Die Welt 2030. Extrem verbunden und extrem gespalten

Konnektivität kann Konflikte verursachen. Das haben wir in den letzten Jahren gelernt. Wir erkennen zunehmend, dass genau dieselben Kräfte, die die Menschen einst zusammenbrachten und mithilfe derer Grenzen zwischen Völkern und Nationen überwunden wurden, heute zu Nationalismus, Protektionismus und dem Wunsch nach Kontrolle führen, statt ein harmonisches globales Dorf zu schaffen.

Hyper-Konnektivität und Hyper-Fragmentierung

Die Welt im Jahr 2030 wird daher wohl enger miteinander verbunden sein als je zuvor in der Geschichte. In dieser Zeit wird die politische Zersplitterung allerdings auch ihren Höchststand erreicht haben. Es wird eine Welt sein, in der Verbindungen zwischen Menschen und Ländern instrumentalisiert und als Waffe genutzt werden.

Hyper-Konnektivität, Hyper-Fragmentierung und das Ausnutzen der Verbindungen zwischen uns werden all die Elemente umfassen, die die Welt zusammenbringen: Handels- und Lieferketten werden sowohl Quellen für Kontakte sein als auch Schlachtfelder des Wettbewerbs konkurrierender Länder. Die digitale Revolution hat die Menschen in einem Netzwerk zusammengeführt und wird zu einer weiteren Zersplitterung von Gesellschaften führen. Migrationsbewegungen werden als Waffen genutzt und zudem mehr denn je eine Herausforderung für die Politik sein. In der Vergangenheit haben wir Gesetze und Institutionen als Wettbewerbsbeschränkung und als Möglichkeit zur Regelung unserer Beziehungen angesehen. Sie werden nun sowohl zu einem wesentlichen Mittel als auch zu einem Betätigungsfeld für diesen Wettbewerb werden.

Wir erkennen zunehmend, dass genau dieselben Kräfte, die die Menschen einst zusammenbrachten und mithilfe derer Grenzen zwischen Völkern und Nationen überwunden wurden, heute zu Nationalismus, Protektionismus und dem Wunsch nach Kontrolle führen.

Deutschland wird von dieser Entwicklung besonders betroffen sein. Erstens werden die Exportabhängigkeit und die engen Verbindungen zu anderen Märkten und Machtzentren den Exportweltmeister auch für die Instrumentalisierung dieser Verbindungen besonders anfällig machen. Donald Trump hat mit seinen Angriffen auf wichtige deutsche Industriezweige den Entscheidungsträgern in Berlin einen ersten Vorgeschmack gegeben, was noch kommen könnte.

Zweitens ist Deutschland wohl das Land mit dem größten Interesse an einer Umwandlung der internationalen Arena von einer Welt der Macht in eine Welt der Regeln. Der Rückschlag gegen diese Vision hat viele überrascht und in ihrem Handeln verunsichert. Viele werden in den kommenden Jahren die Bedeutung des Völkerrechts und der internationalen Institutionen noch stärker betonen. Ihr Vorteil ist, dass die Welt der instrumentalisierten Konnektivität Foren für Dialoge und Vorschriften braucht, um eine Eskalation zu vermeiden. Wir sollten weiter für den Erhalt globaler Normen und Institutionen kämpfen und prüfen, ob wir in einigen Fragen ein liberales Archipel mit verschiedenen Ländern aufbauen können.

Während die Vereinigten Staaten sich von der multilateralen Weltordnung distanzieren und nicht westliche Mächte wie China, Russland, die Türkei und Indien ihre liberalen Grundlagen infrage stellen, wird die Schlüsselfrage für Deutschland sein, was wir tun können, um auf dem eigenen Kontinent eine auf Regeln fußende Ordnung zu erhalten.

Die EU als Herzstück eines liberalen Archipels

Auch wenn wir akzeptieren, dass wir in unserer Interaktion mit anderen Teilen der Welt von 2030 zu einer eher westfälischen Vergangenheit zurückkehren müssen, kann die EU das Herzstück eines liberalen Archipels für Menschenrechte, Demokratie und regulierte Märkte bilden.

Mark Leonard (44) ist Mitbegründer und Direktor des Europäischen Rates für Auswärtige Beziehungen (ECFR), der ersten europaweiten Denkfabrik. Er schreibt über globale Angelegenheiten für das »Project Syndicate« und war bis zum Jahr 2016 Vorsitzender des Global Agenda Council für Wirtschaftsgeografie des World Economic Forum. Leonard ist Autor von »Warum Europa die Zukunft gehört« (2005) und »Was denkt China?« (2008). Beide Bücher wurden in mehr als 15 Sprachen übersetzt.