User-Empowerment statt »süßer Brei«

Die Digitalisierung kann man nicht mit Checklisten abarbeiten, sondern ihr nur mit Ideen und Kreativität begegnen. Die Chancen der Digitalisierung muss man jetzt nutzen und sollte sie nicht verstreichen lassen. Eine so massive Veränderung aller Bereiche unserer Gesellschaft ist noch nie da gewesen und erzeugt bei vielen Menschen zu Recht eine gewisse Unsicherheit. Umso wichtiger ist es, nicht aufgrund dieser Unsicherheit zu erstarren. Wie Richard von Weizsäcker bereits bemerkte, ist es »wichtiger, auf einem Pfad gemeinsamer Unsicherheit ethisch zu handeln, als endlose dogmatische Kämpfe um vermeintlich endgültige Wahrheiten zu führen«. Doch welche Strategien können wir anwenden, um die Digitalisierung, die unaufhaltbar alle Sektoren unserer Gesellschaft grundlegend verändert, für uns Menschen zu nutzen?

Von User-Centered Design zu User-Empowerment

In meinem Fachgebiet der Informatik, der Mensch-Computer-Interaktion (englisch Human-Computer-Interaction, HCI), wurde schon früh erkannt, dass Menschen mehr als nur »Bediener« von Technologie sind. Darauf aufbauend wurden bereits in den 90er-Jahren die Grundzüge des User-Centered Design (UCD) postuliert. Wir fingen in dieser »Welle« an, Technologien als Werkzeuge zu betrachten, die es zu nutzen gilt, um die Menschen in die Lage zu versetzen, ihre Aufgaben besser zu erfüllen. Ein Umdenken bei der Entwicklung von interaktiven Systemen setzte ein. In den letzten Jahren gibt es Strömungen in der HCI, die ein erneutes Umdenken fordern. Diese werden auch als die vierte Welle der HCI bezeichnet. Technologien sollen ihre Nutzer »empowern«, sie sollen ihnen weitere Möglichkeiten eröffnen und sie stärken und nicht bevormunden. Dieser Ansatz führt zu einem inhärenten Konflikt zwischen UCD und Empowerment. Die Gestalter und Entwickler müssen eine Anpassung der Technologie durch die Nutzer zulassen und dabei sowohl eine einzige vorgeschriebene Nutzung als auch eine Überlastung der Nutzer durch zu viele Funktionen vermeiden. Heutzutage sind Technologien vielmals noch so entwickelt, dass Nutzer nicht »empowered« werden, sondern eine auf eine Plattform eingeschränkte und begrenzte Nutzererfahrung erleben. Der »süße Brei« der Silicon-Valley-Giganten hat uns »satt und faul« gemacht und verhindert eine kritische und kreative Nutzung von Technologien. Unsere Möglichkeiten, uns frei in den digitalen Welten zu bewegen, sind sehr eingeschränkt.

Neue digitale Gesellschaftsmodelle

Wir müssen neue Modelle für die Digitalisierung unserer Welt erdenken. Als mündige Bürger dürfen wir ohne kritischen Diskurs weder das liberale Modell des Silicon Valley noch die »digitalen Gesellschaftsmodelle« einiger autoritärer Staaten akzeptieren. Das Modell »Silicon Valley« fördert den Aufstieg von Unternehmen, die das Ziel verfolgen, eine alleinige marktbeherrschende Stellung einzunehmen. Es ist die Aufgabe von Politik und Gesellschaft, gemeinsam ein ethisches und offenes Modell für die Digitalisierung zu erarbeiten. Das Modell »Silicon Valley« fördert den Aufstieg von Unternehmen, die das Ziel verfolgen, eine alleinige marktbeherrschende Stellung einzunehmen. Dieses hat zur Folge, dass Nutzer auf diesen Plattformen oftmals in ihren Möglichkeiten durch den »süßen Brei« eingeschränkt werden. Auch eine totalitäre staatliche Regulierung und Kontrolle ihrer Bürger mit digitalen Mitteln, wie wir es gerade in China beobachten können, widerspricht einer demokratischen und liberalen Gesellschaft. Es gelingt Deutschland und anderen westlichen Ländern bislang nicht, Gegenmodelle zu diesen beiden Extremen zu formulieren. Um diesen wichtigen und komplexen gesellschaftlichen Diskurs zu führen, braucht es eine breite Bildung zu unterschiedlichen Themen der Digitalisierung. Erst wenn wir die Digitalisierung verstehen, können wir sie beherrschen und nutzen, um bestehende Klüfte in der Gesellschaft zu schließen.

Prof. Dr.-Ing. Johannes Schöning (34) ist Lichtenberg-Professor und Professor für Informatik an der Universität Bremen. Er forscht und lehrt auf dem Fachgebiet Human-Computer-Interaction (HCI). Das Forschungsinteresse seiner Arbeitsgruppe liegt auf der Schnittstelle zwischen HCI, Geoinformationen und Interface-Technologien. Seine Promotion schloss Schöning im Jahr 2010 an der Universität des Saarlandes ab und das Studium der Geoinformatik 2007 an der Universität Münster. Er ist Mitglied der ACM Future of Computing Academy.