Unsere Wirtschafts- und ­Wissensmacht aktivieren

Deutschland ist ohne Frage eine wirtschaftliche Supermacht, eine höchst moralische dazu. Auch wissenschaftlich ist Deutschland ein Schwergewicht, unsere Wissenschaftsinstitutionen zählen zu den besten der Welt. Aber es gelingt ihnen kaum, die öffentliche Debatte zu gestalten.

Der Verlauf der Freihandelsdebatte im Rahmen der TTIP-Verhandlungen hat offenbart, dass die Zivilgesellschaft in Deutschland eine starke Meinungsmacht hat, was gut ist, die Unternehmen und Wissenschaftler hingegen zu wenig zur öffentlichen Meinungsbildung beitragen. Die Unternehmen werden eher als ihre engen Eigeninteressen vertretende Akteure wahrgenommen denn als Mitstreiter zur Zukunftsgestaltung unserer Gesellschaften. Allein auf das unmittelbare Unternehmensschicksal ausgerichtet, haben zu viele der CEOs und Firmeninhaber den Blick auf das Ganze oftmals verloren. Dies hat Larry Fink, Chef des weltgrößten Investmentsfonds BlackRock, im Frühjahr 2018 höchstselbst in einem persönlichen Schreiben an wichtige deutsche Unternehmenslenker festgestellt: Wer darauf verzichtet, die langfristigen Trends für sein Unternehmen in den Blick zu nehmen und die langen Linien der Politik im eigenen Interesse mitzugestalten, der schadet den Anteilseignern. Wir fügen hinzu: im Eigeninteresse und im Interesse der Zukunft unserer Gesellschaft.

Viele deutsche Unternehmen scheuen die öffentliche Debatte und mischen sich in Fragen der Zukunftsgestaltung und Außenpolitik nur selten öffentlich ein. ­Genau diese Zurückhaltung muss enden. Die Wirtschaft in all ihrer Vielfalt muss wieder eine öffentliche Kraft werden, ihre Interessen sowie ihre Beiträge zur Lösung gesamtgesellschaftlicher Herausforderungen artikulieren. Das Gleiche gilt für die Wissenschaft, die immer noch unter großen Vermittlungsdefiziten leidet und deren einseitige Spezialisierung es oft verhindert, gesellschaftliche Debatten voranzutreiben.

Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik, die ihre jeweiligen Schützengräben und Komfortzonen verlassen, könnten so in turbulenten Zeiten zu ­Zukunftsgestaltern werden.

Deutschland braucht sichere Absatzmärkte mit niedrigen Zollschranken für seine Produkte, für Industrie und Dienstleistungen, für zukunftsfähige Autos, Maschinen, Software und Biokäse. Dazu müssen Rohstoffquellen und Absatzmärkte aktiv erschlossen und durch internationale Vereinbarungen offen gehalten werden. Dafür muss die Welthandelsordnung weiterentwickelt und verbindlicher gestaltet werden. Und dafür müssen marktwirtschaftliche Demokratien Antworten auf die Herausforderungen durch den Staatskapitalismus finden, die sie schützen, ohne sich abzuschotten. Die Alternative wäre, in Zukunft Waren und Dienstleistungen vor allem aus Länder mit bescheideneren Demokratie- und Sozialstandards zu beziehen, die in unserem schrumpfenden Sozialstaat immer weniger Käufer finden. Bei Computern, Mobiltelefonen, sozialen Netzwerken, Datenclouds und digitalen Handelsplattformen sehen wir bereits, wo es hinführt, wenn wir wenig zur Entwicklung solcher Produkte beitragen: Wir nutzen und zahlen, aber unser Einfluss auf die Standardsetzung ist gleich null. Deutschland muss seinen bedeutsamen Platz in internationalen Wertschöpfungsketten und in der Entwicklung von Zukunftstechnologien behaupten – nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen, sondern auch weil sich hieraus vor allem seine prominente Rolle bei der Gestaltung der internationalen Ordnung ableitet. Eine grenzüberschreitende Wirtschaftspolitik, die in enger Verbindung mit Außen-, Sicherheits-, Nachhaltigkeits- und Entwicklungspolitik handelt, wäre ein echter Fortschritt.