Indien 2030 und die Grenzen der kompetitiven Zukunft

Indien wird 2030 von der Ideologie der »kompetitiven Zukunftsvision« (competitive futurism) geprägt sein, die das Wirtschaftswachstum als wichtigstes nationales Ziel priorisiert und als Währung der globalen Anerkennung identifiziert. Diese einseitige politische Gewichtung wird sich negativ auf die Demokratie Indiens auswirken. Komplexe bevölkerungs- und umweltbedingte sowie sozioinstitutionelle Herausforderungen werden darüber hinaus eine Ausweitung politischer Rahmenbedingungen erfordern, die über den Fokus auf den »Wachstumswettbewerb« und das Paradigma von national umschriebenen und staatlich vorgegebenen Zukunftsplänen hinausgehen.

Vor nicht einmal einem Jahrhundert, im Jahr 1947, entstand das unabhängige Indien in einer aufgewühlten Welt. Im Nachkriegseuropa kämpfte man nach den heftigen Umwälzungen des Krieges und des Völkermordes darum, die soziale und politische Ordnung neu zu verhandeln und den zerrütteten Staatsbürgervertrag wiederherzustellen, während die politischen Führer in Indien danach strebten, die jahrhundertelange Kolonialherrschaft durch eine unbekannte postkoloniale Freiheit zu ersetzen. Die Freude dieser Freiheit hatte einen hohen Preis: den territorialen Verlust und die extreme Gewalt, die mit der Teilung des kolonialen Territoriums in die unabhängigen Nationalstaaten Indien und Pakistan einhergingen. Einprägsam bezeichnete der Urdu-Dichter Faiz Ahmed Faiz diese Zeit als »befleckte Morgendämmerung«. In diesem Kontext des Wandels und der normativen Ambivalenz riefen die Gründungsväter des nun souveränen Nationalstaates ein Programm zur Nationalstaatsbildung ins Leben, das eher in die Zukunft blickte als auf die Gegenwart, die von Unsicherheit und Verlusten gekennzeichnet war. Die kulturellen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Richtlinien, die der neue Nationalstaat erließ, spiegelten diese Ausrichtung auf die Zukunft wider. Zum Beispiel definierte der offizielle indische Nationalismus die Nation als etwas »Werdendes« und nicht als etwas »Existierendes«, das heißt, er verband die nationale Identität mit einer progressiven Bewegung hin zu einer Zukunft, die ein kollektives Wohlergehen versprach, statt sich auf wesentliche kulturelle Eigenheiten oder schon erreichte Erfolge zu berufen. Die Wirtschaftsplanungspolitik verfolgte eine ähnliche futuristische Stoßrichtung. In Indiens besonderem Modell der gemischten Wirtschaft koordinierte und überwachte eine zentralisierte staatliche Agentur eine Mischung aus öffentlichen und privaten Unternehmen, um Ziele in der sozioökonomischen Entwicklung und Modernisierung zu erreichen. In den Bereichen Politik und Soziales versprach die indische Verfassung einen sozialen Wandel, der vom Staat gesteuert war, um Ziele wie Freiheit und Gleichheit für alle zu verwirklichen, und das schon bald und nicht erst in ferner Zukunft. Ich bezeichne diese Gründungsphase als nehrusche Zukunftsvision (Nehruvian futurism) und beziehe mich dabei auf die Zeit der Gründung und Konsolidierung, das heißt die Zeit der 50er- und 60er-Jahre, damals war Jawaharlal Nehru der Premierminister des Landes.

Die nehrusche Zukunftsvision und ihr Erbe

Die Zukunftsvision nach Nehru hatte einige charakteristische Merkmale. Es handelte sich dabei zunächst um ein nach Top-down-Struktur staatlich organisiertes Projekt. Der Aufruf, die Nation aufzubauen und in die Zukunft voranzuschreiten, richtete sich an die gesamte Bevölkerung. Initiativen von Einzelnen und sozialen Gruppen reichten dafür allerdings nicht aus. Die neh­rusche Zukunftsvision stellte den Staat als Treiber für den Wandel in den Fokus; dahinter stand die Ansicht, dass Indien den Weg in die Zukunft nur unter Anleitung einer zentralisierten institutionellen Behörde beschreiten könne.

Zweitens war die Vision nach Nehru frei von jeglichen zeitlichen Vorgaben. Die Zukunft erschien ihr als eine Reihe von Möglichkeiten, die sich neu entwickelten und auftaten; sie war jedoch kein im Voraus bekanntes, festgelegtes Ziel oder der Endpunkt eines Prozesses, der sich von Indien erreichen ließ, indem es andere nachahmte, die diesen Weg bereits gegangen waren, oder indem es ihren Bauanleitungen folgte. Nehru bezeichnete den Aufbau des neuen Indiens als ein Projekt des »unnachgiebigen Strebens« in Richtung eines unbekannten Ziels.

Die Merkmale der nehruschen Zukunftsvision: der Staat als zentraler Akteur im Fokus, Offenheit und Exzeptionalismus.

Das dritte Charakteristikum der nehruschen Zukunftsvision war eine Rhetorik, in der Begeisterung aufschien, Risikobereitschaft und damit eine Neigung zu außergewöhnlichen Unternehmungen, belebt auch von einem Geist des Experiments, der Innovation und des »großen Abenteuers« – ein weiterer Schlüsselbegriff nach Nehru. Daran schloss sich wiederum eine Rhetorik der nationalen Einzigartigkeit an; die Betonung lag auf dem besonderen Wagemut, mit dem Indien eine unmöglich scheinende Reise antrat, die das Land auf einen ganz anderen Weg als alle anderen Nationen im Osten oder im Westen führen sollte.

Die Betonung lag auf dem besonderen Wagemut, mit dem Indien eine unmöglich scheinende Reise antrat, die es auf einen ganz anderen Weg als alle anderen Nationen führen sollte.

Diese Merkmale der nehruschen Zukunftsvision – der Staat als zentraler Akteur im Fokus, Offenheit und Exzeptionalismus – prägten zusammen den Kurs der politischen und institutionellen Entwicklung Indiens in den Jahren nach der Unabhängigkeit entscheidend, und das in mehrfacher Hinsicht. Zunächst führte es zu einem langsamen sozioökonomischen Wachstum und einem zunächst nur allmählich stattfindenden sozialen Wandel, der keine grundlegende Verschiebung der bestehenden gesellschaftlichen Beziehungen und der Verteilung politischer, wirtschaftlicher und sozialer Privilegien bewirkte. Indiens durchschnittliche jährliche Wachstumsrate zwischen 1950 und 1980 betrug gerade einmal 3,5 Prozent. 40 Jahre nach der Unabhängigkeit blieben die Indikatoren der sozioökonomischen Entwicklung sehr niedrig: Anfang der 80er-Jahre lebte fast die Hälfte der Bevölkerung in Armut, zwei Drittel waren nicht alphabetisiert, und die durchschnittliche Lebenserwartung lag bei gerade einmal 48 Jahren. Diese unzureichende Entwicklung wurde jedoch nicht der Politik zur Last gelegt, da der Aufschub oder die Verzögerung sozioökonomischen Wohlstands bis in eine unbestimmte Zukunft sich gut in die institutionelle Logik und Kultur der Entwicklungspolitik einfügte. Darüber hinaus führten der ausbleibende große soziale Wandel und die anhaltende sozioökonomische Marginalisierung der überwiegenden Mehrheit der ­Bevölkerung zu einer spürbaren Diskrepanz zwischen den formalen Prinzipien politischer Gleichheit und der gelebten Erfahrung sozialer Ungleichheit; oder, wie es der politische Theoretiker Sudipta Kaviraj beschreibt, zu einer Kluft zwischen »demokratischer Regierung« und dem »demokratischen Prinzip«. Indiens schwache Entwicklungsbilanz in den ersten Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit bestätigte die düstere Prophezeiung von Bhimrao Ambedkar, dem Hauptautor der indischen Verfassung. Er war der Ansicht, dass die politische Demokratie ein oberflächliches »Düngen« auf indischem Boden bleibe, solange keine soziale und wirtschaftliche Demokratie existiere.

Die indische »Demokratie-Kluft«

Allerdings hatte diese »Demokratie-Kluft« keine erheblichen sozialen Konflikte zur Folge oder eine Opposition gegen die herrschende politische Ordnung, beides war vorhergesagt worden. Darin wird ein weiteres Merkmal der indischen Politik nach der Unabhängigkeit erkennbar: die bemerkenswerte Stabilität und Ausdauer des politischen Systems im Inneren, und zwar trotz der tief greifenden sozialen Ungleichheit. Die soziale Ungleichheit diente teilweise dem Erhalt der politischen Stabilität. Der Fortbestand der gesellschaftlichen Hierarchien bedeutete, dass trotz der formellen Einführung des allgemeinen Wahlrechts, das allen erwachsenen Indern das Recht zusprach, ihre Regierung zu wählen und auch zu kandidieren, eine kleine und überschaubare gesellschaftliche Elite Macht besaß und politische Entscheidungsgewalt ausübte. Was sie verfügte, wurde kaum von der Masse infrage gestellt.

Eine weitere wichtige Quelle für Stabilität entsprang der institutionellen Gestaltung: Indiens einzigartiges System eines übergreifenden oder konvexen Pluralismus. Es räumte den verschiedenen Bevölkerungsgruppen differenzierte Rechte ein, machte ihnen Zugeständnisse und gab ihnen vielfältige Anreize, mit und innerhalb der bestehenden politischen Ordnung zusammenzuarbeiten. Darüber hinaus hat die »Diversifizierung der Unterschiede« oder die formelle und institutionelle Anerkennung verschiedener sozialer Unterschiede – von Kaste, Religion und Sprache hängt in Indien politischer Einfluss ab – ebenso dazu beigetragen, soziale Konflikte aufzulösen oder zu fragmentieren. Sie verhinderte auch eine Polarisierung oder die Entstehung einer Opposi­tion entlang einer dominanten Trennlinie.

Von den späten 60er-Jahren an dehnte sich die indische Demokratie langsam, aber sicher über ihre beschränkte Elitebasis hinaus aus. Der Staat sah sich mehr und mehr mit den sozialen Forderungen einer Bürgerschaft konfrontiert, die zunehmend politisch aktiv wurde. Das System des konvexen Pluralismus, der ideologische und institutionelle Ballast des indischen Staates, der es ihm ermöglicht hatte, der potenziellen Bedrohung durch die Demokratie-Kluft standzuhalten, begann zu zerbrechen. Das Management sozialer Forderungen, das auf Verhandlungen basierte, wich zentralisierten Formen der Herrschaft, die auf schieren Zwang setzten; Mitte der 70er-Jahre erreichte diese Entwicklung ihren Höhepunkt, als die Premierministerin Indira Gandhi die Demokratie formell aufhob und den Ausnahmezustand verkündete.

Krisenpolitik der Gegenwart

1977 wurde die Demokratie wiederhergestellt. Gandhi und ihre Kongresspartei hatten die Wahl verloren und wurden entmachtet. Dabei kam erstmals seit der Unabhängigkeit eine Koalitionsregierung an die Macht. In den folgenden Jahrzehnten wandelte sich die Weise, wie Politik durchgesetzt und zur Mobilisierung verwendet wurde, was auch die Kultur der Parteipolitik veränderte. Die Ära Nehrus des catch-all oder der sozial und ideologisch breit gefächerten und flexiblen politischen Parteien endete, und damit war auch die Zeit vorbei, in der eine einzige, organisatorisch komplexe und sozial breit angelegte politische Partei – der Kongress – bei den Wahlen dominiert hatte. Es folgte eine volatilere Phase kurzlebiger Koalitionsregierungen. Viele neue, kleine Parteien kamen hinzu, die jeweils ein begrenztes gesellschaftliches Spektrum vertraten. Ihre Hauptwählerschaft beschränkte sich auf einzelne ethnische Gruppen, auf die sie attraktiv wirkten. Die Verankerung politischer Ansichten in ethnischer Identität wurde in den 80er-Jahren immer bedeutsamer. Das nahm eine Vielzahl von Formen an: Es reichte von Bewegungen für subnationale ethnische Autonomie und Separatismus über kastenbasierte politische Parteien, die marginalisierte Kastengruppen mobilisierten, um Gleichheit und Empowerment zu fordern, bis hin zu religiösen Mehrheitsparteien, die die Prinzipien des indischen Säkularismus anfochten.

Die gegenwartsabgewandte und langfristige Orientierung der nehruschen Zukunftsvision hatte unter diesen politisch instabilen Umständen keine großen Aussichten mehr. Nun ging es in erster Linie um eine schnelle Abwehr von großen Bedrohungen des politischen Systems, die sich kurzfristig einstellten. Dringlichkeit begann die politischen Debatten und Entscheidungen zu dominieren. Ab den 80er-Jahren erlebte Indien eine zunehmende Militanz separatistischer Bewegungen in verschiedenen Teilen des Landes und eine Eskalation groß angelegter ethnischer Gewalt, insbesondere der Gewalt gegen religiöse und Kastenminderheiten (Muslime und Dalits). Dazu kam eine Welle von Parteiabgängen, Korruption in der Regierung sowie der wachsende Einfluss von Geld in Wahlkampagnen, der durch das neue Kalkül der Koalitionspolitik ausgelöst wurde. Nationale Diskurse über die Möglichkeiten der ungewissen Zukunft wurden immer wieder durch eine neue Betonung der »Krisenzeit« der Gegenwart und die Notwendigkeit unmittelbarer und konkreter Interventionen zur Rettung der indischen Demokratie überschattet.

Die vielen enthusiastischen Prognosen und Vorhersagen verschiedener internationaler Organisationen haben ein Narrativ des »aufstrebenden Indiens« erzeugt, das mit der kompetitiven Zukunftsvision des Landes harmonisiert.

Bis Anfang der 90er-Jahre ging mit der neuen Sprache der Dringlichkeit und der Krise keine signifikante oder bahnbrechende Veränderung einher, weder im Hinblick auf das allgemeine Wirtschaftswachstum oder die politische Ausrichtung des geplanten gemischten Wirtschaftsregimes noch in Bezug auf die Schablonen der sozioökonomischen Ungleichheit und der Demokratie-Kluft der Nehru-Ära. All dies änderte sich im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, als eine Reihe von Wirtschaftsreformen die protektionistische indische Wirtschaft nach den Prinzipien des Laisser-faire oder des freien Marktes umstrukturierten, sodass sich das Land für globale Handels- und Investitionsströme öffnete und die Beschränkungen der inländischen Kapitalakkumulation beseitigt wurden. Die Politik der wirtschaftlichen Liberalisierung hat eine Reihe weitreichender und tief greifender Veränderungen auf politischer, sozialer und kultureller Ebene ausgelöst. Etablierte Muster schwacher Wachstumsraten wurden durchbrochen, um Platz für das Spektakel des sogenannten indischen Wirtschaftswunders zu machen, da sich die jährlichen Wachstumsraten ab den ersten Jahren nach der Unabhängigkeit beinahe verdoppelt hatten, bis sie zwischen 1980 und 2015 einen Durchschnitt von mehr als sechs Prozent verzeichneten.

In den vergangenen Jahrzehnten gab es mehr Anlass für Freude als für Angst: Die Wachstumsraten sind weiterhin solide, obwohl das hohe Tempo der ersten Reformphase verebbt ist.

Das althergebrachte Bild einer statischen Gesellschaftsordnung wich einem Porträt des mobilen, dynamischen und »aufstrebenden« Indiens. Darin zeigte sich auch der Aufstieg einer großen neuen, jungen und mittelständischen Bevölkerung mit einer beispiellosen wirtschaftlichen Konsumkraft, die eine erfolgreiche Zukunft in der »Weltklasse« anstrebte. Hier tat sich nun eine andere Vorstellung von der Zukunft auf, eine kompetitive Zukunftsvision, die sich einzig an dem Ziel orientierte, globale Anerkennung als Wirtschaftsmacht zu erlangen und somit ein wahrhaft globaler Akteur zu werden.

In den ersten drei Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts wurde die kompetitive Zukunftsvision zur vorherrschenden Ideologie in Indien. Wie bereits ihre Vorgänger – die nehrusche Zukunftsvision sowie die Krisenpolitik der Gegenwart der 80er- und 90er-Jahre – prägte sie die kulturellen Vorstellungen von nationaler Identität sowie die Sozial- und Wirtschaftspolitik.

Kompetitive Zukunftsvision: Indien 2030

Die kompetitive Zukunftsvision zeichnet sich durch drei neue Merkmale aus. Das erste ist die Betonung des maximalen Wachstums, also die explizite Priorisierung des gesamtwirtschaftlichen Wachstums gegenüber allen anderen nationalen Zielen, und eine damit einhergehende Fetischisierung der makroökonomischen Indikatoren für die Geschwindigkeit, Größe und das Ausmaß des Wirtschaftswachstums. Wie bereits erwähnt, ging die Einführung von Marktreformen in den frühen 90er-Jahren mit dem plötzlichen und dramatischen Aufschwung der indischen Wirtschaft und einer spürba­ren Beschleunigung der jährlichen Wirtschaftswachstumsraten einher. Die Forderung, diese Trends der wirtschaftlichen Expansion und Beschleunigung fort­zusetzen und zu intensivieren, entwickelte sich rasch zu einem vorrangigen Anliegen der Regierung und zum zentralen Interesse der öffentlichen Meinung und der Medien.

Zweitens wird die kompetitive Zukunftsvision durch die Vorstellung eines globalen wirtschaftlichen Wettbewerbs mit Gewinnern und Verlierern angeheizt. Man stellt sich die Zukunft als eine Zeit des entscheidenden indischen Sieges vor, sobald Indien andere nicht westliche »aufstrebende Mächte« sowie etablierte westliche Mächte wie die Vereinigten Staaten und die europäischen Länder überholt haben wird. Die Benchmarks für Wettbewerb und Vergleiche werden von den Wirtschaftsprognosen von Konzernen wie McKinsey, Moody’s, PricewaterhouseCoopers und der Economist Intelligence Unit bereitgestellt; die Veröffentlichung dieser Berichte ist in Medienkreisen und politischen Kreisen in Indien ein Anlass für ausgelassenes Feiern (oder auch Angst).

In den vergangenen Jahrzehnten gab es mehr Anlass für Freude als für Angst: Die Wachstumsraten sind weiterhin solide, obwohl das hohe Tempo der ersten ­Reformphase verebbt ist. Man schätzt, dass die indi­sche Wirtschaft 2030 die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt sein wird mit einem jährlichen Wachstum von fünf Prozent.

Drittens vermischt die kompetitive Zukunftsvision wirtschaftliches Wachstum und Größe mit globaler Anerkennung und Relevanz. Im Zusammenhang mit der Wirtschaftsleistung und den positiven, gar herausragenden Bewertungen durch Markt- und Unternehmensanalysten hat die indische Regierung im Laufe des 21. Jahrhunderts um den Beitritt zu internationalen Gremien wie dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen gebeten. Außerdem distanzierte sich die indische Regierung zunehmend von verschiedenen Solidaritätszusammenschlüssen des globalen Südens. Diese hatten zuvor die indische Außenpolitik bestimmt.

Für 2030 schätzt man, dass das Wirtschaftswachstum um etwa 50 Prozent größer sein wird als 2018. Schwellenländer werden für den größten Teil dieses globalen Wachstums verantwortlich sein und damit den »Turboantrieb« des Wirtschaftswachstums fortsetzen.

Das Ziel, ein globaler Akteur zu werden, der seine postkolonialen asiatischen und afrikanischen Pendants weit hinter sich gelassen hat und von ehemaligen Kolonialmächten als gleichberechtigt anerkannt wird, wird im Jahr 2030 den Kurs der außenpolitischen und internationalen Beziehungen der indischen Regierung bestimmen. In diesem Sinne ist mit geopolitischen Manövern zu rechnen, wie zum Beispiel der Verhängung von Handelssanktionen über Nachbarländer, der Eskalation des militärischen Konflikts mit Pakistan und Bangladesch und der Bereitschaft, sich an US-geführten Militärschlägen gegen den Iran zu beteiligen – all dies wird vom Streben nach globaler Anerkennung gelenkt sein. Wo soll das enden? Was hat die kompetitive Zukunftsvision eigentlich bewirkt – welche Art von Gegenwart hat diese Vision der Zukunft geschaffen?

Wie bereits erwähnt, haben die vielen enthusiastischen Prognosen und Vorhersagen verschiedener internationaler Organisationen in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts ein Narrativ des »aufstrebenden Indiens« erzeugt, das mit der kompetitiven Zukunftsvision des Landes harmonisiert.

Prognose für die Zukunft: »Indien 2030« – Visionen und tote Winkel

Der globale Kontext bildet die Kulisse dieser Prognosen. Sie besagen, dass die Weltwirtschaft, die durch produktivitätssteigernde technologische Innovationen angetrieben wird, wesentlich schneller wachsen wird als die Weltbevölkerung. Für das Jahr 2030 schätzt man, dass das Wirtschaftswachstum um etwa 50 Prozent größer sein wird als 2018. Die Schwellenländer werden für den größten Teil dieses globalen Wachstums verantwortlich sein und damit den »Turboantrieb« des Wirtschaftswachstums fortsetzen, der seit den 90er-Jahren ein Schlüsselmerkmal von Ländern wie Indien und China ist. Indiens Wirtschaftswachstum wird laut diesen Prognosen beeindruckend sein, da es über eine recht kurze Zeitspanne von drei Jahrzehnten an Größe und Bedeutung zugenommen hat und sich von der siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt im Jahr 2016 / 17 bis zum Jahr 2050 zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt entwickeln wird.

2030 ist ein bedeutendes Jahr auf diesem Weg der wirtschaftlichen Expansion Indiens. Man schätzt, dass der wirtschaftliche Aufschwung des Landes in diesem Jahr mit durchschnittlichen jährlichen Wachstumsraten an der Fünf-Prozent-Hürde beginnen wird. Zehn Jahre später, im Jahr 2040, wird Indiens Wirtschaft zum ersten Mal die der Vereinigten Staaten überholen. Bis zum Jahr 2050, dem Horizont der PricewaterhouseCoopers-Prognose, wird die indische Wirtschaft an zweiter Stelle nach China stehen und 16 Prozent der Weltwirtschaft abdecken (gemessen am BIP, bereinigt nach Kaufkraftparität); das Wachstum wird sich in nur drei Jahrzehnten mehr als verdreifachen.

Ein ähnlich optimistisches, wenn auch vorsichtigeres Szenario entwirft die Economist Intelligence Unit (EIU). Nach Angaben der EIU wird Indien bis 2030 die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt sein, und bis 2050 werden Indien und China jeweils reicher als die nächsten fünf Mächte zusammen sein (zu denen auch Deutschland gehört).

Diese Prognosen basieren auf mehreren Annahmen. Die erste ist die »Annahme der produktiven Bevölkerung«, das heißt, dass die Bevölkerungswachstumsraten, die in Indien wesentlich höher sein werden als der weltweite Durchschnitt, mit Kapital und technologischen Innovationen und Investitionen gewinnbringend interagieren werden, um die Produktivität der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zu steigern. Damit verbunden ist die Annahme eines Vorteils in Bezug auf Jugendliche beziehungsweise die positiven Auswirkungen von Indiens youth bulge – des überdurchschnittlich hohen Anteils an Jugendlichen. Indien wird voraussichtlich bis 2030 den weltgrößten Bevölkerungsanteil von Jugendlichen haben (einige sagen 2050), und dies soll wiederum zu einem Anstieg der wirtschaftlichen Produktivität und des Konsums führen.

Zweitens bieten die Prognosen einen Gesamtüberblick und einen Überblick auf der Makroebene, der Details des spezifischen Charakters des indischen Wirtschaftswachstums unberücksichtigt lässt beziehungsweise nicht berücksichtigt, wie das Wachstum tatsächlich von einzelnen Menschen erlebt wird. Zum Beispiel werden die sektorale Zusammensetzung des Wirtschaftswachstums und das vergleichende Pro-Kopf-Einkommen in Indien meist zugunsten von Gesamtrechnungen beschönigt, in denen Indien andere Länder »überholt«.

Indiens Wirtschaftsleistung im Jahr 2030 befindet sich nicht in einem Vakuum, sondern wird durch Bevölkerungs-, Umwelt- und institutionelle Kontexte und Dynamiken nivelliert.

Drittens werden in den Berichten über Indien für 2030 die Umweltdimensionen des Wirtschaftswachstums vernachlässigt. Zugleich wird die Frage ignoriert, ob die Rohstoffe ausreichen werden, um die wirtschaftliche oder menschliche Produktivität zu fördern.

Viertens geht das Modell davon aus, dass der demografische Schub in Indien und China mit geeigneten politischen Maßnahmen einhergehen wird, wie Investitionen in Technologie und Bildung, der Bereitstellung von öffentlichen Gesundheitsdiensten und der Formulierung geeigneter Arbeits- und Beschäftigungsrichtlinien. Es mangelt an einer Diskussion über die institutionelle Bereitstellung solcher öffentlichen Güter, obwohl diese notwendig sind, um die wirtschaftliche Produktivität tatsächlich zu ermöglichen.

Wie würde ein alternatives Bild von Indien im Jahr 2030 aussehen? Der folgende Abschnitt enthält Ergänzungen zu einigen übersehenen Details, um eine andere Zukunftsperspektive in Betracht zu ziehen. Wie korrigierte Fehler in einer nachbearbeiteten Fotografie trüben sie die schöne Darstellung des indischen Aufschwungs, wenn sie einmal ans Licht gekommen sind.

Wachstum vermitteln: Bevölkerung, Umwelt, institutionelle Kontexte

Indiens Wirtschaftsleistung im Jahr 2030 befindet sich nicht in einem Vakuum, sondern wird durch Bevölkerungs-, Umwelt- und institutionelle Kontexte und Dynamiken nivelliert.

Bis 2024 wird Indien nach Schätzungen der Abteilung für Wirtschaft und Soziales der Vereinten Nationen das bevölkerungsreichste Land der Welt sein. Während die chinesische Bevölkerung ihren Höhepunkt im Jahr 2030 erreichen wird, wird Indien bis 2050 weiterwachsen und China voraussichtlich im Jahr 2022 überholen. Schätzungen zufolge wird die Hälfte der indischen Bevölkerung unter 25 Jahre alt sein, und zwei Drittel der Bevölkerung werden 2030 unter 35 Jahre alt sein. Es gibt drei zentrale Punkte, die die beschönigende Rechnung in Bezug auf das demografische Potenzial der Jugend im Zusammenhang mit der wirtschaftlichen Produktivität doch komplexer machen. Zunächst ist es zweifelhaft, ob Indien im Jahr 2030 in der Lage sein wird, genügend Beschäftigungsmöglichkeiten für die jugendlichen Arbeitskräfte im eigenen Land zu schaffen, und ob ihre Fähigkeiten und ihr Bildungsniveau ausreichen. Überdies ist es ein (vernachlässigter) Fakt, dass Indien neben einer wachsenden Zahl junger Menschen im Jahr 2030 auch eine beträchtliche Anzahl älterer Menschen haben wird (2030 wird die Lebenserwartung voraussichtlich bei etwa 71 Jahre liegen). Bis zum Jahr 2050 werden die älteren Menschen fast ein Fünftel der indischen Bevölkerung ausmachen, und dies wird zu höheren öffentlichen Ausgaben in der Gesundheitsversorgung, für Renten und Unterkünfte führen. Und da wäre auch noch die interessante Dynamik des geschlechterverteilten Alterns, welches durch die höhere Lebenserwartung von Frauen verursacht wird: Bis zum Jahr 2026 werden in Indien voraussichtlich 1.060 Frauen auf 1.000 Männer kommen. Wie einige Bevölkerungsstudien festgestellt haben, wird die Existenz vieler verwitweter Frauen in patriarchalischen Kontexten der Abhängigkeit von Geschlechterrollen voraussichtlich zusätzliche sozialpolitische Dilemmata schaffen.

Mit Indiens Bevölkerung, die auf 1,69 Milliarden Menschen wachsen wird – das sind rund 30 Millionen Menschen mehr, als die Prognose für Chinas Bevölkerung im Jahr 2050 vorsieht –, und einer Bevölkerungsdichte von 500 Einwohnern pro Quadratkilometer (fast das Zehnfache des globalen Durchschnitts) wird die »demografische Dividende« den Druck auf die bereits überstrapazierten natürlichen Ressourcen und Energieressourcen erhöhen. Man schätzt, dass im Jahr 2030 etwa 60 Prozent der Energiequellen aus nicht erneuerbaren Quellen stammen werden, und die anhaltende Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen wird die bereits hohe Luftverschmutzung im Land noch erhöhen. Der Klimawandel wird auch für die Zukunft Indiens folgenschwer sein. Das Land wird voraussichtlich einen spürbaren Anstieg der Auswirkungen des Klimawandels erleben, etwa in Form von häufigeren und intensiveren Naturkatastrophen. Auch wird die Artenvielfalt zurückgehen. Ein weiteres absehbares Ergebnis ist die Unsicherheit der Nahrungsmittelversorgung, die wiederum zu einer Verringerung der Kalorienaufnahme und Veränderungen in der Ernährung führt und somit negative Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit haben wird.

Die institutionellen Kontexte und politischen Rahmenbedingungen Indiens werden sich im Jahr 2030 fünf großen Herausforderungen stellen müssen. Die ersten betreffen regionale und sektorale Unterschiede im Wirtschaftswachstum. Obwohl im Jahr 2030 mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Städten leben wird, tragen die Vernachlässigung der Agrarpolitik und der Mangel an nicht landwirtschaftlichen Beschäftigungsmöglichkeiten in ländlichen Gebieten dazu bei, dass nur 30 Prozent des indischen BIP aus ländlichen Gebieten stammen. Die ungleiche regionale Verteilung des wirtschaftlichen Wohlstands und die wachsenden sozioökonomischen Disparitäten zwischen dem Küsten- und Hinterland Indiens, die bereits in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts von den Analysten entdeckt wurden, werden sich verhärten.

Indien wird sich im Jahr 2030 in einem Teufelskreis aus zunehmender sozialer Unzufriedenheit und staatlichen Handlungszwänge befinden.

Für das Jahr 2030 könnte sich auch ein neues Dilemma des sektoralen Wachstums anbahnen, da der viel beschworene »IT-Boom«, der Indiens Wachstumsgeschichte vorangetrieben hat, zu einem Ende kommt. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht des McKinsey Global Institute warnt vor möglichen Einschnitten in der Produktivität und in den Erträgen des indischen Sektors für Informationstechnologie / Geschäftsprozess-Outsourcing im Zuge der technologischen Innovationen im Bereich der künstlichen Intelligenz und Robotik, die die wirtschaftliche Bedeutung der menschlichen technologischen Arbeit reduzieren. Politische Veränderungen außerhalb Indiens wie die geringere Verfügbarkeit von amerikanischen H-1B-Arbeitsvisa, die die Auswanderung einer indischen »Hightech-Niedriglohn«-Arbeitsgruppe in die Vereinigten Staaten ermöglichten, werden ebenfalls eine Rolle spielen. Wird die Wirtschaftspolitik einen Paradigmenwechsel vorantreiben, um diese regionalen und sektoralen Disparitäten und Dilemmata zu beseitigen? Diese Frage bleibt offen.

Die zweite große Herausforderung für Indien im Jahr 2030 liegt im Bereich der Sozialpolitik. Die kompetitive Zukunftsvision mit ihrer konzentrierten Ausrichtung auf makroökonomisches Wachstum ignoriert die sozioökonomischen Ungleichheiten im Land. Werden diese nicht berücksichtigt, werden sie sich negativ auf die Produktivität auswirken – schlecht ausgebildete Arbeitskräfte mit unzureichender Gesundheitsversorgung können den erwarteten Wirtschaftsboom und die Stabilität des Regimes nicht antreiben. Um hier abzuhelfen, braucht es neben Umverteilung und sozialem Wandel eine gemeinschaftliche Anstrengung, die sozialstaatliche Institutionen und Mechanismen neu schafft oder vorhandene stärkt.

Drittens werden städtische Politik- und Planungsparadigmen durch das Phänomen des schnellen Wachstums außerhalb der Metropolen herausgefordert. Im Jahr 2030 wird sich Indien dem Ergebnis nähern, das im Bericht der Vereinten Nationen über die weltweite Urbanisierung prognostiziert wurde; hier geht man von einem Anstieg der Urbanisierung außerhalb der Metropolen bis 2050 aus. Das demografische Wachstum wird sich auf sogenannte Klein- und Provinzstädte konzentrieren, in denen rund 45 Prozent der städtischen Bevölkerung leben. Obwohl in den letzten Jahrzehnten privatwirtschaftliche Tätigkeiten in den Gebieten außerhalb der Metropolen stark zugenommen haben, ist die Versorgung mit öffentlichen Einrichtungen zur Grundversorgung und mit sozialer Infrastruktur nach wie vor lückenhaft. Die infrastrukturellen Kapazitäten an ­diesen Standorten können somit überlastet sein.

Um dem entgegenzuwirken, bedarf es eines politischen Willens, die Stadtpolitik über die medienfreundlichen »Smart City«-Entwicklungsprogramme hinaus auszuweiten, die von mehreren Regierungen in Folge favorisiert wurden; sie zielen darauf ab, Indiens »Weltklasse«-Technologien zu etablieren. Projekte zum Bau von Straßen, Abwasserleitungen, staatlichen Schulen und Krankenhäusern, die weitaus weniger glamourös sind, werden kurzfristig nötig sein, um den Druck zu bewältigen, den das Wachstum der Bevölkerung und ihre zunehmende Dichte auf diese unterversorgten Gebiete ausüben.

Die vierte Herausforderung, mit der Indien im Jahr 2030 konfrontiert sein wird, hat mit der sozialen Diversität und Ungleichheit zu tun. Wer den Fokus allein auf das indische Wirtschaftswachstum richtet, ignoriert die Tatsache, dass wirtschaftliche Veränderungen in die Matrix der vielen geerbten Ungleichheiten von Klasse, Kaste, Religion, Geschlecht und ethnischen Unterschieden, die die indische Gesellschaft prägen, eingebettet sind und diese wiederum formen. Makroindikatoren des Wirtschaftswachstums wie das jährliche BIP-Niveau können nicht die tatsächliche Verbreitung und Verteilung dieses Wachstums dokumentieren, und sie erfassen auch nicht, wie es sich auf die Lebenschancen und -erfahrungen von Einzelnen auswirkt. Andere statistische Daten liefern ein abweichendes Bild, es ist ein ernüchterndes Korrektiv. Während beispielsweise die Wirtschaftsprognosen zeigen, dass Indien die Vereinigten Staaten im Jahr 2050 überholen und die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt werden wird, zeigen die Daten zum Pro-Kopf-Einkommen, dass Indien in absehbarer Zukunft hinter den USA zurückbleiben wird. Auch Daten über die Wohlstandsverteilung und -konzentration zeichnen ein anderes Bild von Indien im Jahr 2030. Laut dem »Inklusiven Entwicklungsindex des Weltwirtschaftsforums« (Ausgabe 2018) war Indien 2017 ungleicher als die Vereinigten Staaten. In diesem Jahr besaß das reichste Prozent der Inder 53 Prozent des Landesvermögens, während das reichste Prozent der Amerikaner etwa 38 Prozent des Landesvermögens besaß.

Die Beziehung Deutschlands zu Indien sollte im Rahmen einer global verwobenen Zukunft geschmiedet und damit gestärkt werden.

In Ermangelung von Umverteilungsstrategien und institutionellen Mechanismen dürften diese und möglicherweise sogar noch höhere Einkommensungleichheiten bis in die 2030er-Jahre und darüber hinaus andauern. Wenn jedoch die sozialpolitischen Trends des frühen 21. Jahrhunderts fortbestehen und eher zielgerichtete als universelle Sozialleistungen von gewinnorientierten Marktakteuren und nicht von staatlichen Agenturen erbracht werden, zeichnen sich die Konturen einer sozialen Ordnung ab, die im Wesentlichen zweigeteilt ist. Arme würden nur mit minimalistischen Bündeln grundlegender Gesundheits-, Bildungs- und Sozialdienste versorgt werden – »arme Schulen und Krankenhäuser für arme Menschen«. Schließlich wird sich Indien im Jahr 2030 wohl in einem Teufelskreis aus zunehmender sozialer Unzufriedenheit und staatlichen Handlungszwänge befinden. Anstelle der Vermittlungsmechanismen und Ideologien des konvexen Pluralismus, die im 20. Jahrhundert für die Aushandlung und Anpassung sozialer Unterschiede eintraten, ist die soziale Ordnung Indiens im 21. Jahrhundert auf autoritäre und religiöse Mehrheitsregierungen und eine einheitliche Ideologie der nationalen Identität angewiesen. Diese mehrheitlichen Tendenzen werden sich wahrscheinlich in der Zukunft verschärfen, da die vereitelten sozialen Bestrebungen Spannungen und Feindseligkeiten anheizen und zu einer Sündenbockmentalität und der Verfolgung von Minderheiten führen.

Deutschlands Beziehung zu Indien

Die langfristige Existenz der Demokratie in Indien, ­sowohl auf institutioneller als auch auf substanzieller Ebene, muss sich all diesen Herausforderungen in ihrer ganzen Komplexität stellen. Dies wiederum bedeutet, dass die bestehenden politischen Horizonte über den Tunnelblick der kompetitiven Zukunftsvision und den beschränkten Fokus auf maximales Wirtschaftswachstum hinaus erweitert werden müssen. Auf dem Spiel steht eine neue politische Vorstellung der Zukunft als einer geteilten und verwobenen Welt, in der sich nationale Grenzen verbinden und überschneiden.

Internationale Beziehungen spielen bei der Verwirklichung dieser alternativen Vision eine entscheidende Rolle. Die Beziehung Deutschlands zu Indien sollte im Rahmen einer global verwobenen Zukunft geschmiedet und damit gestärkt werden. Dies erfordert zwei wesentliche Verschiebungen im bestehenden Muster und Umfang der deutschen Außenpolitik gegenüber Indien.

Die erste betrifft die Akteure der internationalen Beziehungen. Um den Herausforderungen und Chancen einer global verwobenen Zukunft zu begegnen, können die entscheidenden Akteure und Partner im deutsch-indischen Engagement nicht nur staatliche Akteure sein. Es müssen auch zivilgesellschaftliche Gruppen, internationale Organisationen und andere nicht staatliche, subnationale und transnationale Akteure einbezogen werden. Zweitens müssen die bilateralen strategischen Kooperationsabkommen die Dimension der »demokratischen Nachhaltigkeit« beinhalten und die engen, auf nationale Sicherheit und Wirtschaftswachstum ausgerichteten Definitionen der nationalen Interessen ersetzen. Dies wiederum erfordert eine Änderung der Zusammensetzung deutsch-indischer Kooperationsabkommen, sodass Ressourcen und Expertisen Vorrang haben, die direkt zur Stärkung der Demokratie, ihrer Gesundheit und Lebendigkeit beitragen. Die Gleichberechtigung von religiösen und ethnischen Minderheiten, die Stärkung bürgerlicher Freiheiten und der Medienfreiheit, die Entwicklung partizipativer und rechenschaftspflichtiger Regierungsformen und die sinnvolle Auseinandersetzung mit sozialer Gerechtigkeit sollten Themen sein, die regelmäßig und zentral in zwischenstaatlichen Konsultationen behandelt werden.

 

Indien

Wie wir handeln müssen

  • Alternative Zukunft gestalten: Um schädliche Auswirkungen der kompetitiven Zukunftsvision auf die Demokratie abzuwenden, müssen die politischen Horizonte Indiens über wachstumsorientierte und national exklusive Zukunftsvorstellungen hinausgehen. Es geht um eine neue politische Vorstellung von der Zukunft als einer gemeinsamen und verwobenen Welt. Internationale Beziehungen und Netzwerke spielen eine entscheidende Rolle bei der Verwirklichung dieser alternativen Vision.
  • Beziehungen zwischen Deutschland und Indien: Die Beziehungen Deutschlands zu Indien sollten im Rahmen einer global verwobenen Zukunft geschmiedet und damit gestärkt werden. Dies erfordert zwei wesentliche Änderungen des bestehenden Umfangs und der Struktur der strategischen Zusammenarbeit: 1. Diversifizierung der Stakeholder; 2. Erweiterung der politischen Agenda.
  • Diversifizierung der Stakeholder: Um den Herausforderungen und Chancen einer global verflochtenen Zukunft zu begegnen, können die Akteure und Partner nicht allein staatlich sein. Die Beziehungen zwischen Deutschland und Indien müssen als mehrgleisige »Netze des Engagements« zwischen zivilgesellschaftlichen Gruppen, internationalen Organisationen und anderen nicht staatlichen, subnationalen und transnationalen Akteuren gestaltet werden.
  • Erweiterung der politischen Agenda: Bilaterale strategische Kooperationsabkommen müssen »demokratische Nachhaltigkeit« beinhalten. Themen wie der Status religiöser und ethnischer Minderheiten, die Stärke der bürgerlichen Freiheiten und der Medienfreiheit sowie die sinnvolle Auseinandersetzung mit sozialer Gerechtigkeit sollten regelmäßig und zentral in die zwischenstaatlichen Konsultationen einfließen und den Inhalt von Kooperationsabkommen und Transfers bilden.

Prof. Dr. Srirupa Roy (48) leitet die Forschungsgruppe »Staat und Demokratie im modernen Indien« am Centre for Modern Indian Studies (CeMIS), Universität Göttingen. Sie ist überdies Co-Direktorin des Maria Sibylla Merian International Centre of Advanced Studies »Metamorphoses of the Political« (ICAS:MP). Sie forscht in den Bereichen Nationalismus, Medien und politische Kulturen der Demokratie. Roy ist derzeit die leitende Forscherin des Projekts »InterAsia: media and the new political« des So­cial Science Research Council (SSRC) in New York.