Unser neues Selbstverständnis in einer radikal veränderten Welt

In welcher Gesellschaft wollen wir leben? An welchen ­Werten, Zielen, gesellschaftlichen Leitbildern wollen wir Zukunftsgestaltung ausrichten? Diese Fragen müssen wieder ausgefochten werden, denn sehr verschiedene Zukünfte wären 2030 denkbar:

Stärker werdende rechtspopulistische Bewegungen, eine zerfallene EU, eine zerrüttete Weltordnung, in der Mächtige um ihre Vorteile rangeln und immer breitere Ränder der Unsicherheit entstehen; ein sich beschleunigender Klima- und Erdsystemwandel, der Gesellschaften überfordert, internationale Verteilungskonflikte auslöst und Migrationsbewegungen erzeugt; Digitalisierung, die Schocks auf Arbeitsmärkten auslöst, Einkommensungleichheiten verstärkt, Bürgerrechte bedroht, unkontrollierbare Cyberkonflikte anschiebt. Denkbar wäre auch ein ganz anderes Szenario: ein selbstbewusstes, prosperierendes, weltoffenes Europa, das die Chancen der Digitalisierung nutzt und Bündnisse zur Stärkung einer fairen Weltordnung knüpft; inklusive Gesellschaften, die ihren Bürgern Sicherheit, Teilhabe, Zukunftsperspektiven bieten und deshalb weltoffen sind; Unternehmen und Wissenschaft, die dazu beitragen, Wohlfahrtsentwicklung in den Grenzen des Erdsystems zu ermöglichen. Es steht also einiges auf dem Spiel!

Welche Werte und Interessen wollen wir also stark machen? Es geht um die erneute Befestigung zentraler Wertepfeiler, die das Projekt der Moderne auszeichnen: Demokratie, Toleranz, Weltoffenheit, universelle Menschenrechte, inklusive Gesellschaften, soziale Marktwirtschaft, Anerkennung planetarer Leitplanken. Und dann sind da zentrale Herausforderungen, um Richtung 2030 Aufbruch zu schaffen: Eine globale Kooperationskultur muss her, um globale öffentliche Güter wie das Erdsystem, die internationale Sicherheit und Ordnungssysteme für digitale Innovationen zu garantieren. Nationales und globales Gemeinwohl, nationale sowie global vernetzte Interessen und Souveränitäten gehören zusammen – Weltverantwortung aus wohlverstandenem Eigeninteresse könnte man das nennen. Dazu gehört auch Zusammenarbeit, um autoritären oder kriegerischen Akteuren im internationalen System Grenzen zu ziehen. In Deutschland geht es um Integration, zwischen auseinanderstrebenden gesellschaftlichen Gruppen und Stadtquartieren, zwischen »Altbürgern« und Menschen, die zu uns fliehen oder zuwandern. Eine menschenorientierte Gestaltung der Digitalisierung muss erfunden werden, denn mit lernenden Maschinen öffnen sich Türen zu neuen Räumen menschlicher Entwicklung. Viel Neuland also: Politik muss wieder mehr über mögliche Zukünfte, Werte, Interessen und Gestaltungskorridore sprechen und mutig handeln.

Damit ein neuer gesellschaftlicher Aufbruch gelingt, muss zudem eine wichtige Lehre der letzten Dekade ­berücksichtigt werden: Erodierende soziale Kohäsion und zunehmende Ungleichheiten multiplizieren nicht nur Instabilitäten innerhalb von Gesellschaften, sie reduzieren zugleich die grenzüberschreitende Kooperationsbereitschaft der Menschen. Die Brexit-, Le-Pen- und Trump-Regionen sind oft abgehängte Räume, in denen Resignation und Zukunftsängste grassieren. Internationale Kooperation ist das Letzte, was Menschen interessiert, wenn sie sich selbst an den Rand gedrängt und vernachlässigt fühlen. Die Antwort auf Angst, Abstiegssorgen und Resignation ist Zukunft: Investitionen in Bildung, Infrastruktur, soziale Kohäsion, kluge Regional- und Städtepolitiken, Wettbewerbsfähigkeit. Inklusive Gesellschaften und grenzüberschreitende Kooperation sind siamesische Zwillinge.