Die Wertschöpfung von ­morgen sichern

Deutschlands enormer wirtschaftlicher Erfolg seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat zwei Quellen: das binnengetriebene Wachstum, das im Wiederaufbau der Wirtschaftswunderjahre und nach der Wiedervereinigung dominierte; und das auf Auslandsnachfrage basierende Wachstum, das durch die Schaffung des europäischen Binnenmarkts und die Öffnung vieler Märkte im Zuge der Globalisierung forciert wurde. Beide Quellen drohen schwächer zu werden.

Deutschlands Gesellschaft altert, seine Märkte sind reif, manche würden sagen: gesättigt. Selbst wenn Zuwanderung in den nächsten Jahren den aufgrund von Sterbeüberschuss zu erwartenden Bevölkerungsrückgang ausgleichen sollte, wird die Wachstumsdynamik Deutschlands begrenzt bleiben. Wachstum ist sicherlich kein Selbstzweck, aber ohne Wachstum werden Verteilungsspielräume enger, Innovationen schwieriger, Gesellschaften weniger dynamisch und veränderungsbereit.

Auch die auslandsbasierte Wohlstandsquelle ist bedroht: Das Bild Europas ähnelt in weiten Teilen jenem in Deutschland. Hinzu kommt, dass die großen Wachstumseffekte durch die Schaffung eines freien Binnenmarkts für Güter in der EU weitgehend absorbiert sind. Gleichzeitig scheint sich die Globalisierung zu verlangsamen. Zumindest lag das Wachstum des Welthandels in den vergangenen Jahren unter dem der Weltwirtschaft. Protektionistische Tendenzen in wichtigen Auslandsmärkten nehmen zu, China wirkt entschlossen, auch mit dem Einsatz staatlicher Mittel Weltmärkte zu dominieren, die wiederum für den Erfolg deutscher Unternehmen wichtig sind. Asymmetrische Wettbewerbskonstellationen gewinnen an Bedeutung.

Diese Ausgangslage zwingt Deutschland, neue Mög­lichkeiten wirtschaftlicher Stärke zu nutzen. Gesteuerte Zuwanderung und massive Investitionen in die Bildung und die Forschung können die Leistungsfähigkeit des Arbeitsmarktes und der sozialen Sicherungssysteme ­erhalten. Öffentliche Investitionen in die in den vergangenen Jahrzehnten stark vernachlässigte Infrastruktur können neue Wohlstandspotenziale erschließen. Insbesondere die energetische Gebäudesanierung, der Ausbau des Breitbandnetzes, neue Infrastrukturen für Elektromobilität und die Umsetzung der Energiewende sollten hier Augenmerk genießen. Investitionen in die digitale Infrastruktur sind unabdingbar, um Deutschland in die Lage zu versetzen, die Chancen der Digitalisierung zu nutzen.

Digitalisierung muss auch der entscheidende Wachstumstreiber für Europa und die Globalisierung werden. Er ist eng verbunden mit der Weiterentwicklung grenzüberschreitender Dienstleistungen. Die Vollendung des Binnenmarktes für Digitales und Dienstleistungen ist eine Hauptaufgabe Deutschlands in Europa. Gleichzeitig gilt es, für beides die Welthandelsordnung anzupassen. Deutsche Unternehmen waren in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich, Warenexporte mit industrienahen Dienstleistungen zu verknüpfen. Hierfür müssen die Grenzen offen bleiben. Zugleich gilt es, internationale Standards für digitalen Handel, digitalen Datenverkehr, Datensicherheit und Cybersicherheit zu entwickeln, die gesellschaftliche Akzeptanz finden und das Innovationspotenzial der Digitalisierung mobilisieren. Zugleich muss die gesellschaftliche Debatte darüber vorangebracht werden, wie eine für die Weiterentwicklung unserer Gesellschaft nützliche Digitalisierung aussehen könnte, denn die Digitalisierung ist nicht nur eine wirtschaftliche Dynamik; alle gesellschaftlichen Bereiche werden tief greifend verändert: Arbeitsmarktstrukturen, Steuergesetzgebungen, Sozial- und Bildungssysteme, Medien, Gesundheitssysteme, Parlamente.

Schließlich gilt es, Wachstumspotenziale für nachhaltiges Wirtschaften in jenen Ländern zu nutzen, die bisher kaum an der Globalisierung teilgenommen haben. Länder Zentralasiens, des Mittleren Ostens und Lateinamerikas gehören dazu, vor allem aber viele Staaten Afrikas. Deutsche Außenwirtschaftspolitik kann im Zusammenspiel mit Entwicklungs- und Nachhaltigkeitspolitiken einen Beitrag dazu leisten, dass Unternehmen die sich dort bietenden Chancen erkennen und nutzen – und so auch Beiträge zu deren wirtschaftlicher Entwicklung leisten.