Neue Technologien für die »Agenda 2030«

Ich habe großes Vertrauen in das Potenzial von Technologie. Es beruht auf meinen eigenen Erfahrungen und auch auf einer soliden Grundlage von Fakten. Meine Generation hat miterlebt, wie etwa Mobiltelefone das Leben von Milliarden armer Menschen innerhalb einer Generation grundlegend verändert haben, und das sowohl in Industrie- als auch in Entwicklungsländern.

Kognitives Computing, Blockchain, Robotik, das Internet der Dinge und viele andere »intelligente« und ­»digitale« Technologien bieten vielversprechende Möglichkeiten, die sich wahrscheinlich tief greifend auf die globale Entwicklung auswirken werden. Nanotechnologie, 3-D- und 4-D-Druck, virtuelle, erweiterte und gemischte Realität, ausgefeilte digitale Assistenten, autonome Fahrzeuge und modernste Gentechnologie – all diese technologischen Megatrends wachsen in einem nie da gewesenen Tempo zu dem zusammen, was heute oft als »Industrie 4.0« bezeichnet wird.

Meine Generation hat miterlebt, wie etwa Mobiltelefone das Leben von Milliarden armer Menschen innerhalb einer Generation grundlegend verändert haben, und das sowohl in Industrie- als auch in Entwicklungsländern.

Für die nächsten zehn Jahren ist zu erwarten, dass sich künstliche Intelligenz zur disruptivsten aller Technologien entwickeln wird. Was an der steigenden Rechen­leistung liegt, an der wachsenden Menge an gesammelten Daten und an den Fortschritten, die bei selbstlernenden neuronalen Netzwerken erzielt werden. Dadurch bieten sich ungeahnte Möglichkeiten der Problemlösung und der Nutzung von Daten. Das kann uns bei der Umsetzung der »Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung« helfen, die 2015 von den UN-Mitgliedstaaten ­beschlossen wurde.

Regierungen spielen, das muss man festhalten, beim technologischen Wandel eine Schlüsselrolle. Sie erreichen dies, indem sie Innovation fördern oder selbst als Innovatoren auftreten. Wo Regierungen Unterstützung anbieten und günstige rechtliche Rahmenbedingungen schaffen, können sie eine enorme Innovationskraft freisetzen und dadurch viel zum Positiven verändern. Was wir brauchen, ist ein konstruktiver Dialog zwischen Regierungen und der internationalen Gemeinschaft, der kontinuierlich am Laufen gehalten wird. Darin muss es um das Verhältnis von Technologie und Nachhaltigkeit gehen und wie sie gut zusammenspielen. Wenn wir uns zusammentun, können wir die Vorteile, die aus der Technologie erwachsen, maximieren.

Die technologischen Dimensionen der nachhaltigen Entwicklungsziele

Ich bin überzeugt, dass ein wohlüberlegter Einsatz von Technologie entscheidend dazu beitragen kann, viele, wenn nicht alle der 17 nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) zu verwirklichen. Als sehr nützlich zeigt sich beispielsweise die Anwendung von digitalen Technologien und Dienstleistungen im Gesundheitsbereich (SDG 3): Mithilfe von Gesundheits-Apps können sich Patienten, die auf dem Land leben, Diagnosen stellen lassen und die Maßnahmen zu ihrer Behandlung selbst besser befolgen. Innovationen in kostengünstige Gesundheitstechnologien, wie etwa Inkubatoren für Neugeborene oder solarbetriebene Impfstoffkühlschränke, können in ressourcenarmen Umgebungen Leben retten.

Mithilfe von Gesundheits-Apps können sich Patienten, die auf dem Land leben, Diagnosen stellen lassen und die Maßnah- men zu ihrer Behandlung selbst besser befolgen.

Weitaus interessanter ist jedoch eine andere Frage: Was leisten technologische Errungenschaften zur Förderung von Frieden, Gerechtigkeit und starken Institutionen (SDG 16)? Auf der ganzen Welt erleichtern digitale Technologien den Zugang zu öffentlichen Informationen und erhöhen die Transparenz öffentlicher Institutionen. Dadurch ist der öffentliche Sektor um einiges leistungsfähiger geworden und kann viel besser seiner Rechenschaftspflicht nachkommen.

Das Erreichen der Unterziele der SDG 16 ist für die »Agenda 2030« als Ganzes entscheidend. Beispielsweise fordert SDG 16.9 rechtliche Identität für alle. Dies beinhaltet auch die Registrierung bei der Geburt. Nur eine korrekte Identifizierung stellt sicher, dass Menschen als Bürgerinnen und Bürger ihrer Staaten anerkannt werden. In der rechtlichen Identität liegt der Schlüssel dafür, dass sie ihre politischen Rechte ausüben können, etwa ihr Wahlrecht.

Trotzdem sind rund 1,1 Milliarden Menschen nicht als Bürgerinnen und Bürger registriert. Meist handelt es sich dabei um die ärmsten Mitglieder einer Gesellschaft, und mehr als ein Drittel von ihnen sind Kinder unter 18 Jahren. Identifikation ist die grundlegendste Voraussetzung dafür, dass eine Regierung mit ihren Bürgerinnen und Bürgern interagieren kann, dass sie Dienstleistungen für die Menschen erbringen kann.

Staaten mit starken Institutionen können sich besser auf technologische Umbrüche vorbereiten

Es ist also ein tief greifender Umbruch durch Innovation zu erwarten. Nur starke Institutionen können dabei gewährleisten, dass die neuen Technologien nicht auf schädliche Weise in die Beziehungen zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und dem Staat eingreifen, die Privatsphäre aushöhlen und Menschenrechte verletzen. Wenn Innovation und Technologie wie vorausberechnet voranschreiten, werden sich die Machtverhältnisse in den Gesellschaften auf jeden Fall grundlegend wandeln. Doch Staaten mit leistungsfähigen Institutionen können sich darauf besser einstellen, etwa auf die disruptiven Auswirkungen neuer Technologien auf den Arbeitsmarkt. Und wenn sie soziale Medien konstruktiv nutzen, können sie zu einem engeren Verhältnis zur Bevölkerung finden, einem neuen Gesellschaftsvertrag, und die Menschen zu gemeinsamem Handeln bewegen.

Auf der ganzen Welt erleichtern digitale Technologien den Zugang zu öffentlichen Informationen und erhöhen die Transparenz öffentlicher Institutionen.

All dies erfordert Weitblick und vorausschauendes Denken – die Kunst liegt darin, mögliche zukünftige Entwicklungen vorwegzunehmen, um größeren Handlungsspielraum in der Gegenwart zu gewinnen. Methoden der Strategic Foresight befähigen Entscheidungsträger in der Regierung, proaktiv vorzugehen. Statt sich nur reaktiv zur rasch verändernden Lage zu verhalten, können sie Chancen, die sich ergeben, besser nutzen, und sie werden auch viel widerstandsfähiger, wenn sie mit Disruption und neuen Herausforderungen zu tun bekommen.

Die Vorteile, die digitale Lösungen für das Wachstum bieten, lassen sich nur ausschöpfen, wenn die »digitale Kluft« überwunden wird.

Der Einsatz neuer Technologien – ob öffentlich oder privat – beeinflusst das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in ihre Regierung grundlegend. Die Legitimität des Staates hängt von diesem Vertrauen ab. Hierauf ruhen stabile gesellschaftliche Verhältnisse, die wiederum nachhaltiges Wirtschaftswachstum und Entwicklung ermöglichen. Die Vorteile, die digitale Lösungen für das Wachstum bieten, lassen sich nur ausschöpfen, wenn die »digitale Kluft« überwunden wird. Das Internet stärkt Menschen weltweit, es ermöglicht ihnen mehr Teilhabe. Sie erhalten darüber Zugang zu Bildung oder anderen öffentlichen und privaten Leistungen. Zugleich drohen sie, was das technische Know-how angeht, abermals in eine Abhängigkeit von Industrieländern zu geraten. Und sie werden anfällig für neue Gefahren, zum Beispiel durch Hackerangriffe.

Uns allen fällt es schwer, mit dem erforderlichen Wissen, den Fähigkeiten und Instrumenten disruptiver technologischer Innovationen Schritt zu halten und gleichzeitig die entstehenden Chancen zu nutzen und Risiken zu mindern.

Die »Industrie 4.0« kommt einer Revolution gleich, auf die sich die Regierungen aller Länder einstellen müssen. Zwar kann künstliche Intelligenz nationale Entwicklungsstrategien viel schneller bewerten, als dies jeder UN-Experte vermag. Aber das UN-System kann dennoch helfen: indem es zwischen den Staaten und Sektoren einen Austausch von Erfahrungen und Fähigkeiten fördert – damit alle die anstehenden Umwälzungen und Disruptionen besser bewältigen.

Achim Steiner (57) ist Leiter des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UNDP). Seit fast drei Jahrzehnten ist er weltweit führend in den Bereichen nachhaltige Entwicklung, Klimaresistenz und internationale Zusammenarbeit. Bevor er zu UNDP kam, war er Direktor der Oxford Martin School, Professorial Fellow des Balliol College, Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), Generaldirektor der Weltnaturschutzunion (IUCN) und Generalsekretär der Weltkommission für Staudämme (WCD).