Nationale Identität in der pluralen Demokratie

An der Brunnenstraße in Berlin steht ein Haus. Darauf steht in großen weißen Buchstaben über vier Stockwerke hinweg: »Dieses Haus stand früher in einem anderen Land.« Und einführend: »Menschlicher Wille kann alles versetzen.« Kann menschlicher Wille wirklich alles versetzen? Zumindest offenbar Ländergrenzen. Nicht nur aus der DDR in die Bundesrepublik hinein – aus Gebieten, die früher einmal Deutsches Reich waren, wurden polnische oder tschechische Gebiete. Das Saarland war mal Frankreich und mal Deutschland. Deutschland war lange Rom beziehungsweise ein Teil des Römischen Reiches.

Im Nahen Osten entstanden nach dem Sykes-Picot-Abkommen mit dem Lineal gezogene neue Länder wie Libanon, Syrien, Jordanien, Irak und Israel. Als Arthur James Balfour, der britische Marineminister, den jungen Mark Sykes am Morgen des 16. Dezember 1915 fragte, wie man das Osmanische Reich zwischen Großbritannien und Frankreich aufteilen wolle, zog dieser mit seinem Zeigefinger über die Karte, die auf dem Tisch lag, und sagte: »Ich würde eine Linie ziehen vom E von Acre bis zum letzten K von Kirkuk.«

Nation als »gewollte Gesellschaft«

Und auch das Osmanische Reich – obwohl multikulturell, multikonfessionell und multisprachlich – war jahrhundertelang national identitätsstiftend und dann plötzlich inexistent und heute wieder identitätsstiftend für manche neuen Nationalisten, die außer Acht lassen, dass dieses Reich niemals eines nur der Turkvölker war.

Einmal als Nation gegründet, eiferten die neuen Nationalstaaten dem Mythos der homogenen, ethnisch reinen oder religiös reinen Gemeinschaft nach und tun es bis heute. Intern in Bürgerkriegen und extern in territorialen Reinheitskriegen. Sunniten gegen Schiiten, Türken gegen Kurden, Israelis gegen Palästinenser. Die Nation als reine Fiktion entwickelt eine Kraft, die nicht nur freiheitlich ist: Die von den Studierenden in der Gründung der deutschen Nation als Befreiung aus der föderalen Kleinstaaterei und der Willkür einzelner Fürsten gelesene emanzipative Bewegung entfachte über den Moment der Gründung hinaus bald jene Erzählung, die Nationen nach innen zusammenhält – indem sie nach außen den Anderen konstruiert – als Feind, als Konkurrenten oder auch als kuriosen Freund. Je mehr der Andere anders ist, je mehr werde ich zum Ich, wir zum Wir, die Nation zur Nation – im Gegensatz zur anderen Nation, zum Feind, dem Antidemokraten, der sich auch konstruiert, indem er mit dem Finger zurückzeigt.

Worauf basiert die Idee der Nation? Reicht schon die Vorstellung aus, eine Gemeinschaft zu sein, um eine solche zu bilden – wie Benedict Anderson die »imagined communities« vorstellt? Oder basiert die Nation auf einem entschiedenen, gewollten Zusammenschluss, der eine »gewollte Gesellschaft« formt, wie Ferdinand Tönnies es beschreibt? In beiden Fällen erscheinen Ein- und Ausschlüsse konstruiert, willkürlich, veränderbar. Kann man Menschen so, wie es gerade ins Narrativ, in die aktuelle Erzählung passt, ein- und ausschließen in den Gedanken der nationalen Zugehörigkeit? Heute gehörst du zu Frankreich, morgen zu Deutschland. Heute bist du Lemberger, Galizier, Pole – morgen Ukrainer mit stolzer nationaler Identität? Heute bist du Osmane, morgen Libanese, Syrer, Jordanier. Heute Ukrainer auf der Krim, morgen Russe? Oder ist es doch nicht so willkürlich?

Worauf basiert die Vorstellung der Nation?

Worauf basiert die Vorstellung der Nation? Auf einer gemeinsamen Sprache? Sollte dies der Fall sein, so müsste man beispielsweise der Schweiz ihre Nationalstaatlichkeit absprechen. Basiert sie auf der gemeinsamen Kultur? Wäre das ein allgemeines Kriterium, wie ist dann die kontroverse Leitkulturdebatte hierzulande zu bewerten? Bei uns gebe man sich die Hand und zeige sein Gesicht, so Thomas de Maizière in seinem Zehn-Punkte-Plan für die deutsche Leitkultur. Bei uns gebe man sich die Hand und zeige sein Gesicht, so Thomas de Maizière in seinem Zehn-Punkte-Plan für die deutsche Leitkultur. Recht unkonkret, möchte man meinen – tut man das nicht auch in Frankreich, Angola oder Honduras? Oder ist es die Religion, die uns zur Nation formt? Die jüdisch-christliche Leitkultur, sagte einmal Volker Kauder, habe uns Deutsche geprägt. Worauf die Professorin für jüdische Philosophie Shulamit Bruckstein im »Tagesspiegel« antwortete: »Nein, es gab keine jüdisch-christliche Tradition, sie ist eine Erfindung der europäischen Moderne und ein Lieblingskind der traumatisierten Deutschen.«

Vielleicht aber ist es mehr die Idee einer gemeinsamen Abstammung, die eine Nation aus einer Blutsgemeinschaft heraus formt. Doch selbst Ethnizität wird in der Soziologie als soziale Konstruktion begriffen, die jedoch tief im »historischen Gedächtnis« einer Gruppe verankert sein kann. Nach Anthony Smith und seinem Werk »The Ethnic Origin of Nations« werden sechs Kriterien aufgezählt, die eine gemeinsame Zugehörigkeit begründen. Dazu zählen:

  1. ein gemeinsamer Name
  2. der Mythos einer gemeinsamen Abstammung
  3. eine gemeinsame Geschichte
  4. eine gemeinsame Kultur
  5. eine Verbindung mit einem bestimmten Territorium
  6. ein Gemeinschaftsbewusstsein

Max Weber wiederum nimmt einem die Illusion dieses abrufbaren Kriterienkataloges der Zugehörigkeit und sieht weder gemeinsame historische Erfahrungen, Mythen und religiöse Überzeugungen noch die eigene Sprache oder eine besondere Lebensweise für konstituierend an. Er findet, erst die gemeinsame Wahrnehmung, dass diese Merkmale ihre Angehörigen von jenen anderer Gruppen wesentlich unterschieden, mache eine Nation zur Nation. Also doch nur eine Konstruktion – dazu noch eine willkürliche?

18 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund

Max Weber beschreibt ethnische Zugehörigkeit sogar als subjektive Einbildung und sagt: »Wir wollen solche Menschengruppen, welche auf Grund von Ähnlichkeiten des äußeren Habitus oder der Sitten oder beider oder von Erinnerungen an Kolonisation und Wanderung einen subjektiven Glauben an eine Abstammungsgemeinsamkeit hegen, derart, daß dieser für die Propagierung von Vergemeinschaftungen wichtig wird, dann, wenn sie nicht ›Sippen‹ darstellen, ›ethnische‹ Gruppen nennen, ganz einerlei, ob eine Blutsgemeinsamkeit objektiv vorliegt oder nicht.«

Shulamit Bruckstein: »Es gab keine jüdisch-christliche Tradition, sie ist eine Erfindung der europäischen Moderne und ein Lieblingskind der traumatisierten Deutschen.«

Was hat das nun mit Deutschland zu tun? Deutschland ist kulturell, ethnisch, religiös und national vielfältig. Das macht es zunehmend schwierig, Merkmale zu definieren, die die Angehörigen der eigenen Nation von jenen anderer Gruppen wesentlich unterscheiden. Wer dieses Land heute beschreibt, kommt nicht umhin, die Vielheit zu erwähnen. In Deutschland leben heute mehr als 19 Millionen Menschen mit einem sogenannten Migrationshintergrund, von denen mehr als die Hälfte die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Dennoch ist es bis dato nicht gelungen, aus dieser Tatsache eine Erzählung zu generieren, die eine neue plurale und heterogene nationale Identität formuliert, die sich mittelfristig in unser kollektives Gedächtnis einspeist und über ein politisches Bekenntnis und einen statistischen Kennwert hinauswirkt. Selbst politische Bekenntnisse diesbezüglich sind eher in utilitaristischen Formulierungen erkennbar, wie zum Beispiel in der Aussage: »Wir brauchen diese jungen Leute als Fachkräfte in unseren Betrieben.«

Die deutsche Erzählung der Reinheit

Es entsteht der Eindruck, als finde das Thema Einwanderungsgesellschaft außerhalb der Krise – der Flüchtlingskrise, der Migrationskrise, der Radikalisierungskrise – einfach nicht statt, als stagniere es kommunikativ auf einem Niveau der 1980er-Jahre. Deutlich wird das immer wieder in den medialen Zuschreibungen. Ich erinnere mich an die Berichterstattung, als der Abgeordnete Karamba Diaby »als erster Schwarzer im Bundestag« gewählt wurde. »In seinem Heimatland Senegal freuen sich die Menschen mit dem 51-Jährigen, der einst als Student in die DDR kam« – wohlgemerkt: mit 20 Jahren. Deutschland war zu diesem Zeitpunkt bereits seit 31 Jahren seine Heimat. Die »Welt« bescheinigte ihm gar: »Karamba Diaby aus Halle hat Historisches geschafft. Als erster Abgeordneter mit dunkler Hautfarbe zieht der SPD-Politiker in den Bundestag ein«, um direkt danach beschwichtigend anzuführen: »Der gebürtige Senegalese bleibt jedoch bescheiden.« Keine Angst, ein Schwarzer macht noch keinen bunten Bundestag. Er bleibt bescheiden – es bleibt alles beim Alten. Das verdeutlicht, wie stark Deutschland – trotz der faktischen Realität, ein Einwanderungsland geworden zu sein, in dem mehr als jeder fünfte Einwohner und sogar jedes dritte Schulkind einen sogenannten Migrationshintergrund hat – in seiner nationalen Selbsterzählung und Selbststrukturierung noch homogen bleibt.

Abgeordnete, öffentlicher Dienst, Lehrpersonal, Medienvertreter, Wissenschaft, Talkshows in den öffentlich-rechtlichen Sendern – überall dort, wo strukturelle und institutionelle Macht gebündelt sind und wo Sichtbarkeit und Sprecherpositionen erlangt werden können, verharrt das Land überwiegend in seiner homogenen Struktur. Minimalanstiege und das punktuell gesteigerte öffentliche Interesse dafür untermauern letztlich nur dieses homogene Narrativ – getreu dem Motto: Ausnahmen bestätigen die Regel.

Die Gründe für die Unsichtbarkeit der Thematik, die Hand in Hand geht mit der Nichtzuweisung von Positionen, werden durch die Beharrlichkeit der sogenannten Integrationsdiskurse des letzten Jahrzehnts ausgebaut. Hiernach wird kein Systemverschulden darin erkannt, dass nach mehr als einem halben Jahrhundert Einwanderung in die Bundesrepublik Deutschland die gesellschaftlichen Positionen noch weitgehend für Migranten und ihre Nachkommen verschlossen sind. Vielmehr wird eine solche gesellschaftliche Schließung in die Konsequenz eines nicht integrativen Verhaltens uminterpretiert, und ein paternalistisches »Ihr seid leider noch nicht so weit – aber wir helfen euch gerne« zementiert über Generationen diese Ungleichheiten weiter.

Ausschluss aus der kollektiven Identität

Wenn man nicht als Teil des Kollektivs gilt – ist das so schlimm? Dann gehört man halt nicht dazu in die Beschreibung nationaler Identität. Ist das nicht sowieso ein Konstrukt von gestern? Wir sind doch heute global. Wer will schon nationale Zugehörigkeit? Hauptsache, man hat den Zugang zu Bildung und Arbeitsmarkt – dann ist doch das andere nicht mehr so wichtig, oder?

In einem Feldversuch hat eine Wissenschaftlerin vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit 1500 fiktive Bewerbungen an Unternehmen in Deutschland geschickt und die Rückmeldungen der Personalabteilungen analysiert. Das Ergebnis: Selbst hier aufgewachsene Bewerberinnen mit besten Deutschkenntnissen und deutscher Bildungs- und Ausbildungsbiografie werden erheblich benachteiligt, wenn sie einen türkisch klingenden Namen haben und noch dazu ein Bewerbungsfoto mit Kopftuch vorlegen. Während auf dieselbe Bewerbung, bei welcher lediglich der Name in einen typisch deutsch klingenden Namen (Sandra Bauer) geändert wurde, in 18,8 Prozent der Fälle eine Einladung zu einem Vorstellungsgespräch folgte, erhielten von den identischen Bewerbungen mit einem türkischen Namen (Meryem Öztürk) nur 13,5 Prozent eine positive Rückmeldung. Wenn die fiktive türkischstämmige Bewerberin zusätzlich noch ein Kopftuch auf dem Bewerbungsfoto trug, sank die Rate für eine positive Antwort auf 4,2 Prozent. Erst nach 4,5-mal so vielen Bewerbungen kam bei ihr ein Bewerbungsgespräch zustande.

Eine Untersuchung des Sachverständigenrats deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) lieferte ähnliche Ergebnisse. Hier ging es um die Einbindung in den Arbeitsmarkt – ebenfalls bei identischer Qualifikation. Demnach haben Jugendliche mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund nachweisbar schlechtere Chancen, überhaupt erst zu einem Ausbildungsgespräch eingeladen zu werden. Und zwar erst recht, wenn sie Abitur haben. Hier sind die Chancen auf Einladung zu einem Gespräch um 50 Prozent geringer. Bildung und Leistung alleine scheinen nicht zu reichen, wenn es um Gleichheit geht – hier wirkt die Zugehörigkeit zur Wir-Gruppe, zum nationalen Kollektiv, offenbar deutlicher nach.

Welche Kriterien sind für die Bevölkerung wichtig oder unwichtig, um deutsch zu sein?

Die Daten beruhen auf einer telefonischen Umfrage, die das Zentrum für empirische Sozialforschung an der HU Berlin für das Forschungsprojekt JUNITED vom 24.09.2013 bis 15.04.2014 ausgeführt hat.

Einstellungen zur religiöser Beschneidung, zum Kopftuch bei Lehrerinnen, zum Moscheebau und zum islamischen Religionsunterricht

siehe oben

Eine aktuelle Studie des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung, die in Kooperation mit dem SVR durchgeführt wurde, weist außerdem nach, dass die Erwartungshaltungen von Lehrkräften gegenüber türkeistämmigen Kindern systematisch niedriger sind, und zwar schon ab der ersten Klasse. Ganz egal, welchen sozioökonomischen Hintergrund die Eltern haben, ob reich, gebildet, Mädchen oder Junge, es reicht zu wissen, dass sie einen türkischen Hintergrund haben, um weniger von ihnen zu erwarten – im Lesen, in Mathematik und als Gesellschaft auch in anderen Positionen, wie oben gezeigt.

65 Prozent der Migranten fühlen sich deutsch

In einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, die wir am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung durchgeführt haben, wollten wir feststellen, wovon die Erzählungen des Deutschseins abhängen. Und wir wollten messen, wie sich nationale Verbundenheit artikuliert und ob sich die Verbundenheit bei Migranten und Nichtmigranten unterscheidet. Wir erkannten hohe Übereinstimmungen, besonders bei den emotionalen Items: »Ich liebe Deutschland«, sagten mehr als 80 Prozent der Migranten (85 Prozent waren es bei den Nichtmigranten). Auch überraschte, dass circa 65 Prozent der Migranten auch sagten, sie fühlten sich deutsch.

Gleichzeitig konnten wir erkennen, dass es eine sehr ambivalente Haltung in der Bevölkerung gibt, was das Deutschsein betrifft. Auf der einen Seite gibt es ein sehr modernes Verständnis davon, wenn die Kriterien des Deutschseins zu mehr als 90 Prozent von der Sprache und zu fast 80 Prozent von der Staatsangehörigkeit abhängig gemacht werden – die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts liegt noch gar nicht so lange zurück. Bis zum Jahr 2000 konnte Deutscher nur werden, wer deutsche Vorfahren hatte – nun plötzlich sagen fast 80 Prozent der Bevölkerung, Deutscher sei, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitze.

Bis zum Jahr 2000 konnte Deutscher nur werden, wer deutsche Vorfahren hatte.

Diese kognitive, also im Denken etablierte Einstellung bricht sich jedoch immer wieder auf emotionaler Ebene, wie wir feststellen konnten. Was ich zu denken bereit bin, setzt sich also nicht zwangsläufig auch in mein Gefühl um. So reichte die Anforderung, Deutsch sprechen zu können, offenbar doch nicht aus, denn 40 Prozent sagten, man müsse schon akzentfrei Deutsch können, und beinahe 40 Prozent waren der Meinung, man solle deutsche Vorfahren haben. Auch fand deutlich mehr als ein Drittel der Bevölkerung, wer ein Kopftuch trage, sei nicht deutsch – hier ist es also offenbar egal, ob die Person die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt und akzentfrei Deutsch spricht – trägt sie ein Kopftuch, gehört sie nicht dazu zu dieser nationalen Identität.

Die deutsche Identität ohne den Islam

Der Islam scheint derzeit generell eines der dominanten Ausschlusskriterien zu sein. Auch hier gibt es jedoch ambivalente Positionierungen. So sind zwar 70 Prozent der Bevölkerung dafür, Muslimen mehr Anerkennung zuzugestehen – aber gleichzeitig würden 60 Prozent die Beschneidung aus religiösen Gründen verbieten, 50 Prozent sind für ein Verbot des Kopftuchs bei Lehrerinnen, und 40 Prozent möchten keine sichtbaren Moscheen. Bei denen, die eine starke nationale Verbundenheit spüren, sind die Zahlen noch einmal signifikant höher. Die Menschen wissen wahrscheinlich, dass Artikel 4 des Grundgesetzes Gläubigen das Recht auf die freie Ausübung ihrer Religion garantiert – dazu gehört auch das Recht, religiöse Grundregeln zu befolgen. Aber wie schon verdeutlicht: Es gibt eine kognitive Akzeptanz und parallel dazu eine emotionale Distanz. Und das ist spürbar.

Was hat das mit der Idee der Nation zu tun?

Identität – zumal nationale Identität – ist amorph. An den Leitkulturdebatten der letzten Jahre konnten wir erkennen, wie schwer es ist zu definieren, wer wir sind. Es wird wohl niemand ernsthaft in Erwägung ziehen, dass sich das »deutsche Wir« dadurch definiert, dass man sich grüßt und die Hand gibt. Es erzeugt ein Gefühl von Konkretion, wenn zumindest bestimmt wird, was man nicht ist: Nationale Identität wird also ex negativo erzeugt. Dabei verändern sich unsere Selbstbilder mit der Zeit und somit auch die negativen Zuschreibungen jenen gegenüber, die als die »Anderen« wahrgenommen werden. So wurden in den 1960er-Jahren die Gastarbeiter als unpünktlich, schmutzig und faul beschrieben – und gerade dadurch die als deutsch wahrgenommenen Tugenden der Pünktlichkeit, Sauberkeit und des Fleißes beschworen. Heute wird die deutsche Identität – eingebettet in den europäischen Kontext – als demokratisch, tolerant und aufgeklärt definiert.

Es erzeugt ein Gefühl von Konkretion, wenn zumindest bestimmt wird, was man nicht ist: Nationale Identität wird also ex negativo erzeugt.

Das Andere ist hingegen antidemokratisch, intolerant und hat nicht die Phase der Aufklärung durchlaufen. Genau diese Zuschreibungen werden besonders häufig mit dem Islam und den Muslimen verbunden. Die Aufklärung wird dabei wie eine Impfung wahrgenommen, die – einmal verabreicht – vor antidemokratischem und intolerantem Verhalten schütze, ganz so, als habe es Kolonialverbrechen, europäische Weltkriege und den Holocaust nicht erst nach der Aufklärung gegeben.

Selbstverständlich ist es auch richtig, sich die Frage zu stellen, ob im Islam selbst ein antireformatorischer Moment steckt. Dafür sollten wir mit Theologinnen und Theologen diskutieren, mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, mit islamischen Feministinnen – und konstruktiv streiten. Aber gleichzeitig müssen wir uns die Frage stellen, ob es wirklich der Islam ist, der diese Verhältnisse stabilisiert oder nicht vielleicht der von Trump abgeschlossene Waffendeal mit Saudi-Arabien über 180 Milliarden Dollar stärker zur Stabilisierung von Terror beitragen kann – und die ökonomische Abhängigkeit von Öl, Gas und anderen Rohstoffen, die auch mit uns gehandelt werden. Vielleicht ist es auch beides, sicher sind es multiple Faktoren – aber der Islam selbst ist genauso reaktionär oder reformatorisch, wie es die Lesart des Katholizismus, Protestantismus oder Hinduismus in der politischen Landschaft und im Kontext der Zeit ist.

Es bringt nichts, im Islam nach Suren zu suchen, die Homophobie begründen, wenn gleichzeitig Indonesien als eines der größten muslimischen Länder nachweist, dass es auch andere gesellschaftliche Umgangsformen damit gibt. In den USA zeigt die FBI-Statistik, dass Homosexuelle in Relation zu ihrer Gruppengröße am häufigsten Opfer von Gewaltattacken sind, und in Russland sind Homosexuelle akuten Gefahren ausgesetzt. Wir müssen also lernen, Homophobie als Gesellschaft zu sanktionieren oder Sexismus oder Antisemitismus – ohne diese antidemokratische Haltung auf eine Gruppe zu externalisieren und es mit deren Kultur oder Religion zu erklären. Das macht es zu einfach zu denken, das hätte nichts mit uns zu tun. Im Koran nach Suren zu suchen, die nachweisen, dass der Islam frauenfeindlich und antisemitisch sei – ergo den Muslimen solche Charakteristika inhärent –, ist genauso aus dem Zeitkontext gelöst, wie Protestanten zu kulturellen Antisemiten zu deklarieren, weil Luther die Meinung vertrat, die Juden seien ein »solch verzweifeltes, durchböstes, durchgiftetes, durchteufeltes Ding«, dass sie »1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen sind und noch sind«, und deswegen riet, man solle ihre Synagogen und Schulen mit Feuer anstecken.

Nation und kollektive Identität neu erzählt

Auch scheint es zumindest die Position Kants heutzutage nicht zu schmälern, wenn uns Aussagen von ihm bekannt sind, dass die Juden »eine Nation von Betrügern« oder »Vampyre der Gesellschaft« seien.18 Auch wenn Kant schreibt: »Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen«, beschreiben wir ihn als einen der Kerndenker, an denen sich die Aufklärung orientiert – nicht als Rassisten. Wir wissen, dass diese Zitate zeithistorisch einzuordnen sind, und zumindest ist die tiefe Verwurzelung des Antisemitismus in den Texten Kants und Voltaires sowie in der Bibel und bei Martin Luther kein Grund für uns, westliche Grundwerte auf der Basis der Aufklärung und des Christentums infrage zu stellen. Wir lesen sie heute neu. Gleiches gelingt mit dem Islam nicht.

Wir müssen wissen: Narrationen sind Geschichten, die nur teilweise auf historischen Erfahrungen beruhen. Sie besitzen zwar einen Moment von immer schon Dagewesenem und dadurch nicht Veränderbarem. Wir vergessen dabei aber, dass Narrationen immer wieder neu erdacht und in die Zeit zurückgedacht werden können. So gehen wir zum Beispiel davon aus, dass für die USA das Etikett einer »Nation of Immigrants« ein sogenannter Gründungsmythos ist. Tatsächlich wurde aber dieses Narrativ erst in den 1960er-Jahren über den Verwaltungsweg etabliert, um die soziale Kohäsion in einer Gesellschaft, die durch akute gesellschaftliche Spaltungen geprägt war, zu stärken. Die Kanadier fanden ihr Leitbild »Unity in Diversity« in den 1970er-Jahren.

Wir müssen lernen, Homophobie als Gesellschaft zu sanktionieren oder Sexismus oder Antisemitismus – ohne diese antidemokratische Haltung auf eine Gruppe zu externalisieren.

Inwiefern ist es möglich, konstitutive Narrative einer nationalen Gemeinschaft – in diesem Falle Deutschlands – neu zu erzählen? Und ist es möglich, Deutschland als heterogene Migrationsgesellschaft zu erzählen – oder als postmigrantische Gesellschaft? Damit ist eine Gesellschaft gemeint, die sich nicht in den binären Kategorien von migrantisch versus einheimisch erzählt. Shermin Langhoff, die Intendantin des Berliner Maxim Gorki Theaters, hat die postmigrantische Perspektive etabliert und beschrieben als »gemeinsamen Raum der Diversität jenseits von Herkunft«.

Wir wissen, Diversität ist zu beobachten und Heimat stellt sich ein – als Stadtgefühl, als Sehnsuchtsort, als Scholle, als Kindheitserinnerung – bei jedem anders. Multipel divers in der emotionalen Verankerung. Das Heimatgefühl variiert so wie die Erzählung, das Narrativ, von Heimat. Es wird fluide, verfestigt sich. Und jedes dritte Kind, das in diesem Land geboren wird, hat einen Migrationshintergrund und eine deutsche Heimat, von vielen vielleicht eher beschrieben als eine hamburgische, berlinerische, schwäbische. Die Diversität besteht darin, dass das Kind gleichzeitig migrantisch ist und deutsch und einheimisch. Die Trennung zwischen Migranten und Einheimischen wird schwieriger. Das ist die Empirie des neuen Deutschlands. Es widerspricht dem Narrativ der Homogenität.

Heimat– als Stadtgefühl, als Sehnsuchtsort, als Scholle, als Kindheitserinnerung – bei jedem anders.

Narrationen sind also Erzählungen beziehungsweise Erzählstrukturen, die Gemeinschaften betreffen und die über Zeit und Raum eine Reproduktion erfahren. Narrationen müssen nicht unbedingt auf empirischen Fakten beruhen, sie können auch auf Deutungen basieren, die erst im Nachhinein oder mit Blick auf ein zukünftiges Ziel interpretiert werden. Sie müssen also nicht in der erzählten Form tatsächlich historisch erfolgt sein. Paul Ricœurs Begriff »Mimesis II« verdeutlicht, dass historische Erzählungen sowohl rekonstruktiv als auch schöpferisch sind. Sie erfinden sich in der Gegenwart immer wieder neu – durch kontextuelle Neudeutungen, neue Wissensbestände oder rückwirkende Traditionalisierung. Sie erhalten jedoch durch die Annahme, schon immer da gewesen zu sein, Legitimität und prägen politisches Handeln.

»Deutschland ist kein Einwanderungsland und wird auch keines werden«, sagte Helmut Kohl als Kanzler der Einheit und ließ dies 1982 in den Koalitionsvertrag schreiben. Sein Narrativ erschien plausibel – auch wenn es vollkommen erfunden war. Die Funktion von Narrativen liegt also in der Konstruktion eines kollektiven Gedächtnisses und somit in der Konstruktion vergangener und gegenwärtiger Wirklichkeit. Nicht historisch grundiert und selbst zum damaligen Zeitpunkt empirisch nicht gedeckt – allein bis in die Mitte der 1970er-Jahre waren 14 Millionen Gastarbeiter nach Deutschland gekommen. Die Funktion von Narrativen liegt also in der Konstruktion eines kollektiven Gedächtnisses und somit in der Konstruktion vergangener und gegenwärtiger Wirklichkeit.

Hierbei sind rekonstruktive narrative Bezüge zur Vergangenheit, die sich auf Nation oder Ethnizität beziehen, häufig affektiv und Pathos-geladen und werden nur dem eigenen Kollektiv zugestanden. Sie simulieren eine gewachsene Beziehung über die Zeit hinweg, durch Erfahrungsbezüge wird so eine Gemeinschaft erzeugt. Eine durch Vergangenheit erarbeitete Gemeinschaft also, in welche diejenigen nicht eintreten können, die diese gemeinsame vermeintliche Historizität nicht teilen.

Zwei Axiome nationaler Identität

Der Kulturwissenschaftler Rogers Brubaker beschreibt nationale Identität grundsätzlich in zwei Axiomen: in einem Falle gründend auf Vergangenheit und Ahnenschaft, so ist es in Deutschland – und im anderen Fall gründend auf einem ethisch-moralischen Verfügungswissen, einer Idee oder Ideologie, wie es beispielsweise in den USA der Fall ist. Beides muss nicht stimmen, weder ist Deutschland aus der Ahnenschaft der Germanen entstanden, noch sind die USA das Land of Freedom. Aber die Narrative sind dichte Erzählungen, die das Selbstbild prägen und eine identitätsstiftende Erinnerungskultur erzeugen. Allerdings sind jene nationalen Narrative, die auf der Idee von Werten basieren, performativer und durchlässiger, weil sie sich an die Gegenwart anpassen und neue Praxen der Gemeinschaftsbildung – nämlich über Werte und Haltungen und weniger über Ereignisse – ermöglichen. So kann Freiheit als Leitbild einer nationalen Identität natürlich immer wieder weiterentwickelt werden. Demnach existieren rekonstruktive Narrative, also solche, die sich aus der Erzählung der Vergangenheit speisen, und aspirative Narrative, die auf ein Zukunftsziel, also einen »sinnstiftenden Endpunkt« zusteuern.

Handlungsmöglichkeiten und narrative Strategien

Wenn Narrationen also historischem Wandel und kultureller Veränderung unterliegen können, heißt das auch: Sie sind veränderbar! Man kann sie auch aktiv vonseiten der Politik, Wissenschaft, aber auch auf Verwaltungsebene neu deuten, neu verknüpfen, neu erzählen. Sie müssen allerdings glaubwürdig sein und eine Plausibilität besitzen, um ihre Funktion erfüllen zu können – nämlich die Erzeugung eines kollektiven Gedächtnisses. In Deutschland fehlt es der Politik und infolgedessen auch dem öffentlichen Raum an einem politischen und öffentlichen Narrativ, das Deutschland nicht nur kognitiv, sondern auch emotional als Einwanderungsland neu erzählt, in das es sich über einen langen Zeitraum hinweg entwickelt hat und nicht ad hoc – wie vielfach wahrgenommen. Mit »neu« erzählen ist gemeint, dass Migration und Integration nicht mehr einseitig aus einer Kosten-Nutzen-Perspektive von Etablierten und Außenseitern beschrieben werden sollten – nach dem Motto: »Die können hier sein, wenn sie uns was bringen, habe ich nichts dagegen.« Das wird nicht tragen, wenn sich schon die dritte und vierte Generation von »Migranten« zu Bürgern dieses Landes zählen. Auch deren Erzählungen von Deutschland müssen Eingang in das Narrativ einer kollektiven Erzählung finden.

In Deutschland fehlt es der Politik und infolgedessen auch dem öffentlichen Raum an einem politischen und öffentlichen Narrativ, das Deutschland nicht nur kognitiv, sondern auch emotional als Einwanderungsland neu erzählt.

Ein weiteres Angebot der narrativen Neudeutung wäre es, Deutschland von seinen Leitkulturdebatten zu befreien. Deutschland eher basierend auf Wertevorstellungen zu denken und nicht vorrangig auf Vergangenheitskonstruktion wäre durchaus denkbar. Wie wäre es zum Beispiel damit, Willkommenskultur als einen Akt der narrativen Neudeutung von Deutschsein zu verstehen? Euphemistisch? Mehr als zehn Millionen Menschen haben im sogenannten Sommer der Migration Geflüchteten geholfen. Mehr als die Hälfte von ihnen neben ihrem täglichen Beruf und nicht, weil sie zu viel Zeit oder sonst nichts zu tun hatten.

Die Erzählung Deutschlands hat sich dadurch im Ausland nachhaltig verändert. Deutschland gilt plötzlich neben Kanada als modernes Land der pluralen Demokratie. Wer hätte das gedacht? Das neue Deutschland nun als Nation des Mitgefühls. Mit dem Ziel, gemeinsam zu einer Integrationsgesellschaft zu werden, die Ungleichheit sanktioniert? Gleichheit der Verschiedenen als sinnstiftender Endpunkt? Deutschsein nicht mehr intuitiv in Abhängigkeit von Vorfahren und Phänotyp gedeutet, sondern als neue Erzählung von Bürgern, die eine gemeinsame Vorstellung von der pluralen Demokratie als Grundwert und Ziel ihrer nationalen Selbstbeschreibung haben?

Dies würde eine neue Form der Narration nationaler Identität ermöglichen, eine aspirative, nach vorne weisende Erzählung. Dies eröffnet gerade in Zeiten, in denen sich die europäische Identität als postnationaler Bezugsanker zunehmend verflüchtigt, einen Raum kollektiver Identität, der stärker über die Etablierung einer politischen Gemeinschaft – also ein gestaltbares, konstruktives oder inklusives Narrativ – entsteht als über ein historisch geerbtes, exklusives Leitkulturdenken, das nicht von allen mitgestaltet werden kann, sondern nur von den »echten Deutschen«.

Kann menschlicher Wille wirklich alles versetzen? Wenn ja, dann sollten wir uns jetzt darum bemühen. Die Einspeisung von neuen narrativen Elementen in das kollektive Gedächtnis gestaltet sich mitunter schwierig. Nicht nur, weil dies einen konsequenten Widerstand durch etablierte Diskurspositionen erfährt, sondern weil die neuen Teil-Narrative kompatibel, glaubwürdig und logisch stringent sein müssen, um ihre Wirkung zu entfalten – und weil vermehrt Sprecherinnen und Sprecher aufgebaut werden müssen, die diese in den öffentlichen Diskurs hineintragen. Dabei geht es hier nicht nur um migrantische Sprecherinnen und Sprecher, sondern grundsätzlich um Menschen, die eine normative Perspektive auf diese plurale Realität teilen.

Es geht also um postmigrantische Allianzen in diesem Land, um Menschen, die gemeinsam für eine Haltung streiten und nicht um eine Herkunft. Ob herkunftsdeutsch, biodeutsch, migrantisch, ost- oder westdeutsch, mit Hintergrund oder ohne: Der normative, sinnstiftende Endpunkt unserer nationalen Identität ist die plurale Demokratie. Sie zu schützen und zu vollziehen ist in der Verfassung angelegt. Dieses plurale Narrativ der deutschen Identität muss also nicht erfunden werden – nur befreit von all den Erzählungen, die es überdecken.

Nationale Identität

Wie wir handeln müssen

In Deutschland wurde bis dato politisch nicht formuliert, welche Vorstellungen von einem gemeinsamen Zusammenleben in einer Gesellschaft, die durch Migration wesentlich pluraler geworden ist, als Leitmotiv eines neuen nationalen Narrativs verhandelt werden könnten. Eine narrative Ausweitung der deutschen Identität hätte zur Folge, dass das Migrantische selbst zum konstitutiven Element des nationalen Narrativs und der deutschen Identität würde: Deutschland würde sich dann als »Einheit der Verschiedenen« neu erzählen, dem Deutschsein wäre das Migrantische dann inhärent und stünde ihm nicht mehr als Gegensatz gegenüber.

  • Die Einwanderungsgesellschaft Deutschland braucht ein politisches Leitbild, das aspirativ ist und nach vorne weist und das eine neue plurale und heterogene nationale Identität formuliert, die sich in unser kollektives Gedächtnis einspeist.
  • Integration von neu einwandernden Migranten muss einhergehen mit der Integration und Qualifikation der Gesamtgesellschaft für das Einwanderungsland Deutschland.
  • Integrationspolitik sollte zum Ziel haben: eine gleichberechtigte ökonomische, rechtliche und politische Partizipation aller Bürgerinnen und Bürger an den zentralen Gütern der Gesellschaft zum Zwecke der Herstellung von Chancengleichheit und des Abbaus von Diskriminierung und Ungleichheit.

Prof. Dr. Naika Foroutan (46) ist Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt-Universität zu Berlin und dort Direktorin des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM). Außerdem ist sie Leiterin des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (DeZIM), ein bundesgefördertes Forschungszentrum zur Vernetzung der Migrationsforschung in Deutschland. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören die Transformation von Einwanderungsgesellschaften und der Umgang mit Vielfalt in postmigrantischen Gesellschaften.