Wissenschaft und Gesellschaft. Der Transfer zum richtigen Handeln

Wann hat die Wissenschaft zuletzt so positiv im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gestanden wie anlässlich des March for Science am 22. April 2017? Ein weltweiter Protest, bis dahin einmalig, an dem allein in Deutschland an 20 Orten – von Helgoland bis München – weit über 30.000 Menschen teilgenommen haben: Forscherinnen und Forscher, Studierende, Angehörige der Hochschulverwaltung, Politiker, NGOs – aber auch Bürgerinnen und Bürger, viele mit ihren Kindern.

Dass Akteure aus verschiedenen Bereichen gemeinsam für die Freiheit der Wissenschaft demonstrieren, für ihre Pluralität und Weltoffenheit, die Verlässlichkeit ihrer nachprüfbaren Befunde und ihre Unverzichtbarkeit für den Wohlstand und die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft, ist neu. Eine Reaktion auf wachsende Faktenignoranz, Propaganda (»Fake-News«) und Desinformation, vor allem bei Facebook, Twitter & Co. Und ein Protest gegen die bis dahin kaum vorstellbare Einschränkung von Wissenschaftsfreiheit durch die politischen Regime in den USA, in Ungarn, Polen, der Türkei.

Der March for Science hat bislang keine nachhaltige Wirkung entfaltet

2018 hat es ähnlich große Aufmärsche nicht mehr gegeben. Der Schulterschluss zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, so scheint es, hat nicht lange gehalten. Zudem muss man sich vor Augen führen, dass selbst 30.000 Demonstrierende eine überschaubare Menge bilden, gemessen an allein 2,8 Millionen Studierenden in Deutschland – ohne das Wissenschafts- und Verwaltungspersonal an den Hochschulen und Forschungseinrichtungen mitzuzählen.

Dass der March for Science keine nachhaltige Wirkung entfaltet hat, ist vor allem deshalb bedauerlich, weil die Krisensymptome, gegen die man 2017 auf die Straße gegangen ist, nicht verschwunden sind. Im Gegenteil: Sie haben sich eher noch verstärkt. Wo Wissenschaft die Chancen weltweiter Vernetzung betont, konterkarieren Regierungen die Idee des europäischen Staatenbundes durch nationale Abschottung. Wo man in einem globalen Wettbewerb versucht, die besten Köpfe in die Labore und Hörsäle zu locken und deren ethnische Herkunft überhaupt keine Rolle spielt, äußern sich wachsende Teile der Bevölkerung klar fremdenfeindlich. Wo die Wissenschaft euphorisch ist, was die Chancen der Zukunftsgestaltung anlangt – künstliche Intelligenz, genome editing, virtuelle Lernwelten und vieles mehr –, reagieren immer mehr Menschen mit Ablehnung oder sogar Leugnung wissenschaftlich klar belegter Phänomene, etwa der Folgen des anthropogenen Klimawandels oder unterlassener Schutzimpfungen.

Es bilden sich Communities, die sich in ihrer Sicht der Welt völlig einig sind und sich in ihrer Radikalität gegenseitig noch verstärken.

Zwar genießt die Wissenschaft in Deutschland erhebliches Ansehen und hohe Reputation. Gleichzeitig wird aber evident, dass Teile der Zivilgesellschaft – und keineswegs nur die sogenannten »wissenschaftsfernen« Bevölkerungsgruppen – sich aus vielerlei Motiven dem Diskurs entziehen. Sie grenzen ihren Konsum von Nachrichten eng auf solche ein, die ihre bereits zuvor gefasste Meinung nur noch bestätigen. So nährt die Konfektionierung individueller Nachrichten-Feeds in den sozialen Netzwerken die Polarisierung der Meinungen. Es bilden sich Communities, die sich in ihrer Sicht der Welt völlig einig sind und sich in ihrer Radikalität gegenseitig noch verstärken, bis hin zu Verschwörungstheorien.

Rückfall in eine Stammesgesellschaft

Diese homogenen Communities vernetzen sich über die sozialen Medien weltweit und können durch forciertes Teilen und Kommentieren eine immense Wirkung im virtuellen Raum entfalten, selbst wenn es sich in der realen Welt um einen eher überschaubar großen Personenkreis handelt (»Scheinriesen«-Prinzip). Kollektiv polemisieren diese Gruppen mit an Hass grenzender Intensität gegen abweichende Meinungen in anderen Communities. So vollzieht sich, bildlich gesprochen, der Rückfall in eine Stammesgesellschaft. In diesem Kampf der Emotionen dringen nüchterne Fakten nicht mehr durch. Im Gegenteil: Studien belegen, dass Menschen ihren Standpunkt nur umso beharrlicher verteidigen, wenn sie durch abweichende Informationen herausgefordert werden (Backfire-Effekt). Sie scheinen immun gegen das zu sein, was andere »wissenschaftliche Wahrheit« nennen.

Solche Entwicklungen sollten die deutsche Wissenschaft trotz ihres nach wie vor gültigen Prestiges alarmieren. Die Ignoranz gegenüber Fakten ist keineswegs milieuspezifisch. Und der Trend ist weltweit zu beobachten, vom Internet, der globalen Empörungsmaschine, beschleunigt und mit Wirkungsmacht versehen. Der twitternde US-Präsident, der unter anderem einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Autismus erfunden hat, ist ein prominentes Beispiel für Wissenschaftsleugnung auf der obersten Hierarchiestufe. Zweifelt der Präsident, zweifelt auch seine Gefolgschaft. Schwindet der Rückhalt in der Gesellschaft aber weiter, könnte dies beispielsweise die Grundlagenforschung zu Zukunftsthemen gefährden.

Weder Politik noch Wirtschaft werden in Forschungsbereiche investieren, gegen die Interessengruppen laut genug protestieren und dafür die Öffentlichkeit mobilisieren. Seit 92 Abgeordnete der AfD im Parlament sitzen, hat die organisierte Wissenschaftskritik die Bühne des Deutschen Bundestages erobert.

Vergegenwärtigt man sich den Status quo, ist die Frage unausweichlich: Wie konnte es so weit kommen? Was läuft hier schief? Warum misstrauen immer mehr Menschen der Wissenschaft, nicht nur in Deutschland? Welche Akteure aus der Zivilgesellschaft haben welchen Anteil? Vor allem aber: Mit welchen Maßnahmen lässt sich diesen Trends wirksam entgegensteuern, damit Deutschland nicht in einem Klima von Wissenschaftsfeindlichkeit versinkt und seine Zukunftsfähigkeit verspielt?

PUSH-Memorandum und seine Folgen

Vor fast genau 20 Jahren haben sich die führenden deutschen Wissenschaftsorganisationen im PUSH-Memorandum (»Public Understanding of Sciences and Humanities«) die Selbstverpflichtung auferlegt, verstärkt den Dialog mit der Öffentlichkeit zu suchen. Als Vorbilder wurden seinerzeit Großbritannien, die USA und Australien genannt, wo dieser Dialog mit einem breiten Publikum schon seit den 80er-Jahren geführt wird.

Anlass für PUSH war eine tief greifende Verunsicherung in der Bevölkerung, was die Rolle der Wissenschaft anlangt, der Situation von heute also durchaus vergleichbar. Die Wissenschaften, so heißt es in der Präambel, »verkörpern einerseits den Fortschritt, andererseits werden sie jedoch auch als eine Bedrohung des menschlichen Lebens empfunden«. Wegen ihres hohen Spezialisierungsgrades hätten Forscherinnen und Forscher eigene Sprachen entwickelt, die es Laien unmöglich machten, Inhalte, aber auch Methoden und Verfahren zu durchschauen. Mangelndes Verständnis für Wissenschaft, aber auch enttäuschte Erwartungen und »Wunderhoffnungen können elementare Folgeprobleme auslösen, die von einer Verweigerungshaltung bis zur Hinwendung zur Pseudowissenschaft reichen«.

Mangelndes Verständnis für Wissenschaft, aber auch enttäuschte Erwartungen und »Wunderhoffnungen können elementare Folgeprobleme auslösen, die von einer Verweigerungshaltung bis zur Hinwendung zur Pseudowissenschaft reichen«.

Wer das PUSH-Memorandum heute liest, ist verwundert, vielleicht sogar bestürzt, dass nicht nur die Zustandsbeschreibung der damaligen Umstände auf heute übertragbar erscheint. Aktuell bleiben auch die Aufgaben, die sich die unterzeichnenden Institutionen damals selbst gestellt hatten. Denn kaum eine davon wurde bis heute so weit gelöst, dass sie systemrelevant geworden wäre. Es gibt immer noch kein Anreizsystem, das Forscherinnen und Forscher für ihr Engagement in Sachen Wissenschaftsvermittlung belohnt. Nach wie vor billigen die meisten Drittmittelgeber Verdiensten in diesem Bereich keinen eigenen Stellenwert zu. Wissenschaftskommunikation hat sich bis heute nicht als ein »zusätzliches Merkmal wissenschaftlicher Reputation etabliert«, wie im PUSH-Papier gefordert. Es blieb beim normativen Appell ohne Konsequenzen. Man setzte auf Freiwilligkeit. Denn natürlich ist nicht jede Persönlichkeit im Wissenschaftssystem automatisch eine gute Vermittlerin. Und nicht jeder Forschungsbereich ist überhaupt vermittelbar.

Eines immerhin ist in den Jahren nach PUSH passiert: ein beispielloser Aufbau von Pressestellen, Marketingabteilungen und Eventagenturen in allen deutschen Hochschulen und großen Wissenschaftseinrichtungen. Statt dass Forscherinnen und Forscher selbst den Dialog mit der Öffentlichkeit suchen, wurde diese von PUSH formulierte Aufgabe – neben vielen weiteren – lediglich an die neu geschaffenen Intermediäre delegiert.

Institutionenübergreifend arbeitet »Wissenschaft im Dialog« (WiD), das 1999 als Sofortmaßnahme nach der PUSH-Unterzeichnung auf Initiative des Stifterverbandes für die deutsche Wissenschaft gegründet wurde. WiD publiziert auch das jährliche »Wissenschaftsbarometer«, für das Bürgerinnen und Bürger nach ihren Einstellungen gegenüber Wissenschaft und Forschung befragt werden.

Dimensionen von Vertrauen und Misstrauen

Ein Blick in das aktuelle »Wissenschaftsbarometer« zeigt, dass sich das Misstrauen gegenüber Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern nicht etwa an mangelndem Können oder der Missachtung von Regeln und Standards guter wissenschaftlicher Praxis festmacht. Vielmehr stimmten etwa 80 Prozent der Befragten der Aussage »voll und ganz« beziehungsweise »eher« zu, dass man Wissenschaftlern misstrauen kann, weil sie »stark abhängig von ihren Geldgebern sind«. Dazu passt ein weiteres Ergebnis, wonach zwei Drittel der Befragten bezweifeln, dass »Wissenschaftler im Interesse der Öffentlichkeit forschen«.

Was hier deutlich zum Ausdruck kommt, ist also nicht das Misstrauen in die Fachkompetenz von Wissenschaft, sondern der Zweifel daran, dass die Forschung sich am Gemeinwohl orientiert. Sie steht als Teil des aktuellen Eliten-Bashings im Verdacht, sich zu sehr an politischen Vorgaben auszurichten – auch das belegen Daten aus dem »Wissenschaftsbarometer« –, also nicht unabhängig zu sein und am Ende vor allem die eigenen finanziellen Vorteile im Blick zu haben.

Dialog mit der Öffentlichkeit, den die scientific community über ihre eigenen PR-Abteilungen und Einrichtungen wie „Wissenschaft im Dialog“ anstrebt, läuft in der Realität offenbar vielfach ins Leere.

Diese Schieflage in der Wahrnehmung kann natürlich nicht im Interesse der Wissenschaft sein. Denn sie braucht den Rückhalt in der Gesellschaft, um mit deren finanzieller Unterstützung (öffentliche Fördergelder) weiterhin an den großen Zukunftsfragen forschen zu können.

Dass also der Dialog mit der Öffentlichkeit, den die scientific community über ihre eigenen PR-Abteilungen und Einrichtungen wie WiD anstrebt, in der Realität offenbar vielfach ins Leere läuft, dass also Vertrauensbildung durch Interaktion nicht stattfindet, wird in Wissenschaftskreisen anders eingeschätzt. Zu positiv. Das unterstützt schlaglichtartig eine Zahl aus einer Allensbach-Umfrage, wonach 90 Prozent der befragten Wissenschaftler davon überzeugt sind, dass sie wesentliche naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse für Laien verständlich kommunizieren können. Im krassen Widerspruch dazu steht das Votum der befragten Journalisten. Von denen trauen gerade mal zwölf Prozent den Wissenschaftlern die Fähigkeit einer allgemeinverständlichen Vermittlung zu.

Der Psychologe Rainer Bromme hat zusammen mit anderen drei Kriterien formuliert, die erfüllt sein müssen, wenn Wissenschaftler als glaubwürdig wahrgenommen werden wollen:

  • Zuschreibung von Können (Expertise): Ein Wissenschaftler verfügt über die not-wendigen Fähigkeiten zur Erkenntnisgewinnung und Problemlösung.
  • Zuschreibung von Integrität: Ein Wissenschaftler hält sich an begründbare Regeln und Methoden.
  • Zuschreibung von guten Absichten (Wohlwollen): Ein Wissenschaftler hat das Allgemeinwohl und den Nutzen für andere im Blick.

»Wenn Wissenschaftler mit der Intention assoziiert werden, dass sie überzeugen wollen, wird ihnen weniger vertraut«, heißt es bei Bromme. Sicher wird ein Großteil der Forscherinnen und Forscher für sich in Anspruch nehmen, diese Kriterien zu erfüllen. Doch offenbar klaffen Selbst- und Fremdwahrnehmung auseinander. Das hat ein wissenschaftsferner Experte in einem Vortrag für die VolkswagenStiftung im Oktober 2017 anschaulich gemacht. Stefan Wegner, einer der Geschäftsführer der großen Werbeagentur Scholz & Friends, sprach mit Bezug auf PUSH von einem »Public Misunderstanding«. Für das Sich-nicht-mehr-Verstehen führte Wegner vier Gründe an:

  • Wissenschaft ist unfähig zur Selbstkritik.
  • Wissenschaft tritt mit dem Anspruch auf, stets zu wissen, was gut und richtig ist.
  • Wissenschaft simuliert ihre Dialogbereitschaft bloß.
  • Wissenschaft ist zu eng mit der Politik verflochten.

Harte Vorwürfe, wobei Punkt vier sicher auf die schärfste Zurückweisung in Wissenschaftskreisen trifft, nämlich mit dem Hinweis auf die vom Grundgesetz garantierte Freiheit der Wissenschaft. Dass diese Unabhängigkeit trotzdem keine unbefristete Garantie darstellt, werden wir später noch beleuchten.

Viele betrachten Wissenschaftsvermittlung nicht als ihre Aufgabe. Für sie stehen Forschung und Lehre als Kernkompetenzen von Universitäten und Forschungseinrichtungen im Mittelpunkt.

Wegner stört sich insbesondere am Alleinvertretungsanspruch, den er den Wissenschaften attestiert. Von der Öffentlichkeit wird diese auch als Ignoranz gegenüber anderen Meinungen wahrgenommen. Als eine Form von Bevormundung. An dieser Wahrnehmung haben bislang offenbar Dialogangebote aus der Wissenschaft nicht viel geändert. Auch wenn die Öffentlichkeitsarbeiter an den Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen, natürlich auch »Wissenschaft im Dialog«, viel Verdienstvolles leisten. Seit PUSH wurden zahllose Interaktionsmöglichkeiten zwischen Wissenschaft und Gesellschaft entwickelt und erprobt. Die besorgniserregenden Umfrageergebnisse konnten dadurch aber nicht verhindert werden.

Die Haltung der Wissenschaft muss sich ändern

20 Jahre nach PUSH vermittelt das Wissenschaftssystem den Eindruck, trotz gegenteiliger Festreden noch immer keine eindeutige Haltung dazu entwickelt zu haben, wie wichtig ihr der wechselseitige Austausch mit einem Laienpublikum wirklich ist. Noch immer sind keine Strukturen geschaffen, die Wissenschaftsvermittlung für Forscherinnen und Forscher attraktiv machen. Noch immer können Studierende ihre Ausbildung absolvieren, ohne jemals mit den Grundlagen von Wissenschaftskommunikation konfrontiert worden zu sein. Reputation bemisst sich auch weiterhin vor allem nach der Zahl der fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen und der Höhe der eingeworbenen Drittmittel.

Reputation bemisst sich auch weiterhin vor allem nach der Zahl der fachwissenschaftlichen Veröffentlichungen und der Höhe der eingeworbenen Drittmittel.

Woran liegt das? Zunächst betrachten viele Wissenschaftsvermittlung nach wie vor gar nicht als ihre Aufgabe. Für sie stehen Forschung und Lehre als Kernkompetenzen von Universitäten und Forschungseinrichtungen im Mittelpunkt. Öffentlichkeitsarbeit, so das gängige Argument, würde nur noch mehr der ohnehin knappen Arbeitszeit von den beiden wirklich wichtigen Aufgaben – neben der ausufernden Gremienarbeit – abziehen. Zudem halten viele den Appell, in einen verstärkten Austausch mit der Öffentlichkeit zu treten, um die Legitimation der Wissenschaft zu befördern, für bloß vorgeschoben. In Wahrheit gehe es nicht um die Förderung von scientific literacy, nicht um eine gewisse Rechenschaftslegung gegenüber den Hauptfinanziers des Wissenschaftssystems – den Steuerzahlern. Vielmehr diene Wissenschaftskommunikation den Institutionen dazu, sich in dem (politisch gewollten) Wettbewerb um Fördermittel einen Vorteil im Kampf um Aufmerksamkeit zu sichern, indem sie die eigenen Forscherinnen und Forscher ins gleißende Licht der Öffentlichkeit bringen.

Die Politik fügte sich dem vermeintlichen Wählerwillen und sorgte für ein Ende der grünen Gentechnik in Deutschland – und bewies zugleich, dass sich das Grundrecht auf Wissenschaftsfreiheit durchaus einschränken lässt, wenn es politisch opportun erscheint. Manche Kritiker gehen noch weiter und behaupten, dass Öffentlichkeitsarbeit wissenschaftsfremden Einflüssen Tür und Tor öffnen.Zugespitzt gesagt: Wenn plötzlich alle nach Aufmerksamkeit gierten, orientierten sich Forschungsschwerpunkte mehr und mehr an Aspekten medialer Verwertbarkeit. Es würde vor allem erforscht – und mit Drittmitteln gefördert –, was Schlagzeilen bringe. Letztlich höhle die Öffnung der Wissenschaft gegenüber Laien die Freiheit von Wissenschaft schleichend aus. Risikobehaftete Grundlagenforschung würde kaum noch gefördert, weil von den Massenmedien nicht nachgefragt. Dafür würde aber mehr und mehr anwendungsbezogene Forschung gefördert, insbesondere in Bereichen von hoher gesellschaftlicher Relevanz, etwa in der Medizin, der Mobilität, der künstlichen Intelligenz (»Wirtschaft 4.0«).

Benötigt Wissenschaft Öffentlichkeit, um zu funktionieren?

Zu den Kritikern der »Medialisierung« von Wissenschaft zählen die beiden Kommunikationsforscher Frank Marcinkowski und Matthias Kohring. In einem Vortrag für die VolkswagenStiftung fragten sie 2014 provozierend: »Benötigt Wissenschaft Öffentlichkeit, um zu funktionieren?« Aus ihrer Sicht: nein. »Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass der wissenschaftliche Erkenntnisprozess dadurch befördert würde, dass möglichst viele zugucken oder im Begründungsverfahren mitreden.« Die Möglichkeit der Mitwirkung sei grundsätzlich gegeben, »aber an die Inklusion in Wissenschaft gebunden«. Sicher mit Anspielung auf das PUSH-Memorandum konstatieren beide, dass man früher geglaubt habe, durch die Aufklärung der Laien mittels Wissen auch Verständnis für Wissenschaft zu erreichen. »Das hat zwar im Großen nie geklappt, hat aber noch einen rationalen Zug, der heutzutage fast rührend wirkt.« Inzwischen sorge das überzogene Streben nach Öffentlichkeit dafür, dass die Wissenschaft nicht mehr dazu komme, das zu tun, wofür die Gesellschaft Wissenschaft tatsächlich brauche.

Was drückt sich hier aus? Die Sehnsucht nach der Abgeschiedenheit im sprichwörtlichen Elfenbeinturm? Sorge, dass Wissenschaft sich nur noch an Themen orientiert, die öffentliche Aufmerksamkeit erregen?

Wer traut noch Experten?

Tatsächlich fällt auf, dass die Fachzeitschriften verstärkt solche Forschung auf die Titelseite heben, die gerade besonders »heiß« ist. Wer bei diesem Wettbewerb mithalten will, muss schnell sein und zuspitzend. Für beides ist die Wissenschaft nicht bekannt. Und so gelangt manch Unreifes, trotz Peer-Review, in die Magazine, was hinterher widerrufen werden muss. Die Nicht-Replizierbarkeit von vielen Experimenten, insbesondere in den Natur- und Lebenswissenschaften, beschäftigt die scientific community schon seit geraumer Zeit, ebenso wie das Plagiatsunwesen. Das hier zu konstatierende Systemversagen trägt zur Erosion des lange makellosen Bildes von Wissenschaft in der Öffentlichkeit bei. Wissenschaft sollte nicht mehr so tun, als sei sie unfehlbar. Das nehmen ihr immer weniger Menschen ab.

In Großbritannien wurde 2016 die Warnung von mehr als 150 Forscherinnen und Forschern der Royal Society in den Wind geschlagen, die ihre Landsleute dazu aufriefen, bloß nicht für den Brexit zu stimmen; er sei »eine Katastrophe« für die Wissenschaft. Das Ergebnis ist bekannt. »Die Briten haben genug von Experten«, behauptete seinerzeit der konservative Parlamentsabgeordnete Michael Gove, der immerhin auch mal als Staatssekretär im britischen Bildungsministerium fungierte. Experten lägen mit ihren Ratschlägen immer »konsequent falsch«.

Die Wissenschaft muss sich künftig verstärkt darauf einstellen, mit Fragen konfrontiert zu werden, die sich Forscherinnen und Forscher nicht zwangsläufig stellen.

Der Brexit gilt als erster politischer Triumph der postfaktischen Realität, zeitlich vor den US-Präsidentschaftswahlen gelegen. Eine dünne Mehrheit der britischen Wählerinnen und Wählern folgte den EU-Gegnern. Die belogen ihre Klientel zwar nach Strich und Faden. Doch die Menschen waren fest entschlossen, nur den einfachen Wahrheiten Glauben zu schenken, der »gefühlten Wahrheit«, und sich ihre eigenen EU-Vorurteile durch die Propaganda bestätigen zu lassen. Für eine differenzierte Auseinandersetzung, wie sie die »Experten« anboten, waren sie nicht (mehr) empfänglich.

Warum? Mehr und mehr Menschen scheinen von dem Tempo des gesellschaftlichen Wandels überfordert. Angetrieben von der digitalen Revolution, erzeugt die Globalisierung einen gewaltigen Synchronisationsdruck, der auf nahezu alle Lebensverhältnisse – Kulturen, Traditionen, Wahrnehmungen – einwirkt und Unterschiede einebnet. »Unsere Anpassungsfähigkeiten werden überfordert«, so hieß es in einer Rede von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf dem Evangelischen Kirchentag 2017. »Und diese Überforderung produziert Gegenreaktionen – Angst vor Identitätsverlust, Rückbesinnung auf vermeintlich Bekanntes: Nation, Region, Ethnie, Religion.«

Kurz gesagt: Die Krise des Expertentums ist auch eine Folge der Angst vor dem Neuen. Mehr und mehr Menschen befürchten, auf dem Weg in die Zukunft abgehängt zu werden. Sie glauben, dass die sogenannten Eliten, zu denen sie auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zählen, nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht seien, weniger auf die gesellschaftlich gerade besonders drängenden Fragen. So entsteht Misstrauen. Und man erinnert sich an die eingangs zitierte Präambel zum PUSH-Memorandum, in der es schon vor 20 Jahren hieß, die Wissenschaften »verkörpern einerseits den Fortschritt, andererseits werden sie jedoch auch als eine Bedrohung des menschlichen Lebens empfunden«.

Kurz gesagt: Die Krise des Expertentums ist auch eine Folge der Angst vor dem Neuen. Mehr und mehr Menschen befürchten, auf dem Weg in die Zukunft abgehängt zu werden.

Was kann die Wissenschaft tun, um sich der Öffentlichkeit verständlicher zu machen und Vertrauen zurückzugewinnen? Das PUSH-Memorandum war noch von einem Kommunikationsmodell geprägt, das seit vielen Jahren als überholt gilt: dem Sender-Empfänger-Schema. Man war zumeist der Auffassung, man müsste der Öffentlichkeit bloß die Fakten darlegen, warum zum Beispiel die grüne Gentechnik ein Forschungsfeld mit großem Nutzen ist – dann würden die Fördermilliarden aus Politik und Wirtschaft schon sprudeln. Das Ende ist bekannt.

Eine große Schar von Kritikern verweigerte den Visionen der Wissenschaft die erwartete Zustimmung und trat eine breite öffentliche Debatte los, die sich mehr und mehr vom evidenzbasierten Wissen löste und am Ende die Politik veranlasste, den Stecker zu ziehen. Sie fügte sich dem vermeintlichen Wählerwillen und sorgte für ein Ende der grünen Gentechnik in Deutschland – und bewies zugleich, dass sich das Grundrecht auf Wissenschaftsfreiheit durchaus einschränken lässt, wenn es politisch opportun erscheint.

Nachdem auch die Stammzellforschung in einem vergleichbaren Debakel gescheitert ist, hat sich in der Wissenschafts-PR die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Öffentlichkeit nicht belehrt, sondern mit einer gewissen Leidenschaft überzeugt werden will, sofern man eine tragfähige Akzeptanz für künftige wissenschaftliche Vorhaben erzeugen möchte. Dass der Dialog also den Monolog ersetzen muss. Dass Wissenschaft nicht nur redet, wie Johannes Vogel, der Direktor des Berliner Naturkundemuseums sagt, sondern auch zuhört.

Bürgerbeteiligung und Innovationsfähigkeit

Innovation ist ein gesellschaftlicher Prozess, der nicht allein aus der Wissenschaft und Wirtschaft heraus entwickelt werden kann. Im Moment ist der Etat für Wissenschaft und Forschung der kleinste im Budget der öffentlich-rechtlichen Anstalten: Er beträgt nur 0,07 Prozent und muss in den 2020er-Jahren dringend gesteigert werden. Technische, ökonomische, soziale und ökologische Neuerungen können sich nur dann durchsetzen, wenn auch die Gesellschaft dafür offen ist. Neue Formen der Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern können ein probates Mittel sein, um dieses Ziel zu verwirklichen.Eine Arbeitsgruppe »Partizipation im Agenda-Setting von Forschungs- und Innovationspolitik« hat sich im Rahmen des Hightech-Forums der Bundesregierung mit den Wirkungsmöglichkeiten befasst. Partizipation, so heißt es im Abschlusspapier, könne »gegenseitiges Verständnis und Vertrauen aufbauen und Wissenschaft und Gesellschaft näher zusammenführen«. Entscheidend sei, dass die Menschen ihre Fragen, Anliegen und Wünsche tatsächlich erfolgreich in den Diskurs mit der Wissenschaft einbringen können. Denn was ist frustrierender als ein Gesprächsangebot, das nicht ernst gemeint ist?

Forschungs- und innovationspolitische Agenda-Setting-Prozesse

Partizipation ergibt also nur dann Sinn, wenn tatsächlich offene Fragen diskutiert werden, wenn also alle Akteure reale Gestaltungsmöglichkeiten haben. Dafür bieten sich forschungs- und innovationspolitische Agenda-Setting-Prozesse an, in denen groß angelegte Förderprogramme für die angewandte Forschung und Entwicklung diskutiert werden, und zwar auf Feldern, die die Gesellschaft und das Zusammenleben direkt betreffen, zum Beispiel Gesundheit, Digitalisierung, Bioökonomie, Energie.

Dabei muss sich die Wissenschaft künftig verstärkt darauf einstellen, mit Fragen konfrontiert zu werden, die sich Forscherinnen und Forscher nicht zwangsläufig stellen. Etwa nach ethischen Rahmenbedingungen. Oder den Risiken und Unwägbarkeiten, die die Angst vor dem Neuen wesentlich konstituieren. Im Kontext der »Medialisierung der Wissenschaft« sind zu viele Heilsversprechen voreilig verbreitet, zu viele »Durchbrüche« sensationalisiert worden, die sich später als haltlos erwiesen haben. Auch das hat Vertrauen gekostet.

Im Austauschprozess eröffnen sich aber auch für die Wissenschaft Mehrwertchancen, etwa indem sie auf das »Wissen der vielen« zugreift, das NGOs, citizen science-Vereine, Verbände, aber auch die Wirtschaft, Politik und weitere gesellschaftliche Akteure akkumuliert haben, das von der Wissenschaft bislang aber noch zu selten genutzt wird.

Freilich hat das Partizipationsmodell auch Grenzen. Mit Rücksicht auf die vom Grundgesetz garantierte Freiheit der Wissenschaft kann die Bürgerbeteiligung in erster Linie »konsultativen Charakter« haben, wenn es etwa darum geht, Richtungsentscheidungen auf eine breite gesellschaftliche Zustimmung zu gründen. Hätte man einen solchen Prozess schon früher aufgesetzt, mit klarem Erwartungs- und Rollenmanagement sowie Teilhabe der relevanten Akteure, wären vielleicht auch die grüne Gentechnik und Stammzellforschung nicht gescheitert.

Unabhängig von Partizipationsverfahren sollte aber der Freiraum für erkenntnisorientierte Grundlagenforschung bleiben; denn sie bildet die Voraussetzung für die Gewinnung fundamental neuer Einsichten. Hier kann es auch weiterhin nur der Freiheit der Wissenschaft überlassen bleiben, welche Schwerpunkte sie setzt, welche spezifischen Methoden angewandt werden. Zumal die Wissensasymmetrie, insbesondere in diesem hoch spezialisierten Fachdiskurs, einen Dialog auf Augenhöhe wohl unmöglich macht. Der Wissensvorsprung der Experten gegenüber den Laien ist hier in der Regel unüberbrückbar – wobei sich die beteiligten Wissenschaftler trotzdem stets um eine Überbrückung bemühen sollten, also eine auch für Laien verständliche Beschreibung wissenschaftlicher Sachverhalte. Und um ein Ernstnehmen der Fragen des fachfremden Gegenübers.

Mutig mehr Dialog wagen

Im Auftrag der Leopoldina wurden Menschen nach den Hoffnungen und Ängsten befragt, die sie mit bestimmten Forschungsfeldern verbinden. Ganz oben im Ranking landeten die nutzwertigen, gesellschaftlich relevanten Themen, angeführt von der »Erforschung von Alterskrankheiten« (89 Prozent positiv). Den letzten Platz belegt der »Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft« (82 Prozent negativ).

Je abstrakter die infrage stehende Forschung, umso größer das Risiko, damit bei Laien auf Ablehnung zu stoßen.

Die Verteidigung der freien Wissenschaft und der offenen Gesellschaft ist aber auch künftig nicht der Wissenschaft allein aufzubürden.

Wenn die Wissenschaft ihren Rang als gesellschaftlich geachtete und zukunftsgestaltende Kraft auch in den 2020er-Jahren behaupten will, muss sie den Spielfeldrand verlassen und sich weitaus mehr als bislang ins Getümmel wagen. Das wird für viele eine ungewohnte, vielleicht sogar beunruhigende Perspektive sein. Aber sie erscheint alternativlos, sofern man der langfristig drohenden Beschneidung der Wissenschaftsfreiheit und den jetzt schon unübersehbaren Tendenzen zur Einhegung des Ideals einer offenen, weltweit vernetzten Gesellschaft entgegentreten will.

Das Weltwirtschaftsforum in Davos hat zwar kürzlich das Social Web in seine Liste der wichtigsten Bedrohungen der Menschheit aufgenommen. Neben dem Trollunwesen haben auch social bots zur Diskreditierung beigetragen. Verschärft wird das Problem durch die Medieninkompetenz der Nutzer; zwei Drittel gaben in einer weltweiten Umfrage zu Beginn des Jahres 2018 an, Qualitätsjournalismus nicht von Fake-News unterscheiden zu können. Trotz aller Einschränkungen werden die sozialen Medien jedoch auch künftig neue Möglichkeiten für die Wissenschaftsvermittlung und Interaktion bieten. Daneben bleibt die klassische Face-to-Face-Kommunikation, der von gegenseitigem Respekt geprägte Austausch von Argumenten, unverzichtbar.

Die Verteidigung der freien Wissenschaft

Wer beschreiben kann, mit welcher produktiven Neugierde jemand an seine Forschung geht, auf welche Lösungen man hofft und welcher Nutzen für die Gesellschaft sich daraus eventuell ergeben kann, wird auch künftig kaum in den Ruch kommen, Handlanger obskurer Mächte zu sein.

Die Verteidigung der freien Wissenschaft und der offenen Gesellschaft ist aber auch künftig nicht der Wissenschaft allein aufzubürden. Dafür braucht sie Verbündete aus anderen Teilsystemen. Ihr zur Seite stehen dabei die hauseigenen PR-Abteilungen. Dort hat man die Notwendigkeit der dialogischen Wissenschaftsvermittlung schon lange erkannt und zum Beispiel in den 2016 verabschiedeten »Leitlinien zur guten Wissenschafts-PR« niedergelegt. Unterstützung sollte auch von den Qualitätsmedien kommen, die freilich selbst nicht nur in einer Vertrauenskrise stecken, sondern auch Refinanzierungsprobleme haben.

Umso wichtiger wird künftig der aus Steuermitteln finanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk sein. Er ist sicher dahingehend zu ermutigen, anspruchsvolle Wissenschaftssendungen auch dann zu produzieren, wenn sich erwiesenermaßen nur eine Minderheit dafür interessiert. Wissens-Quizsendungen sind kein Äquivalent. Im Moment ist der Etat für Wissenschaft und Forschung der kleinste im Budget der öffentlich-rechtlichen Anstalten: Er beträgt nur 0,07 Prozent und muss in den 2020er-Jahren dringend gesteigert werden.

Aber auch die Politik ist aufgerufen, die Wissenschaft dabei zu unterstützen, durch mehr direkte Kommunikation verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Sie sollte auf die Institutionen einwirken, durch geeignete Rahmenveränderungen dazu beizutragen, dass das Engagement in Sachen Wissenschaftsvermittlung etwa bei Berufungen oder der Vereinbarung von Leistungszielen ähnlich gewichtet wird wie Publikationen und Drittmittelakquise.

Viele in der scientific community haben mittlerweile verstanden, was auf dem Spiel steht. Und sind an vielen Stellen und auf vielfältige Weise dabei, nicht nur die Ansprüche einzulösen, mit denen PUSH vor 20 Jahren gestartet ist. Sondern auch die Erwartungen einer Gesellschaft zu erfüllen, die neue Ansprüche stellt, die Auskunft verlangt, Erklärung und Respekt. Online wie offline.

»Wir dürfen nicht warten, bis die Menschen zu uns kommen«, sagte Jutta Allmendinger beim March for Science in Berlin. »Wir müssen unsere Erkenntnisse zu ihnen bringen.« Und: »Viele Menschen suchen nach Gewissheit, nach einfachen Wahrheiten. Das ist verständlich, und doch können wir absolute Wahrheiten nicht bieten. Aber Wahrscheinlichkeiten, und das ist schon sehr viel.« In einer sich mit hoher Dynamik verändernden Welt wird die Urteilskompetenz der Wissenschaft mehr gefragt sein als je zuvor.

 

Wissenschaftskommunikation

Wie wir handeln müssen

Angesichts zunehmender Eliten- und Wissenschaftsskepsis bedarf auch die Interaktion zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft einer kritischen Betrachtung. Zwar ist allenthalben von Dialogbereitschaft und Vertrauensbildung die Rede; eine Öffnung in puncto Transparenz der Prozesse und Partizipation auf Augenhöhe bleibt jedoch nach wie vor die Ausnahme.

Wenn die Wissenschaft ihren Rang als gesellschaftlich geachtete und zukunftsgestaltende Kraft auch in den 2020er-Jahren behaupten will, muss sie den Spielfeldrand verlassen und sich weitaus mehr als bisher ins gesellschaftliche Getümmel wagen. Dafür bieten sich vor allem folgende Schritte an:

  • Erprobung neuer interaktiver Dialogformate, Überwindung der Wissensasymmetrien.
  • Noch mehr Transparenz bei der Ausformung zukünftiger Großforschungsprogramme; Einbindung relevanter zivilgesellschaftlicher Akteure und Projektträger der citizen science.
  • Kommunikation auch von Risiken und Grenzen aktueller und geplanter Forschung sowie von abweichenden Meinungen, Alternativen und Irrwegen (Wissenschaft sollte nicht den Anschein erwecken, allwissend und unfehlbar zu sein).
  • Nachvollziehbare Berücksichtigung von Beiträgen, auch kritischen, aus der Zivilge-sellschaft bei der Definition einer Forschungsagenda.
  • Beteiligungsangebote und Meinungsforschung mittels Konsensuskonferenzen, Fokusgruppen und digitaler Konsultations- und Abstimmungstools.

Dr. Wilhelm Krull (66) ist seit 1996 Generalsekretär der VolkswagenStiftung. Neben seinen beruflichen Tätigkeiten in der Wissenschaftspolitik und Forschungsförderung nahm und nimmt er zahlreiche Funktionen in nationalen, ausländischen und internationalen Aufsichts- und Beratungsgremien wahr. Er studierte Germanistik, Philosophie, Pädagogik und Politikwissenschaft. Außerdem war er als DAAD-Lektor an der Universität Oxford und in führenden Positionen beim Wissenschaftsrat und in der Generalverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft aktiv.