann. Dabei war stets der technische Fortschritt einer der zentralen Wohlstandsmotoren, neben einer vertieften internationalen Arbeitsteilung und Spezialisierung durch Handelsöffnung. Die Digitalisierung lässt sich als jüngste Ausformung dieses technischen Fortschritts begreifen. Ihre Anfänge hatte sie zwar bereits vor einigen Jahren in der Computerisierung der Verwaltung und der Robotisierung der Produktion.

Doch jetzt hat diese Entwicklung eine neue Qualität erreicht, zumindest im Hinblick auf die technischen Möglichkeiten. Denn mittlerweile können Objekte ihren Zustand selbstständig erkennen (Sensorik), daraus aus eigener Kraft die richtigen Schlussfolgerungen ziehen (Selbstregulation) und ebenso selbstständig handeln (Robotik). Aktuell entwickeln sich die »Industrie 4.0« und autonome Systeme in der Produktion, bei der Mobilität und im Wohnumfeld:

  • Neue Produkte und Dienste, insbesondere die Verknüpfung physischer Produkte mit maßgeschneiderten Dienstleistungen, werden es Unternehmen ermöglichen, ihre Marktanteile zu sichern und neue Geschäftsmodelle zu verwirklichen.
  • Neue Prozesse und Organisationsformen werden die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen zu geringeren Kosten gestatten; neue Akteure erlangen Marktzugang und regen die etablierten Akteure zur Leistungssteigerung an.
  • Auf den einzelnen Nutzer zugeschnittene Güter und Dienstleistungen erlauben eine raschere Befriedigung von Wünschen und bessere Qualität der Leistungen; ein längeres Leben wird mit stärkerer gesellschaftlicher Teilhabe verknüpft.

Das alles macht nicht nur große Hoffnungen auf eine Fortsetzung des deutschen Wachstums, sondern dürfte auch zur Konvergenz der Volkswirtschaften beitragen, vor allem zum weiteren wirtschaftlichen Aufstieg der Schwellenländer, der auch den deutschen Unternehmen wiederum neue Erfolgschancen eröffnet.

Aus Sicht der künftigen Generationen von Arbeitnehmern verspricht die digitalisierte Arbeitswelt der Zukunft, der im Folgenden die größte Aufmerksamkeit gilt, dass sich die Beteiligung am Arbeitsleben losgelöst von Raum und Zeit und befreit von körperlichen Einschränkungen vollziehen wird. Dies dürfte zu erhöhter gesellschaftlicher Teilhabe und einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf beitragen. Doch es gibt auch eine Kehrseite: Denn all das setzt einen starken Strukturwandel voraus und löst damit Ängste aus, nach diesem Wandel nicht mehr zum Mainstream der Gesellschaft zu gehören.

Deutschlands wirtschaftspolitische Herausforderungen

Verschiedene wirtschaftspolitische Herausforderungen in Deutschland und der Welt

Mittlerweile können Objekte ihren Zustand selbstständig erkennen (Sensorik), daraus aus eigener Kraft die richtigen Schlussfolgerungen ziehen (Selbstregulation) und ebenso selbstständig handeln (Robotik).

Die zunehmende Digitalisierung der Arbeitswelt stellt hohe Anforderungen an die Beschäftigten. Sie werden ihre Bildungsinvestitionen anpassen und sich im Verlauf ihres Arbeitslebens immer wieder auf ein gewandeltes Arbeitsumfeld einstellen müssen. So zeigt die Wirtschaftsgeschichte der vergangenen Jahrhunderte, dass technologische Fortschritte immer nur im Verbund mit einem leistungsfähigen Bildungssystem zu großem Wirtschafts- und Wohlstandswachstum geführt haben. Erst die breite Diffusion neuen Wissens erlaubt eine erfolgreiche Innovation.20 Die Voraussetzungen dafür sind in Deutschland vergleichsweise gut.

Deutschland weist ein weitgehend staatlich finanziertes und breit angelegtes System der schulischen und beruflichen Bildung auf. Bislang blieben die vor dem Berufseintritt liegende Phase der schulischen und beruflichen (Aus-) Bildung und die darauffolgende längere Phase der beruflichen Karriere, in der die Früchte der Bildungsinvestitionen geerntet wurden, weitgehend getrennt. Die meisten Arbeitnehmer erarbeiteten sich weiterführende Lerninhalte während des Berufslebens eher unsystematisch und beiläufig. Im Vordergrund standen dabei häufig für den Betriebsablauf spezifische Kenntnisse, deren Erwerb Unternehmen und Beschäftigte enger aneinander bindet.

Hohe Bedeutung von Bildungsinvestitionen

Doch die Geschwindigkeit, mit der technische und organisatorische Neuerungen das Arbeitsleben verändern und bestehende Kompetenzen obsolet werden, wird diese klare zeitliche Trennung von Bildung und Berufskarriere nicht mehr zulassen. Für die Mehrzahl der Arbeitnehmer wird es künftig nicht mehr ausreichen, einen guten Berufsabschluss zu erlangen und davon dann jahrzehntelang zu zehren. Sie werden vielmehr während ihres Berufslebens stetig immer wieder in ihr »Humankapital« investieren müssen. Dafür werden sie zu einem erheblichen Teil selbst sorgen müssen, denn bei der Weiterbildung dürften künftig solche Fähigkeiten stärker im Vordergrund stehen, die leicht auf andere Unternehmen übertragen werden können.

Zudem werden sich die Bildungsinhalte ändern: Es wird stärker um den Erwerb der Fähigkeit gehen, neue Inhalte rasch aufzugreifen und in die praktische Arbeit zu übertragen, um die Kompetenz zur Lösung neu auftretender Probleme und um die Fähigkeit, sich an wandelnde Anforderungen flexibel anzupassen. Stärker denn je werden Kreativität und soziale Kompetenzen, die zur konstruktiven Zusammenarbeit in einem Team befähigen, Wertschätzung erfahren und über den beruflichen Erfolg bestimmen. Das Zusammentreffen mit dem demografischen Wandel macht die aufgrund der Digitalisierung notwendigen Wandlungen noch herausfordernder.

Denn zum einen macht die Digitalisierung eine permanente Auffrischung der Kompetenzen erforderlich, zum anderen hängen Lernfähigkeit und Alter eng miteinander zusammen. Die Jungen können tendenziell besser neue Probleme lösen, Älteren hingegen ermöglicht ihr Erfahrungswissen, die geringere kognitive Geschwindigkeit durch das Vermeiden von Fehlern zu kompensieren. Die Ausbildungsentscheidung wird daher keine einzelne Investitionsentscheidung mehr sein, bei der den anfänglichen Kosten die Erwartung höherer künftiger Arbeitseinkommen gegenübersteht, sondern eine mehrfach während der Berufskarriere zu treffende Entscheidung.

Organisation von Bildung und Ausbildung

Es stellt sich daher die Frage, wie Bildung und Ausbildung künftig organisiert werden sollten. Es dürfte wohl kaum anzuraten sein, lediglich immer größere Anteile eines Geburtsjahrgangs in eine tertiäre Ausbildung zu drängen. Vor allem werden in der digitalen Arbeitswelt nicht nur formale Kompetenzen, sondern vielmehr die Fähigkeit zu ihrer Anwendung in der betrieblichen Praxis gefragt sein. Es gilt daher, die historisch gewachsene duale Ausbildung im Hinblick auf die Anforderungen der digitalisierten Welt weiterzuentwickeln.23 Zudem dürften die Hochschulen näher an die betriebliche Praxis heranrücken und sich verstärkt der Weiterbildung zuwenden.

Da viele Unternehmen im Strukturwandel auf Arbeitnehmer angewiesen sind, die ihre Fähigkeiten stetig weiterentwickeln, dürften sie kaum umhinkommen, ebenfalls verstärkt in die Fortbildung ihrer Belegschaft zu investieren. Dabei könnten es modularisierte Bildungsinhalte und innovative Konzepte wie MOOCs, Mikro- oder Nano-Abschlüsse den Arbeitnehmern ermöglichen, berufsbegleitend neue Fertigkeiten aufzugreifen. Damit es für die Unternehmen sinnvoll ist, diese Angebote auf breiter Basis bereitzustellen, sind die Arbeitnehmer allerdings auch angemessen an deren Kosten zu beteiligen.

Die deutsche Volkswirtschaft wird in einem scharfen internationalen Wettbewerb um Talente stehen.

Angesichts dieser vielfältigen Veränderungen beim Erwerb, Erhalt und Ausbau der produktiven Kapazität im Lebensverlauf dürften sich die mit diesen Bildungsinvestitionen verbundenen Markteinkommen ebenfalls stärker auffächern. Deutschland ist allerdings wie kaum eine andere Volkswirtschaft für diese Herausforderung gewappnet, denn das deutsche Steuer- und Transfersystem trennt im gewissen Maße die Markteinkommen von den an der Familiensituation ausgerichteten verfügbaren Einkommen. Hohe volkswirtschaftliche Leistungsfähigkeit lässt sich so mit einer im internationalen Vergleich unspektakulären Ungleichheit der verfügbaren Einkommen verbinden.

Darüber hinaus wird die deutsche Volkswirtschaft in einem scharfen internationalen Wettbewerb um Talente stehen. Es gilt daher, ihre Kreativität und Leistungsbereitschaft frei zur Entfaltung kommen zu lassen und risikobereite, kreative Unternehmer zu ermutigen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Dies alles begrenzt die Möglichkeit eines allzu progressiven Systems der Einkommensbesteuerung. Gleichzeitig muss ein breit angelegtes System lebenslanger Bildung etabliert werden, das alle mitnimmt und die Befähigung zum eigenständigen Bewältigen des Wandels gegenüber der Reparatur der negativen Konsequenzen des Strukturwandels betont.

Mittlerweile sind wirtschaftspolitische Herausforderungen mit globalem Charakter auf den Plan getreten, die globale Antworten erfordern. Dies wird nur gelingen, wenn die Lösungsansätze die bisweilen recht unterschiedlichen Interessen der Volkswirtschaften berücksichtigen. Anhand der Herausforderung durch den Klimawandel lässt sich gut aufzeigen, wie sich unser Umfeld in dieser Hinsicht gestalten wird.

Rationale Energie- und Klimapolitik

Die Tragfähigkeit des Planeten wird seit Jahren kontrovers und mit wachsender Sorge diskutiert.25 Eine besonders ernsthafte Bedrohung wird dabei im globalen Klimawandel gesehen. Vor diesem Hintergrund einigten sich im Dezember 2015 fast 200 Staaten beim Klimagipfel von Paris auf ein gemeinsames Abkommen zum Klimaschutz. Dessen ehrgeiziges Ziel ist es, bis zum Ende dieses Jahrhunderts das Ausmaß der globalen Treibhausgasemissionen, das über die Aufnahmekapazität der natürlichen und künstlichen CO2-Senken hinausgeht, auf null zu reduzieren und so die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen.

Die nationale Energiepolitik hat drei übergreifende Ziele miteinander in Einklang zu bringen: Die Energieversorgung soll 1. wirtschaftlich, 2. versorgungssicher und 3. umweltverträglich sein. Bislang beruhte die Energieversorgung weitgehend auf fossilen Energieträgern. Doch vor allem durch die zunehmende Bedeutung der dritten Zieldimension, der Umweltverträglichkeit, ist die Aufgabe der Energiepolitik in den vergangenen Jahren noch komplexer geworden. So muss sie mittlerweile in eine globale Klimapolitik eingebettet werden, denn die angestrebte globale Emissionsneutralität lässt sich nur durch eine drastische Reduktion der global anfallenden Emissionen von Treibhausgasen erreichen.

Wie Abbildung # (rechts unten) zeigt, ging das vom etablierten fossilen Energiesystem getragene gewaltige Wachstum des materiellen Wohlstands, das die jüngere Menschheitsgeschichte prägte, trotz einer Steigerung der Energieeffizienz mit einem drastischen Anstieg von Treibhausgasemissionen einher. Inzwischen macht der drohende Klimawandel eine massive Umstellung des globalen Systems der Energieversorgung erforderlich. Es muss sich von der Nutzung fossiler Energieträger lösen, um in der globalen Gesamtbilanz keine zusätzlichen Emissionen von Treibhausgasen mehr zu erzeugen. Die nationale Energiepolitik sollte daher so ausgerichtet sein, dass sie zur Lösung dieser globalen Herausforderung wirksam beiträgt.

Die Energiepolitik sollte zwei Strategieelemente verbinden. Zum einen gilt es, eigene Anstrengungen zur Rückführung von Treibhausgasemissionen zu unternehmen. Zum anderen müssen diese nationalen Bemühungen in internationale Verabredungen eingebettet werden.

Die Antwort darauf ist keineswegs trivial, denn mit eigenen Anstrengungen allein ist es nicht getan. Natürlich würde es zu einer Rückführung der globalen Treibhausgasemissionen kommen, wenn alle Volkswirtschaften jeweils ihre nationalen Emissionen zurückführten. Doch hier liegt auf der globalen Ebene eine Situation der strategischen Interaktion vor. Das, was eine Volkswirtschaft wie Deutschland zur globalen Problemlösung beiträgt, mag die Regierungen anderer Länder im Sinne eines positiven Vorbilds mitreißen – oder diese aufgrund der sinkenden Dringlichkeit des eigenen Handelns zu weniger ambitionierten Anstrengungen verleiten.

Die nationale Energiepolitik sollte daher zwei Strategieelemente miteinander verbinden. Zum einen gilt es, eigene Anstrengungen zur Rückführung von Treibhausgasemissionen zu unternehmen, die dem Anspruch volkswirtschaftlicher Effizienz genügen. Denn nur dann, wenn sie das Ziel der Wirtschaftlichkeit nicht aus dem Auge verlieren, können sie die angestrebte positive Vorbildfunktion erfüllen. Zum anderen müssen diese nationalen Bemühungen in glaubwürdige internationale Verabredungen eingebettet werden. Denn nur dann, wenn sie anreizverträglich ausgestaltet sind, werden sie die einzelnen Teilnehmer auch tatsächlich einhalten.

Einbettung der deutschen Energiewende

Die deutsche Energiewende zielt darauf ab, das nationale Energiesystem so zu transformieren, dass es auf den Einsatz fossiler Brennstoffe möglichst vollständig verzichtet. Ein zentraler Eckpunkt war dabei die Festlegung einer Vielzahl klimapolitischer Ziele im »Energiekonzept 2010« der Bundesregierung. Nach dem Atomunfall von Fukushima im Jahr 2011 wurden die Umstellungserfordernisse durch den Beschluss, früher aus der Stromerzeugung durch Kernenergie auszusteigen, beschleunigt. Im Hinblick auf den Anspruch der volkswirtschaftlichen Effizienz ließ die Umsetzung der Energiewende allerdings bislang viel zu wünschen übrig.

Vor allem war sie bislang nahezu ausschließlich auf die Förderung von erneuerbaren Energien bei der Stromerzeugung verengt. Diese Förderpolitik war zwar sehr effektiv, denn sie hat zu einem starken Ausbau der regenerativen Stromerzeugungskapazitäten geführt. Doch zugleich war sie spektakulär ineffizient, denn die mit dieser Förderung verbundenen Kosten sind förmlich explodiert, ohne dass der Stromsektor damit einen großen Beitrag zur Einsparung der deutschen Treibhausgasemissionen geleistet hätte. Das Ziel der Verringerung der Treibhausgasemissionen um 40 Prozent im Jahr 2020 im Vergleich zum Bezugsjahr 1990 ist kaum noch zu erreichen.

Von Beginn an war die planwirtschaftliche Ausrichtung das Kernproblem bei der Umsetzung der Energiewende. Die richtige Reaktion auf die absehbaren Zielverfehlungen wäre nun ein radikaler Kurswechsel mit dem Ziel, einen einheitlichen Preis für CO2 zu etablieren, am besten gleich auf der europäischen Ebene, wo dafür bereits ein Instrument zur Verfügung steht, das europäische Emissionshandelssystem. Dafür müsste allerdings sein Geltungsbereich auf den Verkehrssektor, Privathaushalte und bisher ausgenommene Industrien erweitert werden. Damit ließe sich auch die Verengung der deutschen Energiewende auf den Stromsektor überwinden.

Die Koordination der globalen Klimapolitik ist nach wie vor eine ungelöste Herausforderung. In ihrem Mittelpunkt steht die Frage der für alle Beteiligten akzeptablen Lastenteilung. So wollen insbesondere die Schwellen- und Entwicklungsländer ihre wirtschaftliche Entwicklung nicht zugunsten des Klimaschutzes hintanstellen. Da das Pariser Abkommen diese Koordinationsaufgabe in einem Bottom-up-Ansatz auf der Basis von nationalen Klimaplänen angeht, konnten zwar viele Staaten für die Unterzeichnung des Abkommens gewonnen werden, doch umso stärker ergeben sich die genannten Probleme der strategischen Interaktion durch mögliches Trittbrettfahrerverhalten.

Einzig die volkswirtschaftlichen Kosten sollten darüber entscheiden, an welchem Ort und in welchem Sektor die Emissionen wie stark zurückgeführt werden.

Schon allein, um die letztlich aufzuteilenden Umstellungskosten nicht unnötig aufzublähen, ist es erstrebenswert, die globale Energiewende volkswirtschaftlich so effizient wie möglich zu realisieren. Einzig die volkswirtschaftlichen Kosten sollten darüber entscheiden, an welchem Ort und in welchem Sektor die Emissionen wie stark zurückgeführt werden. Ein globaler Emissionshandel oder alternativ eine globale CO2-Steuer könnten einen globalen CO2-Preis etablieren und zu solchen effizienten Lösungen ermutigen. Internationale Verhandlungen könnten sich dann auf die Vereinbarung der nationalen Anteile an den – vergleichsweise niedrigen – globalen Gesamtkosten konzentrieren. Dieses Ringen lohnt sich. Denn so ließen sich die wirtschaftliche Entwicklung der ärmeren Volkswirtschaften und globaler Klimaschutz miteinander verbinden.

Weltwirtschaft

Wie wir handeln müssen

 

Künftig werden wirtschaftspolitische Herausforderungen mit globalem Charakter immer wieder Volkswirtschaften mit völlig unterschiedlichen Gesellschaftsmodellen an den Verhandlungstisch zwingen. Gerade weil die soziale Marktwirtschaft im Resultat für individuelle Freiheit und Chancengerechtigkeit steht, ist es für die deutsche Politik so wichtig, deren Grundzüge – wie Eigenverantwortung und Wettbewerb – nicht infrage zu stellen, sondern vielmehr daraus Kraft zu schöpfen.

  • Die zunehmende Komplexität weckt einen immer stärkeren Wunsch nach Planbarkeit. Doch die Politik kann keine eindeutigen Pfade in die Zukunft weisen. Sie kann bestenfalls Vorsorge und Risikomanagement betreiben; der Schlüssel für materiellen Wohlstand und soziale Sicherheit liegt aber auch künftig in individueller Verantwortung und Initiative.
  • Die zunehmende Veränderungsgeschwindigkeit und die schrumpfende Planbarkeit wirtschaftlichen Erfolgs führen zu einem steigenden Wunsch nach Versicherung und Umverteilung. Es gilt jedoch, Subsidiarität und Solidarität so zu balancieren, dass das, was am Markt erwirtschaftet wird, letztlich für das Ergebnis nach der Umverteilung maßgeblich bleibt.
  • Die Herausforderungen der globalisierten Welt rufen eine zunehmende Sehnsucht nach wirkmächtiger Politik hervor, um unliebsame Konsequenzen des Strukturwandels zu korrigieren. Doch die Politik muss sich zu ihren eigenen Erkenntnisdefiziten und ihrer begrenzten Wirkmächtigkeit bekennen und sollte daher vor allem auf die dezentrale Organisation des Geschehens und Befähigung des Einzelnen zum Erfolg setzen.

Prof. Dr. Christoph M. Schmidt (55) ist einer der einflussreichsten deutschen Ökonomen und Politikberater. Als Vorsitzender des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung widmet er sich unter anderem Fragen des Arbeitsmarkts und der europäischen Integration sowie den Zukunftsthemen Digitalisierung und Globalisierung. Der Präsident des RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung ist zudem stellvertretender Vorsitzender des Akademienprojekts »Energiesysteme der Zukunft« (ESYS) und Präsidiumsmitglied der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech).