Die Lebensträume für Deutschland 2030

Auch Träume kann man in Zahlen fassen. In einer großen Studie haben wir über 3.100 dieser Träume gesammelt, sie katalogisiert und analysiert. Es waren Träume von Männern und Frauen, die zwischen 14 und 80 Jahren alt waren, in ganz Deutschland lebten, in Ost und West, Süd und Nord, in Städten und auf dem Land, mit oder ohne Migrationserfahrung. Gesprochen haben wir nicht über die Träume von heute, für das Hier und Jetzt. Es ging uns darum zu erfahren, welche Welt sich die vielen Menschen für die kommende Generation wünschen.

Nun sind Generationenspannen so einfach nicht zu definieren, wir wissen also nicht präzise zu sagen, ob sich die Menschen bei der Befragung Deutschland im Jahr 2030 oder 2040 vorgestellt haben. Allerdings spricht vieles dafür, dass sie eher eine relativ kurze Zeitspanne ins Auge gefasst haben. Die Menschen äußerten keine futuristischen Träume, sie bewegten sich eher in der nahen Zukunft, in einem Rahmen, den sie zu überblicken glaubten. 2030 kommt da schon hin.

Was also haben wir erfahren? Zu betonen und nicht hoch genug zu bewerten ist zunächst, dass sich die Träume der Menschen, ihr Vermächtnis an die nächste Generation, so sehr gar nicht unterscheiden.

Das Vermächtnis verbindet die Menschen

Die Menschen teilen über alle Unterschiede in ihrem sozialen und ethnischen Hintergrund, ihrer Bildung, ihrem Erwerbsstatus, ihrem Geschlecht und ihrer familiären Situation hinweg eine gemeinsame Vision dessen, wie sie in Zukunft leben wollen. Die Menschen weichen in ihren Empfehlungen an die kommenden Generationen viel weniger voneinander ab als in ihren Einstellungen heute. Dies gilt für alle Lebensbereiche. Sie haben ähnliche Vorstellungen davon, wie Bildungschancen verteilt, der Sozialstaat organisiert und welche Rolle Technik in unserem Leben spielen sollte. Diese Erkenntnis können wir daraus ableiten, dass die Menschen in ihren Empfehlungen an die kommenden Generationen viel weniger voneinander abweichen als in ihren Einstellungen heute. Dies gilt für alle Lebensbereiche. Warum ist das wichtig? Viele Menschen fühlen sich heute zwar abgehängt und die soziale Ungleichheit zwischen den Menschen ist zweifellos sehr groß. Dennoch sind sie in vielen Lebensbereichen durch gemeinsam getragene Vorstellungen verbunden, wie die Zukunft aussehen sollte.

Die Menschen sind offen für Selbstkritik

Die eigenen Einstellungen werden nicht einfach über alle Bereiche hinweg an die nächste Generation weitergegeben. Bei allen Fragen, die sich mit dem Lernen befassen, liegen die Einstellungen heute und die Empfehlungen an die kommenden Generationen weit auseinander. Die Menschen wissen, sie sollten sich stärker für die Technik und Möglichkeiten des Internets interessieren, sie sollten sich mehr über die Entwicklungen in Politik und Kultur informieren. Ebenso ist man sich bewusst, dass man die Haus- und Familienarbeit gerechter aufteilen und mehr auf die eigene Gesundheit achten sollte, wie auch auf gesundes Essen und die Nahrungsmittelproduktion. All dies legen sie den kommenden Generationen nahe. Die Selbstkritik ist deutlich. Unsere Studien zeigen aber auch, dass die meisten Menschen davon überzeugt sind, dass sie es selbst immer noch besser machen als der Rest der Gesellschaft. Solange man diese Rechtfertigung heranzieht, wird sich nichts bewegen. Selbstreflexion ist sympathisch, aber sie allein reicht nicht aus. Es braucht den Impuls von außen.

Die Vermächtnisstudie belegt das an vielen Beispielen. Allein ihre Offenheit für Neues und ihre Fähigkeit zur Selbstreflexion zeigen, dass die Menschen nicht jammern, wenn sich die Welt verändert. Auch in dem, was die Menschen in Zukunft erwarten, sehen wir keine Hysterie. Es kommt nicht immer so, wie sie es sich wünschen, aber es wird auch nicht ganz schlecht. Dieses Muster finden wir sogar bei jenen, denen es heute nicht so gut geht. Von tiefer Resignation keine Spur. Eher signalisiert man, Hilfe zu brauchen und nicht zu wissen, wer informieren und unterstützen könnte.

Die Menschen wissen, was sie wollen

Sie beurteilen die gesellschaftliche Dynamik bereichsspezifisch sehr unterschiedlich. Die Erwerbsarbeit ist den Menschen äußerst wichtig. In ihrem Vermächtnis formulieren fast alle den Wunsch, dass es auch so bleibt. Aber sie ist anders bei der Familie. Die »Normalfamilie« ist nicht mehr das Maß der Dinge, vielfältige Modelle werden gelebt, und jedes wird von den jeweiligen Menschen so geschätzt, dass es auch der nachfolgenden Generation vermacht werden soll. Die Menschen wissen, sie müssen sich bewegen, um mit der dynamischen Entwicklung Schritt zu halten. Sich schulen, sich anstrengen, sich interessieren. Vielfalt und Pluralität dominieren. Und wie sieht es im Umgang mit der Technik aus? Die Menschen wissen, sie müssen sich bewegen, um mit der dynamischen Entwicklung Schritt zu halten. Sich schulen, sich anstrengen, sich interessieren. Ein »Mehr« wird vermacht, doch eine Überforderung zeichnet sich ab.

Soweit einige übergreifende Ergebnisse. Was hat die Vermächtnisstudie nun zu den aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskursen zu sagen? Kann sie die Politik informieren? Ich begrenze die Ausführungen auf den großen Bereich der sozialen Ungleichheit und schließe mit einigen Beobachtungen zur gesellschaftlichen Dynamik.

Wie beurteilen die Menschen die soziale Gerechtigkeit in Deutschland?

Für die Menschen spielt die erbrachte Leistung eine zentrale Rolle. Wer mehr leistet, soll auch mehr haben, da sind sich alle Befragten einig. Es ist das Konzept der Ergebnisgerechtigkeit. Das Äquivalenzprinzip lebt. Was nicht selbstverständlich ist. Und in gewisser Weise sehr hart. Denn die unterschiedlichen Zugangschancen zu wichtigen Ressourcen werden nicht berücksichtigt. Betrachtet wird nur das Äquivalent von Leistung und Gegenleistung heute. Nun weiß man, dass Menschen aus sogenannten bildungsfernen Elternhäusern in Deutschland wesentlich geringere Chancen haben, Zugang zu guter Bildung und Ausbildung zu erhalten und entsprechend zu gut bezahlter Arbeit. Doch um diesen umfassenderen Gerechtigkeitsbegriff scheint es den Menschen weniger zu gehen. Oder ihnen ist der Zusammenhang nicht immer bewusst. Aber selbst wenn nur Ergebnis und Äquivalenz zählen, sehen die Menschen Probleme. Die Befragten weisen auf Missstände in drei Bereichen hin: die zu hohe Lohnspreizung, das Unterhöhlen der Äquivalenz durch zu niedrige Lohnersatzleistungen, insbesondere bei der Rente, und die Diskriminierung, also ungleicher Lohn für vergleichbare Arbeit.

  • Die Menschen in Deutschland kritisieren die zu hohe Bandbreite der Vergütung von Leistungen. Leistung kennt ein natürliches Unten und Oben, die Spreizung ist nicht endlos. Sprich: Eine Arbeitsstunde muss einen bestimmten Mindestbetrag wert sein, und dieser kann eine gewisse Höhe nicht überschreiten. Überhaupt nicht vermittelbar sind Bonuszahlungen, die auch dann gewährt werden, wenn eine schlechte oder keine Leistung erbracht wurde. Die Befragten unserer Studie fordern daher einen Mindestlohn und eine Mindestsicherung bei der Rente auf der einen Seite und Obergrenzen für das erzielte Einkommen auf der anderen. Hier tut sich ein politischer Gestaltungsspielraum auf, sei es bei den Primäreinkommen oder bei ihrer steuerrechtlichen Behandlung.
  • Die Menschen in Deutschland beklagen die zu niedrigen Lohnersatzleistungen. Sie erleben, dass das Äquivalenzprinzip von innen ausgehöhlt wird. Sehr viele Rentnerinnen und Rentner bezeichnen sich als subjektiv arm, obgleich sie es rein statistisch gesehen nicht sind. Trotz erbrachter Lebensleistung können sie ihren Lebensstandard im Alter nicht halten und sehen den Staat in der Pflicht. Auch Diskriminierung führt dazu, dass sich Menschen subjektiv arm fühlen. Beispielsweise Menschen in den neuen Bundesländern, deren Löhne durchschnittlich geringer sind als die Löhne im Westen. Oder Menschen mit eigener Migrationsgeschichte, die oft niedrigere Einkommen beziehen, auch weil ihre Qualifikationen nicht entsprechend anerkannt werden. Diskriminiert fühlen sich aber auch Frauen, die davon überzeugt sind, nicht ihrer Leistung entsprechend entlohnt zu werden. Wie richtig diese Wahrnehmung ist, bestätigen alle offiziellen Statistiken.

Erwerbsarbeit – (auch) ein Weg zu mehr sozialem Zusammenhalt

Die Menschen in Deutschland wollen erwerbstätig sein. Wie unsere Studien zeigen, würde die große Mehrheit auch dann arbeiten, wenn sie das Geld nicht brauchte. Im Vermächtnis gibt man diese Einstellungen mit größtem Nachdruck weiter. Warum ist das so? Erwerbsarbeit steht für mehr als Leistung und Einkommen. Es geht um ein Miteinander, um Zugehörigkeit, um Teilhabe, neue Erfahrungen und Selbstentfaltung. Erwerbsarbeit steht für ein Stück Leben außerhalb der Familie und für Räume, die häufig unterschiedliche soziale Kreise zusammenbringen.

Über die Jahrzehnte haben wir aber viele solcher Räume verloren. Die Bedeutung der traditionellen Religionen in Deutschland hat abgenommen. Damit entfällt das Miteinander in den Kirchen und Gemeinden, im Kommunions- und Konfirmationsunterricht. Schulen werden verstärkt zu einem Ort, an dem sich Kinder aus vergleichbaren sozialen Lagen treffen. Gleiches gilt für Stadtteile. Aufgrund teilweise dramatisch gestiegener Mieten und hoher Immobilienpreise wohnen Menschen unterschiedlicher Schichten zunehmend weniger in einer gemeinsamen Nachbarschaft. Damit entfallen weitere Orte der Begegnung. Den Militärdienst haben wir abgeschafft und, noch einschneidender, den Zivildienst. Hier entfallen ebenfalls Schnittpunkte zu anderen gesellschaftlichen Kreisen. Ich sehe nicht, wie wir den Menschen das für sie notwendige Miteinander und der Gesellschaft die Gemeinschaft erhalten können, wenn wir den Menschen systematisch Orte der Begegnung nehmen, auch jene, die sich oft durch die Erwerbsarbeit ergeben.

Natürlich werden sich Menschen selbst organisieren, sich treffen und miteinander etwas unternehmen. Inwieweit dies aber über soziale und ethnische Schranken hinweg erfolgen wird, ist und bleibt die große Frage. Wir sollten daher alles dafür tun, soziale Marktplätze wieder aufzubauen. Ein verpflichtender Zivildienst für Männer und Frauen als soziale Innovation wäre ein Weg von vielen. Eine Änderung der Wohnungsbau-, Immobilien- und Mietpolitik ist zwingend. In Kindergärten und Schulen ist dringend zu investieren, damit nicht bereits deren Ausstattung und Qualität zu einer weiteren Segregation unserer Kinder führt.

Beschäftigung fördern und Einkommensspreizung verkleinern

Soziale Gerechtigkeit ist also weniger durch ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle zu erreichen. Vielmehr müsste man den Mindestlohn anheben und die sehr hohen Einkommen stärker begrenzen oder besteuern. Es müsste auf der einen Seite gewährleistet werden, dass der Mindestlohn flächendeckend gilt, also auch Menschen einschließt, die in neuen Beschäftigungsformen außerhalb des tarifgebundenen Bereichs arbeiten, wie etwa Crowdworker.

Es bedarf somit der Ausweitung der Tarifbindung auf arbeitnehmerähnliche Beschäftigungsformen, wie sie im »Weißbuch« des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales und auch von der Kommission »Arbeit der Zukunft« gefordert wird. Das Einkommenstransparenzgesetz wiederum kann helfen, den Gender Wage Gap und die damit verbundene Diskriminierung, insbesondere von Frauen, abzubauen. Hinzukommen muss allerdings auch eine den Leistungen im Sorgesektor angemessene Bezahlung. Weiterhin bestünde die Notwendigkeit, das rechnerische Rentenniveau von 48 Prozent anzuheben und so einer empfundenen Aushöhlung des Äquivalenzprinzips zu begegnen.

Wir sollten daher alles dafür tun, soziale Marktplätze wieder aufzubauen. Ein verpflichtender Zivil- dienst für Männer und Frauen als soziale Innovation wäre ein Weg von vielen.

Auf der anderen Seite der Einkommensverteilung wäre eine stärkere Progression in der Einkommensteuer mit höheren Spitzensteuersätzen oder einer Obergrenze für den steuerlichen Abzug wohl eher durchsetzbar als der von den meisten Befragten unterstützte Maxilohn. Ein deutliches Zeichen läge in einer freiwilligen Selbstverpflichtung der Unternehmen, die Lohnspanne innerhalb des eigenen Unternehmens zu begrenzen, etwa durch die Kopplung der Vorstandsgehälter an das durchschnittliche Einkommen der Beschäftigten. Dies gilt natürlich nur dann, wenn anders als bei der Anzahl von Frauen in Vorstandspositionen nicht die Null als Zielgröße und damit der Status quo formuliert würde.

Stärkung der Zugangsgerechtigkeit

Einstellungen zum Leben in Deutschland werden heute insbesondere durch den Bildungsstand geprägt, und zwar in allen Lebensbereichen. Bildungsarme fühlen sich vor allem in Bezug auf ihre Einkommen, die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes, den Einfluss der Technik, die Stabilität von Partnerschaften und Familien unsicher. Gleiches gilt für Menschen mit mittlerer oder gar höherer Bildung in Berufen, die sie durch den Wandel hin zur digitalen Gesellschaft für gefährdet halten. Maßnahmen gegen soziale Ungleichheit, auch im Empfinden von Unsicherheit, müssen daher gezielt Bildung, Ausbildung und Weiterbildung in den Blick nehmen. Konkret müssen wir neben den bereits angesprochenen notwendigen Investitionen in unsere Schulen, einer Qualitätsoffensive und mehr Chancengerechtigkeit im frühkindlichen und schulischen Bereich verstärkt an die Weiterbildung denken.

Die Teilnahme an Weiterbildung unterscheidet sich sehr nach Bildungsniveau, Beruf und Betriebsgröße, ganz abgesehen von der Dauer und den Inhalten, die von der kurzen Auffrischung einer Fremdsprache bis hin zu einer kompletten Umschulung reichen. Viele Beschäftigte in Routineberufen, in arbeitnehmerähnlichen Beschäftigungsverhältnissen der digitalen Ökonomie und Selbstständige haben keinen Zugang zu betrieblicher Weiterbildung.

Etablieren einer vorausschauenden Qualifizierungspolitik

Die gute Botschaft unserer Untersuchung ist jedoch, dass Menschen mit geringer Bildung durchaus motiviert sind, über (Weiter-)Bildung am Ball zu bleiben. Aufgegeben haben sie sich nicht. Lässt man sie allerdings allein, so verlieren sie über die Jahre das Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und empfinden die Aufforderung zu lebenslanger Bildung als Bedrohung und Zumutung. Jede Wissensgesellschaft muss daran gemessen werden, wie gut es ihr gelingt, eine Gemeinschaft zu bleiben und alle mitzunehmen. Eine Gemeinschaft lebt vom gegenseitigen Respekt. Menschen mit niedriger Bildung sind nicht dumm. Sie spüren die gesellschaftlichen Umbrüche sehr genau und oft aus erster Hand. Rasenmäher und Staubsauger erledigen ihre Arbeiten selbst. »Wie lange geht es mir noch gut?«, fragt sich entsprechend der Straßenreiniger. »An wen kann ich mich wenden?«

Wir brauchen also eine Kultur der Weiterbildung und müssen sie zur Regel machen. Eine institutionalisierte Weiterbildung muss selbstverständlicher und integrierter Teil unseres Bildungssystems sein. Anders geht es nicht. Die Umbrüche während eines Lebens sind mittlerweile zu groß, um ihnen mit einer einzigen Bildung und Ausbildung zu Beginn des Lebens gewachsen zu sein. Eine wichtige Voraussetzung für lebenslange Weiterbildung ist bereits gegeben: Wir haben mehr Zeit. Unsere durchschnittliche Lebenserwartung bei guter Gesundheit steigt stetig. Wenn wir von einem Zeitfenster von etwa 55 Jahren zwischen dem Eintritt in und dem Austritt aus dem Arbeitsmarkt ausgehen, könnte jede und jeder Auszeiten von insgesamt zehn Jahren nehmen, ohne dass wir das traditionelle Soll einer 45-jährigen Beschäftigungsdauer als Berechnungsmaßstab der Rentenversicherung antasten müssten. Wir brauchten also keine Verlängerung der Beschäftigungsdauer, wohl aber eine andere Ordnung der noch immer klar sequenziert gedachten Phasen Bildung, Erwerbstätigkeit, Ruhestand. Solche Erwerbsverläufe, unterbrochen von Sorgearbeit für Kinder und Eltern, Qualifizierung und Auszeiten für sich selbst, verlangen nach neuen Beratungs- und Finanzierungsinstrumenten.

Wir brauchen also eine Kultur der Weiterbildung und müssen sie zur Regel machen. Eine institutionalisierte Weiterbildung muss selbstverständlicher und integrierter Teil unseres Bildungssystems sein.

Während wir bei der Erziehung von Kindern und der Pflege der Eltern schon die entsprechenden Instrumente haben und in diesen Zeiten finanziell mehr oder weniger gut abgesichert sind, gilt das für die Weiterbildung in weit geringerem Maße. Eine Qualifikationsberatung über den Lebensverlauf existiert nicht. Finanziell gesehen gibt es bislang lediglich eine Aufstiegsförderung, bekannt als Meister-BAföG und von den Gesetzgebern umständlich als Aufstiegsfortbildungsförderung bezeichnet. Vorhanden sind auch finanzielle Unterstützungen, wenn man bereits arbeitslos geworden und die Vermittlung in einen anderen Job gescheitert ist. Manche Arbeitssuchende erhalten darüber hinaus eine Weiterbildung, die einer Beschäftigungstherapie nahekommt, da sie nicht den Erfordernissen des Marktes entspricht und die Menschen nicht befähigt, sich aktiv einzubringen.

Das aber ist zu wenig. Wir brauchen eine vorausschauende, strategische Qualifizierungspolitik. Dabei ist meines Erachtens die etablierte »Aufgabenteilung« zwischen Betrieben und der Solidargemeinschaft neu zu justieren. Bisher gilt weitgehend, dass während eines Beschäftigungsverhältnisses die Betriebe für die Weiterqualifikation zuständig sind. Nach Eintritt in die Arbeitslosigkeit und nach einer gescheiterten Rückvermittlung in den Arbeitsmarkt ist die Solidargemeinschaft für die Weiterqualifikation verantwortlich. Wir brauchen also eine Art Arbeitslosengeld Qualifizierung, wie es gegenwärtig auch diskutiert wird, allerdings ohne die Zugangsbedingung, bereits arbeitslos geworden zu sein. Über die Finanzierung dieser Leistung müssen sich die Sozialpartner und die Politik dringend und zügig verständigen.

Gleichwertige Anerkennung aller Familienmodelle und gezielte Unterstützung von Eltern

Unsere Untersuchung zeigt, dass viele Familienmodelle gelebt werden, und die Menschen wünschen, dass diese auch weiterhin bestehen bleiben. Noch immer sind wesentliche Teile der Steuerpolitik aber auf nur ein Modell zugeschnitten: die Ehe. Hier braucht es eine Alternative zum Ehegattensplitting, die Eltern mit Kindern, also auch Alleinerziehende, besser unterstützt. Das neue Gutachten zum Gleichstellungsbericht zeigt – wie viele Berichte und Gutachten zuvor –, wie neue Steuermodelle aussehen könnten, die weg von der Institution der Ehe und hin zu einer weiteren Förderung von Eltern gehen. Dies ist nur ein Beispiel von vielen: Wir brauchen gleiche Rechte für die unterschiedlichen Familienformen.

Die Vermächtnisstudie belegt auch, dass Eltern gemeinsam für ihre Kinder sorgen möchten. Väter empfehlen, für die Kinder mehr Opfer zu bringen. Frauen raten dazu, zukünftig über eine kleine Teilzeit hinaus erwerbstätig zu sein. Noch aber sind Sorge- und Erwerbsarbeit zwischen Männern und Frauen sehr ungleich verteilt. Dieser Gender Care Gap hat auch zur Folge, dass der Gender Pay Gap mit 21 Prozent und daher auch der Gender Pension Gap mit 23 Prozent in den neuen Bundesländern und 42 Prozent in den alten Bundesländern nach wie vor sehr hoch sind. Frauen in Führungspositionen sind noch immer viel zu selten anzutreffen. Um Teilzeit nicht zur Falle werden zu lassen, braucht es dringend längst überfällige Maßnahmen. Beispielsweise das Rückkehrrecht auf eine Vollzeitbeschäftigung, das politisch bereits diskutiert wird. Weitergehend könnte man eine Angleichung von Sorge- und Erwerbsarbeit zwischen Männern und Frauen auch durch eine Umverteilung der Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern anstreben, wie sie im Elterngeld Plus angelegt ist. Eine Ausweitung auf die gesamte Erwerbsphase würde die Gleichstellung von Frauen und Männern aber noch deutlicher unterstützen. Eine solche Umverteilung in Gestalt einer 32-Stunden-Woche für alle habe ich bereits an anderer Stelle skizziert. Auch Betriebe können viel für eine partnerschaftliche Aufteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit tun. In einer großen Studie haben wir dargelegt, welche Rahmenbedingungen in Betrieben nötig und möglich sind, um dieses Ziel zu erreichen: Neben einem klaren Bekenntnis zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie braucht es Maßnahmen zur Karriereförderung der Eltern – und eben keine mommy (oder daddy) tracks.

Wie viele andere Studien zuvor belegt auch unsere Forschung, dass insbesondere Alleinerziehende und deren Kinder von statistischer Armut betroffen sind.

Wie viele andere Studien zuvor belegt auch unsere Forschung, dass insbesondere Alleinerziehende und deren Kinder von statistischer Armut betroffen sind. Wenn wir anerkennen, dass diese Familienform mittlerweile breit akzeptiert und gelebt wird, müssen wir mit höherer Dringlichkeit als bisher Maßnahmen wie das Unterhaltsvorschussgesetz umsetzen. Ebenso helfen Ganztagseinrichtungen von der Kita bis zur Schule sowie weitere Unterstützung bei Krankheit oder in Ferienzeiten der Kinder.

Die Förderung aller Formen von Partnerschaft und Familie heißt aber auch, dass hier auch kinderlose Beschäftigte berücksichtigt werden sollten. In der betrieblichen Praxis hat sich gezeigt, dass die Mehrbelastung durch Einarbeitung von Vertretungen für junge Mütter und Väter oder die temporäre Übernahme zusätzlicher Arbeiten durch die Kolleginnen und Kollegen meist ohne Murren und selbstverständlich erfolgt. Zu irritieren scheinen nun aber die Postkarten aus aller Welt, wenn junge Eltern, die sich dies leisten können, Elterngeld beziehen und mit ihrem Kind gemeinsam auf Reisen gehen. Auch vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass zunehmend auch bei kinderlosen Menschen der Wunsch entsteht, sich für einige Zeit aus der täglichen Routine auszuklinken. Diesem berechtigten Anliegen sollte Rechnung getragen werden.

Solche »unbedingten Auszeiten« werden aus vielen Gründen empfohlen. Sie erhöhen die Zufriedenheit und Motivation der Beschäftigten und leisten damit einen wichtigen Beitrag für eine präventive und inklusive Gesundheits-, Arbeits- und Sozialpolitik. Noch fehlen ausgearbeitete Finanzierungsmodelle. Hier könnte das von Anthony Atkinson vorgeschlagene Startkonto für alle helfen, ebenso Ansparzeiten über den Erwerbsverlauf hinweg, bei denen alle Erwerbstätigen pro Jahr einen Anspruch von 24 Stunden für Weiterbildung erhalten, der über die Jahre angesammelt werden kann.

Zur gesellschaftlichen Dynamik– wie kommt Neues in unser Land?

Die Antriebs- und Veränderungswucht durch die Generationen X, Y oder Millennium wird überschätzt. Das lässt sich aus den Ergebnissen der Vermächtnisstudie schlussfolgern. Natürlich haben die Jungen heute oft andere Einstellungen als die Älteren. Viele aber wachsen sich aus, die Unterschiede sind im Vermächtnis verschwunden. In ihren Wertvorstellungen stimmen die Jungen und die Älteren überein. Erwerbsarbeit ist und bleibt wichtig, verschiedene Liebeskonzepte und Partnerschaftsformen haben kein Alter, und auch bei der Wichtigkeit von Gesundheit und Wohnen sehen wir keinen Riss. Natürlich sind die Jungen »Digital Natives« und auf diesem Gebiet allen anderen oft weit voraus. Die älteren Menschen in Deutschland scheinen ihrerseits aber nicht auf die Jungen zu warten. Sie nehmen Veränderungen auf und sind manchmal progressiver als die Jungen.

In vielen gesellschaftlich wichtigen Bereichen zeigen sich die Menschen in Deutschland über alle sozioökonomischen Merkmale hinweg sehr aufgeschlossen. Man möchte Technik verstehen, ist an Politik und Kultur interessiert. Man strebt aktiv eine Gleichheit von Männern und Frauen an, und vor allem: Deutschland bekennt sich zur Solidarität. Das ist ein großes Pfund. Hier erkennen wir aber Unterschiede zwischen einzelnen sozialen Gruppen.

Sehr optimistisch blicken Eltern in die Zukunft. Sie sind weniger unsicher und haben weniger Zukunftsangst. Die Analysen legen nahe, dass sie ihre Kinder als verlängerten Arm in die Zukunft sehen, die sie auf diese Weise ein gutes Stück mitgestalten. Über ihre Kinder bereiten sie sich selbst auf die Zukunft vor und werden in sie hinein begleitet. Auch Menschen mit eigener Migrationserfahrung lassen diesen Optimismus und eine gewisse Unerschrockenheit erkennen. Allerdings aus einem ganz anderen Grund: Sie sind überzeugt, dass die Zukunft besser als die Vergangenheit und das Heute wird. Es ist die Vision von Aufstieg, von Ankommen, die Erwartung von und die Hoffnung auf Respekt. In einigen Bereichen sehen wir das bis heute auch bei Menschen aus den neuen Bundesländern.

Fast furchtsam sind dagegen Menschen mit fehlenden Ressourcen, Kranke, alleinstehende ältere Menschen, Einkommens- und Bildungsarme. Ihre Zukunftsangst raubt nicht nur der gesellschaftlichen Dynamik Kräfte, sie zehrt auch und insbesondere an den Menschen selbst. Die bereits skizzierten Ansätze hin zu einer höheren Zugangs- und Ergebnisgerechtigkeit können diesen Menschen Mut geben und sie befähigen, zuversichtlicher in die Zukunft zu blicken. Aber auch Freunde und Gemeinsamkeit helfen, das Miteinander und das Gefühl der Zugehörigkeit, das sich alle Menschen in Deutschland so sehr wünschen.

Es lohnt sich, dafür zu streiten, dass sie die »helfende Hand« zur rechten Zeit, am rechten Ort und mit den rechten Mitteln ausstrecken.

Die Menschen in Deutschland bewegen sich. Die meisten sind optimistisch, blicken zuversichtlich nach vorn und helfen den neu Angekommenen beim Einstieg ins neue Leben. Vielen jedoch rauben Unsicherheit und Angst vor der Zukunft die Kraft zur Veränderung. Sie brauchen Respekt, Rat, Orientierung und helfende Hände.

Die meisten Parteien sehen inzwischen viele der Probleme und greifen sie auf. Sie bewegen und positionieren sich zu diesen Themen unterschiedlich und nicht sehr systematisch, sodass die Einteilung in »konservativ« und »progressiv« nur begrenzt weiterhilft. Es lohnt sich, dafür zu streiten, dass sie die »helfende Hand« zur rechten Zeit, am rechten Ort und mit den rechten Mitteln ausstrecken. Dabei kommt es oft nicht unbedingt auf die Spitzenpolitiker an, sondern auf diejenigen, die in den Ressorts die Weichen stellen und die bei genügend großem Handlungsspielraum wirklich helfen.

Lebensvorstellungen

Wie wir handeln müssen

Folgt man den Träumen der Menschen in Deutschland, so ergeben sich drei Aufträge an die Politik:

  • Erwerbsarbeit schützen: Die Menschen sehen ihre Arbeit nicht nur als Broterwerb. Erwerbsarbeit schafft Nähe zu anderen, baut Stereotypisierungen ab, gibt Anerkennung und ein Selbstwertgefühl. Es braucht eine aktive und vorausschauende Arbeitsmarktpolitik.
  • Verteilungsgerechtigkeit erhöhen: Die Menschen akzeptieren Gehalts- und Vermögensunterschiede. Das Mantra »Leistung muss sich lohnen« steckt in ihrer DNA. Aber die Gehaltsunterschiede sind zu groß, ebenso die Bonuszahlungen und die Vermögenswerte. Gefordert wird eine geringere Spreizung und klare Kappung nach oben.
  • Zugangsgerechtigkeit erhöhen: Noch immer bestimmt die Bildung den Zugang zu wertvollen Ressourcen. Dieser Zugang hängt stark von der Bildung der Eltern ab. Es ist deutlich mehr und gezielter in bessere Bildungschancen für Kinder aus benachteiligten Familien zu investieren. Neben der Grundbildung gilt dies auch für die Weiterbildung.
  • Auf gemeinsame Räume und Orte der Begegnung achten: Menschen sind Nähe und Zusammenhalt sehr wichtig. Gleichzeitig zersplittern unsere Städte entlang sozialer Kriterien und des Alters. Orte der Begegnung gehen verloren, die gemeinsame Schulzeit, der Zivil- oder Wehrdienst, Bibliotheken. Ein verpflichtendes soziales Jahr, sozialer Wohnungsbau in guten Stadtlagen und inklusive Schulen wären geeignete politische Maßnahmen.

Prof. Dr. h. c. Jutta Allmendinger, Ph. D. (61) ist seit 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie seit 2012 Honorarprofessorin für Soziologie an der Freien Universität Berlin. Von 1992 bis 2007 war sie Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München und von 2003 bis 2007 Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg.