Die neue Hanse 2030

15. November 2030

Ihre Teilnahme am Euromark-Rat

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

es ist doch recht ironisch, dass Ihr Treffen mit dem Euromark-Rat fast genau auf den Tag vor fünf Jahren fällt, an dem die Europäische Union einem Rettungspaket für Italien zum ersten Mal zustimmte. Man ging lang davon aus, dass Griechenland als Erster die Eurozone verließe; doch die Tatsache, dass Italien, ein Gründungsmitglied der EU, gezwungen war, den Euro aufzugeben, angesichts der doppelten Last der eigenen Bankenkrise und der zweiten Rezession im Jahr 2024, war ein herber Schlag für die europäische Integration. Als dann weitere südeuropäische Länder folgten, bestand die einzige Möglichkeit, eine wirtschaftlich lebensfähige Zone der Währungsstabilität in Europa zu retten, darin, eine neue Euromarkzone mit überwiegend nordeuropäischen Ländern zu schaffen. Gebeutelt durch zwei große Rezessionen innerhalb von 16 Jahren und angesichts des ungebremsten Migrationsdrucks wird das politische Leben in den meisten Mitgliedstaaten aktuell hauptsächlich von der Gesundheit der Nation bestimmt: nationales Wohlergehen, nationale Finanzen sowie religiöse und ethnische Zustimmung. Während die Öffentlichkeit, die sich selbst als »europäisch« betrachtete, in einer früheren Ära Kosten, Führung, Identität und Opfer hinnahm und Vorteile von den EU-Institutionen erwartete, akzeptiert die Öffentlichkeit heute jenseits der nationalen Ebene weder Kosten noch Vorteile. Europa entwickelt sich zunehmend wieder hin zu einem geografischen als zu einem politischen Konzept. Angesichts dieser veränderten Erwartungen war die faktische Entwicklung eines Europas der zwei Geschwindigkeiten – der zehn Euromarkländer im Norden und des Rests in der Peripherie – nur eine natürliche Entwicklung. Diese neue Hanse, wie die Euromarkzone zunehmend genannt wird, lastet schwerer auf den Schultern Deutschlands, als es die EU jemals getan hat. Doch Sie wissen vielleicht besser als jeder andere politische Führer, dass sogar die Euromarkzone weiterhin langfristigem wirtschaftlichem Druck ausgesetzt sein wird. Die Konkurrenz aus Asien und Amerika ist weiterhin hart. Aber zumindest hat sich das Wohlbefinden der Bevölkerung in dieser Zone verbessert, dank der revolutionären Durchbrüche, die Nordeuropa im sich anbahnenden biokognitiven Zeitalter erzielt hat. Die jungen Unternehmen, die neue globale Märkte für Telerobotik, Telepräsenz, molekulare Nanotechnologie, nano-bio manufacturing, Telemedizin und maßgeschneiderte Gesundheitsdienstleistungen geschaffen und prompt erobert haben, verleihen Nordeuropa eine neue Dynamik als einer der innovativsten Regionen der Welt.

Der Kopenhagener Gipfel von 2028 hat erste Schritte unternommen, um die Trümmer der Eurozone zu beseitigen.

Dies führt uns zurück zum Thema des Euromark-Rates an diesem Wochenende. Der Kopenhagener Gipfel von 2028 hat erste Schritte unternommen, um die Trümmer der Eurozone zu beseitigen: die Änderung des Vertrags von Lissabon, die Beseitigung der Brüsseler Bürokratie, die Einrichtung von Koordinierungsmechanismen zwischen den europäischen Volkswirtschaften der Euromarkzone und denen außerhalb der Euromarkzone und die Wiederherstellung der nationalen Souveränität bis auf Belange, die ausschließlich den Binnenmarkt betreffen. Die Versammlung an diesem Wochenende wird diese Aufgabe abschließen. Sie wird eine weniger ehrgeizige, dafür aber nachhaltigere europäische Ordnung kodifizieren. Vergangen sind die Träume von einem Europa als wichtigem globalem Akteur, von einer einheitlichen Union, einem ökonomischen Kraftwerk, das seine Stärke nutzen kann, um die eigene sanfte Macht wirksam in der Welt einzusetzen. An dessen Stelle tritt ein vielfältiges Europa mit einem Binnenmarkt, jedoch mit erheblichen Unterschieden in der Wirtschaftsleistung, im Lebensstandard und in den Außenbeziehungen.

Dr. Daniel S. Hamilton (62) ist Professor der Österreichischen Marshallplan-Jubiläumsstiftung an der Johns Hopkins University, SAIS. Zuvor hatte er die Richard von Weizsäcker-Professur an der SAIS inne. Er war Deputy Assistant Secretary of State for European Affairs und arbeitete als Associate Director of the Policy Planning Staff für zwei US-Außenminister. 2008 diente er auch im Planungsstab des deutschen Auswärtigen Amtes. Er lehrte an der Freien Universität Berlin, der Hertie School of Governance und der Universität Innsbruck.