Wissensproduktion der Zukunft

Wissen ist ein gesellschaftliches Universal. Wir handeln immer auf der Basis von Wissen, das wir als bekannt und als von anderen geteilt unterstellen können. Aber wir fügen neues Wissen hinzu, das wir unablässig suchen oder intentional zu produzieren versuchen. Und dieses letztere ist eine Signatur der Moderne. Die Gesellschaftsordnung, in der die Produktion von Wissen erstmals gesellschaftlich konstitutiv geworden ist, ist der Gegenstand der Überlegungen dieses Textes.

Die hauptsächlichen Eigentümlichkeiten der Wissensordnung der weltgesellschaftlichen Moderne lassen sich in einer ersten Annäherung als die einer Makroordnung und außerdem einer Mikroordnung charakterisieren.

Wissen als ein gesellschaftliches Universal

Auf der Makroebene der Bildung von Gesellschaft ist das bestimmende Prinzip die funktionale Differenzierung des Gesellschaftssystems in globale Kommunikationssysteme wie Wirtschaft, Politik, Religion, Wissenschaft, Erziehung, Recht und eine Reihe weiterer Funktionssysteme. Alle diese Funktionssysteme sind Weltsysteme. Keines von ihnen, auch das Wissenschaftssystem nicht, ist das »Wissenssystem« der Gesellschaft. Das heißt, die Produktion von Wissen findet nicht in einem »eigenen« Wissenssystem statt, das sich auf diese Aufgabe spezialisiert hätte, sie ist vielmehr ein bestimmendes Moment in den Operationen aller Funktionssysteme. Das gesellschaftliche Prinzip »Wissen« steht orthogonal zur Differenzierung der Funktionssysteme und hat genau darin seine gesamtgesellschaftliche Bedeutung.

Auf der Mikroebene ist zunächst Individualisierung als Strukturprinzip der Gesellschaft zu betonen. Individuen aber benötigen Wissen als etwas, was ihnen die Bestimmung und die Ausfaltung ihrer Individualität erlaubt. Das Verhältnis von Individuen zu Funktionssystemen wird über die Inklusion der Individuen in Funktionssysteme in jedem Funktionssystem verschieden reguliert. In die Funktionssysteme treten die Individuen mit der Verschiedenheit ihrer Wissensbestände als eine mikrodiverse Population ein, die zugleich eine mikrodiverse Fundierung des Wissens des Funktionssystems impliziert. Und schließlich werden die Erwartungen, die die moderne Gesellschaft an Individuen adressiert, als Erwartung der Handlungsfähigkeit des Individuums artikuliert.

Die Produktion von Wissen findet nicht in einem »eigenen« Wissenssystem statt, das sich auf diese Aufgabe spezialisiert hätte, sie ist vielmehr ein bestimmendes Moment in den Operationen aller Funktionssysteme.

Mein Beitrag konzentriert sich auf zwei zentrale Perspektiven. Er geht zunächst von der gesellschaftsstrukturell zentralen Unterscheidung der Funktionssysteme aus und stellt die Wissensordnung einzelner Funktionssysteme vor. Im zweiten Teil werden dann quer zu der ersten Perspektive die bereichsübergreifenden Eigentümlichkeiten der Wissensordnung diskutiert.

Am Ende stehen Handlungsempfehlungen, die aus den Trends und Umbrüchen der Wissensordnungen abgeleitet werden. Während die analytischen Passagen des Textes vorwiegend im Blick auf das System der Weltgesellschaft geschrieben werden, privilegieren diese abschließenden Überlegungen im Einklang mit der Leitfragestellung des Buches den Bezug auf Deutschland als das Sozialsystem, dessen Strategien der Zukunftssicherung hier besonders interessieren.

Abbau von Hierarchien als Voraussetzung wissensbasierter funktionaler Differenzierung

Die Entstehung der Moderne ruht auf der Destratifikation der Gesellschaft. Die Schichtungsordnung der Gesellschaft (zumindest als Form der Primärdifferenzierung) löst sich auf, vor allem aber setzt sich vom 18. bis zum 20. Jahrhundert ein dramatischer Bedeutungsverlust des Adels als der dominierenden gesellschaftlichen Schicht durch. Damit aber tritt eine bestimmende gesellschaftliche Gruppe ab, die als einzige gesellschaftliche Gruppe von Rang ihren Anspruch auf Bedeutsamkeit gerade auf die Distanz zu Wissen und Bildung gründete und die die mit Wissen ausgestatteten Schichten eher als »Langweiler« und als unkultiviert sah. Der Abstieg des Adels eröffnet eine Konkurrenz um gesellschaftlichen Status, die erstmals ganz auf verschiedene Formen des Wissens gegründet ist.

Die auffälligste Folge des Abbaus der gesellschaftlichen Stratifikation ist die Pluralisierung der Werte (statt einer ständebasierten Hierarchie der Werte) und die horizontale Pluralisierung der gesellschaftlichen Kommunikationszusammenhänge (= funktionale Differenzierung), die in der Folge sehr verschiedene Verknüpfungen zu gesellschaftlichem Wissen hervorbringen.

Politische Regimes und Wissen

Das wichtigste politische Ereignis der Moderne ist die demokratische Revolution des 18. bis 20. Jahrhunderts, die auf der Inklusion eines jeden Einzelnen in gleichberechtigte Möglichkeiten politischer Partizipation ruht und die den »gut informierten Bürger« zu verlangen scheint. Der Zusammenhang mit dem Ausbau des Sekundarschulwesens und der Hochschulbildung ist evident.

Zugleich fällt aber auf, dass eine wissensgestützte Professionalisierung des Politischen ausbleibt. Inklusion ist wichtiger als Wissen, auch Analphabeten müssen politisch dieselben Rechte wie alle anderen besitzen. Demokratie ist insofern ein politisches System, das das Risiko des Nichtwissens eingeht. Die ungeheuer vielfältigen Wissensgrundlagen für politisches Handeln werden deshalb oft an die Peripherien des Systems verschoben, wo sie in der Form der Expertise von vielfältigen Beamten und Beratern, Kommissionsmitgliedern und Lobbyisten vorkommen. Die politischen Schlüsselpositionen in Parteien, Parlamenten und an der Spitze von Regierung und Ministerien werden eher in den frühen Phasen der Entstehung von Demokratien mit Experten besetzt (vielleicht um noch bestehende Legitimitätsdefizite zu kompensieren). Wenn die Demokratien sich konsolidieren, tritt das Moment der Legitimation durch Wissen zurück und die sich als Generalisten verstehenden Politiker (ohne spezifisches Sachwissen) übernehmen die Positionen.

Der Abstieg des Adels eröffnet eine Konkurrenz um gesellschaftlichen Status, die erstmals ganz auf verschiedene Formen des Wissens gegründet ist.

Es entsteht ein anderer Ort, der vermutlich der wichtigste neue Ort der Produktion von Wissen im politischen System der Moderne ist. Dies sind die autonomen Expertenorganisationen, die den Aufbau von spezialisierten Wissenssystemen und die weitgehend autonome Verwaltung von Entscheidungszusammenhängen miteinander verbinden. Die Fälle solcher autonomer Expertenorganisationen liegen auf der Hand: Zentralbanken, Verfassungsgerichte, Kartellbehörden, Institutionen der Medikamentenzulassung, Institutionen der Wissenschafts- und Hochschulsteuerung, Institutionen der Entwicklungszusammenarbeit. Diese Expertenorganisationen bewegen sich oft auf der Grenze zweier Funktionssysteme, sie verkörpern aber genuin politische Entscheidungstätigkeit. Die Politik lässt sie zu, konzediert Autonomie, akzeptiert die Grenzen der eigenen Entscheidungskompetenz und eröffnet damit den Raum für sich ausweitende, politisch konturierte Wissensproduktion.

Wissensökonomie und Informationsökonomie

Im Wirtschaftssystem ist Entrepreneurship der offensichtlichste Fall einer wissensbasierten Institution. Die Vielzahl der unternehmerischen Initiativen, die sich zu einem gegebenen Zeitpunkt beobachten lassen, verkörpern zugleich ein Bild des zu diesem Zeitpunkt in einem Wirtschaftssystem vorhandenen potenziell ökonomisch relevanten Wissens, das aber bisher nur partiell in seinen Relevanzen exploriert worden ist.

Zugleich ist Wirtschaft in der Welt des frühen 21. Jahrhunderts in einem noch elementareren Sinn gegründet auf Immaterielles (Dienstleistungen), Information (aktuelle Differenzproduktion) und Wissen (bekanntes, aber nicht hinreichend exploriertes Wissen). Die zugehörige Theorie ist die des Humankapitals (des in die Person inkorporierten Wissens). Die andere Form der Inkorporation von Wissen ist Technologie – und Wirtschaft lässt sich deshalb als eine Form eines Wettlaufs von Technologie und Wissen (= Erziehung) beobachten. Hält das in die Person inkorporierte Wissen mit der Eskalation von Technologien Schritt? Das scheint für Wirtschaft und Gesellschaft eine Schlüsselfrage.

Pluralisierung der Religion als Wissensprozess

Seit der Reformation und dem Prozess der Konfessionalisierung kommt Religion in Europa prinzipiell im Plural vor. Sobald ein Weltsystem der Religionen entsteht, gilt dieses Moment der Pluralisierung weit über Europa hinaus. Pluralisierung der Religionen aber wird zur Grundlage der Entscheidungsfähigkeit und der Handlungsfähigkeit eines Individuums, das unter religiösen Alternativen zu entscheiden fähig ist und sich das dafür erforderliche Wissen aneignen kann.Demokratie ist ein politisches System, das das Risiko des Nichtwissens eingeht. Religion ist nicht mehr zwangsläufig Zuschreibung per Geburt. Sie ist wissens- und entscheidungsabhängig. Das relativiert die professionelle Asymmetrie zwischen Klerikern und Laien und löst sie in einigen Konfessionen auf. Alle haben prinzipiell denselben Zugang zu religiösem Wissen.

Responsivität des Wissenschaftssystems

Das Wissenschaftssystem ist fraglos jenes System, in dem es immer und zuallererst um Erkenntnisgewinn, also um die laufende Reorganisation von Wissen zum Zweck des Erwerbs neuen Wissens geht. Das gilt spätestens seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Aber es gibt einen weiteren Umbruch im 20. Jahrhundert. Man kann für diesen den Begriff der Responsivität verwenden, der allgemein einen Strukturumbruch in Funktionssystemen der fortgeschrittenen Moderne indiziert. Responsivität bezieht sich immer auf die Relation eines Funktionssystems zu seinen gesellschaftlichen Umwelten.Hält das in die Person inkorporierte Wissen mit der Eskalation von Technologien Schritt? Im Fall des Wissenschaftssystems bedeutet dies, dass zusätzlich zu den innerwissenschaftlichen Fähigkeiten des Erkenntnisgewinns das Wissenschaftssystem die Fähigkeit zu einer autonomen Definition gesellschaftlicher Problemlagen gewinnt, die als gesellschaftliche Problemlagen besondere Dringlichkeit besitzen und in der Folge auf wissenschaftliche Forschung angewiesen sind. Die Entdeckung und die anschließende Bearbeitung des Problems des anthropogenen Klimawandels ist ein naheliegendes Beispiel für das, was Responsivität meint, aber es ist nur eines unter vielen. Dieses Wissen über die Relevanz gesellschaftlicher Problemlagen und die darauf ruhende Selbstprogrammierung der Wissenschaft (selbstverständlich unter Beteiligung der Politik und anderer Funktionssysteme) ist die neue Form der Wissensproduktion in der Wissenschaft unter Bedingungen der Responsivität.

Allgegenwart des Wissens –»The Professionalization of Everyone«

Wissen war im Europa des Mittelalters und der frühen Neuzeit vor allem in die klassischen Professionen der Kleriker, Juristen und Ärzte inkorporiert. Später kommen andere wissensgestützte Professionen hinzu. Lehrer und Sozialarbeiter, Erziehungs- und Gesundheitsberufe. Der erstaunliche Trend des 20. Jahrhunderts ist nun einer, der schon vor 50 Jahren von dem amerikanischen Soziologen Harold Wilensky erstmals formuliert worden ist: »The Professionalization of Everyone«. Wissensgestützte Beruflichkeit ist nicht mehr ein Merkmal nur ganz weniger Berufe, sie wird nahezu universell. Alle haben einen Sonderstatus, alle produzieren nicht nur okkasionell Wissen, sondern beanspruchen systematische Wissensbestände, die umfangreiche Ausbildung verlangen. Später im 20. Jahrhundert kommt – vor allem im Gesundheitswesen – die Idee der Interprofessionalität hinzu, die – ähnlich wie bei »Interdisziplinarität« – indiziert, dass das Wissen der einzelnen Profession für Problemlösungen nicht genügt, vielmehr verschiedenartige Wissensbestände kooperativ zusammengeführt werden müssen, damit in der professionellen Arbeit qualitätsvolle Lösungen erreicht werden.

Die Universität – Schaltzentrale des Wissens

Wenn man die Universität (als Erziehungsorganisation) und die Wissenschaft (als Funktionssystem der Gesellschaft, das sich allerdings auf das Engste auf die Erziehungsorganisation Universität stützt) analytisch streng trennt, findet an der Universität nur in Grenzen Wissensproduktion statt. Dieses sehr begrenzte universitätseigene Wissen hat mit Lehren und Lernen an der Universität zu tun und mit curricularen Fragen. Ansonsten aber rezipiert die Universität Wissen – aus der Wissenschaft und aus anderen Funktionssystemen – und fügt es zu Studiengängen zusammen, die der Bildung von Humankapital und der spezialisierten Ausbildung der Absolventen dienen. Insofern kann man aber sagen, dass die Universität die wichtigste gesellschaftliche Schaltzentrale des Wissens ist, die Wissen aus vielen gesellschaftlichen Zusammenhängen aufnimmt, es zu Studiengängen reorganisiert und es über Ausbildung als in Personen inkorporiertes Wissen der Gesellschaft zurückgibt.

Öffentlichkeit und Publikum

Ein erstes allgemeines Charakteristikum der Wissensordnung der Moderne ist, dass Wissen prinzipiell öffentlich ist – esoterisches Wissen, wie es die europäische frühe Neuzeit kannte, ist nicht mehr denkbar und nicht mehr legitim – und dass die Form der Öffentlichkeit, die es erlangt, meist eine Form von Publikation ist (wissenschaftlich, literarisch, massenmedial). Das Publikum, an das das Wissen adressiert ist, ist ein universelles, uneingeschränktes Publikum und diesem Publikumsbezug entspricht, dass es von jedem Wissen auch eine populäre, leicht zugängliche Version geben sollte (als explizite Popularisierung, Public Understanding of Science, Kurzfassung, executive summary, Abstract et cetera). Autoren sollten diese Formen beherrschen und lernen es ausdrücklich. Alle diese Gesichtspunkte verkörpern den engen Zusammenhang von Wissen und Inklusion.

»Flüsse« (flows) und Konnektivität

Ein weiterer zentraler Gesichtspunkt ist, dass Wissen in der Gegenwartsgesellschaft den Charakter eines gesicherten Bestandes immer mehr verliert. Wissen ist nicht verlässlich gespeichert, es hat seinen Ort in einer unübersichtlichen Population von Wissenden, auf deren Mitglieder es verteilt ist, es besteht aus »flows«, das heißt, es ist bewegliches, sich laufend veränderndes Wissen. Wissen muss anschlussfähig sein an anderes Wissen, auf diese Weise stiftet es unablässig Zusammenhänge und verweist auf alternative Zukünfte.

Organisationen und Netzwerke

Zugleich relativiert sich die Bedeutung von Organisation, zumindest die der einzelnen Organisation. Wir haben am Fall der Universität betont, dass diese eine gesellschaftliche Schaltzentrale des Wissens der vielen anderen Systeme ist. Aber auch die einzelne Universität ist im Verhältnis zu der Immensität der Wissenszusammenhänge, in denen sie steht, nur klein. Ein amerikanischer Organisationsberater hat diese Beobachtung der Begrenztheit der Organisation am Beispiel des Wirtschaftsunternehmens als Organisation treffend formuliert: »there are far more smart people outside any one organization than inside«.Das Wissen über die Relevanz gesellschaftlicher Problemlagen und die darauf ruhende Selbstprogrammierung der Wissenschaft ist die neue Form der Wissensproduktion. Das heißt aber, dass man sich bei dem Versuch, sich an dem jeweils relevanten gesellschaftlichen Wissen einigermaßen verlässlich zu orientieren, nicht mehr auf die eigene Organisation als einen hinreichend vollständigen Wissensspeicher verlassen kann. Das schwächt dann möglicherweise auch die Loyalität zur Organisation. Obwohl man Mitglied einer Arbeitsorganisation ist, muss man sich in Netzwerke mit Mitgliedern anderer Organisationen einfügen und insofern vielleicht auch die Exklusivität des Wissens der eigenen Organisation gefährden, um hinreichend viel Zugang zu Wissen in anderen Organisationen zu erlangen. Man sieht dies gut am Beispiel der wissenschaftlichen Koautorschaft als einem zentralen Wissensprozess im Wissenschaftssystem, wo bei der Rekrutierung von Koautoren der dem ersten Anschein nach natürliche Zugriff auf Mitglieder der eigenen Universität eine relativ geringe Rolle spielt. Die Wissensprozesse der Wissenschaft sind weitgehend von Organisationen in Netzwerke verlagert.

Digitalisierung

Wenn wir vorhin betont haben, dass der öffentliche Modus des Wissens der Moderne vielfältige Formen von Publikation verlangt, so ist im nächsten Schritt zu sagen, dass diese Publikation immer häufiger ausschließlich oder komplementär zu anderen Formen der Publikation eine digitale Publikation ist. Damit aber ändert sich ziemlich viel. Digitale Publikation (zum Beispiel auf wissenschaftlichen Plattformen wie arXiv) macht Systemgrenzen relativ unsichtbar und als Folge davon leicht überschreitbar. Jede Art des Wissens kann von jedem Ausgangspunkt erreicht werden. Heterogenes Wissen kann sehr viel leichter miteinander verbunden werden. Sehr viel größere Wissenslandschaften können deutlich schneller durchschritten werden. Und wir haben im Internet den faszinierenden Fall einer Kopräsenz der Kommunikationen aller Funktionssysteme in einem einzigen wissensbasierten System. Das ändert nichts an funktionaler Differenzierung, aber es macht die Mobilisierung von Einflüssen über die Grenzen von Funktionssystemen hinweg um einiges wahrscheinlicher.

Individualität und Wissen

Wir hatten oben bereits den engen Zusammenhang von Individualität und Wissen betont. Das Individuum braucht Wissen für die Formulierung seiner Individualität, und dieses Wissen sieht in jedem einzelnen Fall verschieden aus, weil es ja um Individualität geht und dafür Verschiedenheit benötigt wird. Mit dieser Tendenz zur Universalisierung der Kontrolle in einer »Audit Society« geht ein offensichtlicher Bedeutungsverlust der Sonderstellung der Professionen einher. Normative Bildungsideale (wie etwa die klassische deutsche Bildungsidee) entfallen weithin, die Differenz von objektivem (gesellschaftlichem) und subjektivem (dem Individuum erreichbarem) Wissen ist vermutlich zu groß geworden. Zwei einander ergänzende Lösungen treten an die Stelle, die hier beide schon sichtbar geworden sind. Einmal Humankapital als eine hochgradig abstrakte Generalisierung über beliebige Arten von Wissen, die im Grunde mehr auf Zeit (in den Bildungsinstitutionen) als auf sachliche Inhalte der Bildung abstellt. Und andererseits die Populationsvorstellung, die sich Individuen als wissensmäßig beliebig divers vorstellt und daraus auf Chancenreichtum für gesellschaftliche Strukturbildung schließt.

Teamstrukturen und Kooperation

Individuen stehen zugleich unter vermehrtem Druck, sich als kooperationsfähig zu erweisen. An die Stelle traditioneller askriptiver Kollektive, zu denen man selbstverständlich gehört, treten in der Moderne vielfältige neu gebildete soziale Gruppen und – für uns besonders interessant – Teams. Teams entstehen dort, wo Kooperation unabweisbar wird, weil die Aufgaben, die zu bewältigen sind, eine Abhängigkeit von anderen erzeugt, ohne die eine befriedigende Aufgabenlösung nicht möglich ist. In diesem Sinn erfolgt eine Institutionalisierung von Kooperation in sehr vielen gesellschaftlichen Bereichen (in den Kooperationen und Laborgemeinschaften der Wissenschaft, den Mannschaften des Sports, den Arbeitsgruppen der Wirtschaftsorganisationen, den interprofessionellen Teams der Kliniken). Teamstrukturen sind die Voraussetzungen für produktive Wissenskooperationen. Zwei dieser sozialstrukturellen Momente dürften am wichtigsten sein: die weitgehende Abschwächung von Hierarchien und die Präsenz differenter, aber einander überlappender Spezialisierungen.

Reflexivität des Wissens

Der Universalisierung, Differenzierung und Temporalisierung des Wissens in der Moderne folgt eine naheliegende Tendenz. Ähnlich wie aus dem Umbau der Wissenschaft auf Neuheit der Erkenntnisse seit dem 18. Jahrhundert eine intensivierte Methodenreflexion resultierte, beobachten wir mit Bezug auf Wissen überhaupt eine weitreichende Institutionalisierung von Formen des Wissens über Wissen oder, anders formuliert, die Entstehung von Formen des Wissens, denen es um die Kontrolle des Wissens erster Ordnung geht. Die Gesellschaft, die daraus entsteht, ist eine »Audit Society«, eine Gesellschaft, in der für jede Form des Wissens eine Form des zertifizierenden Wissens entworfen und institutionalisiert wird, die die Nützlichkeit und Richtigkeit des Wissens erster Ordnung überprüft. Mit dieser Tendenz zur Universalisierung der Kontrolle in einer »Audit Society« geht ein offensichtlicher Bedeutungsverlust der Sonderstellung der Professionen einher. Professionen waren ja immer auch dadurch definiert, dass nur Mitglieder derselben Profession den Erfolg ihrer Kollegen einer kritischen Beobachtung zu unterziehen imstande und berechtigt sind. Das ist eine Internalisierung der Kontrolle, die die »Audit Society« nicht mehr akzeptiert. Stattdessen entwirft sie formale und quantifizierte Beobachtungstechniken, die von Personen wissensmäßig kompetent gehandhabt werden, die aus diesem Wissen eine Profession machen, aber nicht der Profession zugehören, die sie evaluieren. Auch dies ist ein Aspekt der »Professionalization of Everyone«.

Wissen und Ungleichheit

Wissen ist in einer entscheidenden Hinsicht ein equalizer, eine Ressource, die man sich zu eigen machen kann. Auf dieser Basis des erworbenen und gehandhabten Wissens kann man dann Gleichheit mit denen reklamieren, die davor superioren gesellschaftlichen Status besaßen. Aber zugleich führt die Ubiquität der Relevanz von Wissen und die hohe Wissens- oder Bildungsprämie, die in zunehmend vielen Bereichen an diejenigen gezahlt wird, die über relevantes Wissen verfügen, dazu, dass die Funktion des Wissens sich gewissermaßen umkehrt. Im Einzelfall bleibt Wissen immer ein equalizer, eine Aufstiegschance, die man sich erarbeiten kann. Aber gesamtgesellschaftlich gesehen wird aus denselben Gründen und auf der Basis derselben Mechanismen aus Wissen der hauptsächliche Verursacher einer zunehmenden gesellschaftlichen Ungleichheit. Auf diese neue gesellschaftliche Ungleichheit auf der Basis von Gleichheit der Zugangschancen zu Wissen kann man dann wiederum reagieren und auf der Basis der von allen geteilten Inklusionserwartung einen Aufstand des Publikums gegen die Eliten16 und einen Aufstand der Unwissenden gegen die Wissensträger inszenieren. Der Populismus unserer Tage ist in einer Hinsicht genau dies, ein solcher Aufstand des Publikums, ein Aufstand des Nichtwissens gegen die Privilegien des Wissens.

 

Wissensproduktion

Wie wir handeln müssen

  • Erziehung (in Personen inkorporiertes Wissen) und Technologie sind die beiden wichtigsten Determinanten künftiger gesellschaftlicher Entwicklung. Eine Politik, die programmatisch auf diese beiden Leitgesichtspunkte abstellt, ist geboten.
  • Die Inklusionsrevolutionen des 18.–21. Jahrhunderts (demokratische Revolution, Erziehungsrevolution, Einbeziehung der gesamten Bevölkerung in wirtschaftliches Geschehen) haben die moderne Gesellschaft hervorgebracht. Der Inklusionsbegriff ist nicht nur deskriptiv und analytisch von großer Bedeutung, sofern man ihn konsequent auf alle Funktionssysteme anwendet. Er eignet sich auch als normativer Begriff für politische Gestaltung. Über die Differenz der Politikbereiche hinweg sollte Inklusion ein zentrales politisches Postulat sein.
  • Die Universität ist Schaltzentrale des gesellschaftlichen Wissens. Deutschland ist mehr als ein anderes Land dasjenige, das auf akademische Institutionen, Wissenschaft, die gesellschaftliche Bedeutsamkeit wissenschaftlichen Wissens, die Verknüpfung mit Kunst und Literatur gesetzt hat. Darin besteht vielleicht seine welthistorische Bedeutsamkeit. Das aber scheint vergessen, wenn man sich die deutschen Universitäten ansieht. Es muss ein Minimalziel bis 2030 sein, dass es wieder drei bis vier deutsche Universitäten gibt, die fraglos ihren Platz unter den 20 bis 30 besten Universitäten der Welt einnehmen. Davon sind wir weit entfernt. Entsprechend groß müssen die politischen Anstrengungen sein. Ähnliches gilt für die Schule. Nur wenn diese Bedingungen erfüllt sind, ist Deutschland den Erfordernissen von Erziehung und Technologie gewachsen.
  • The »Professionalization of Everyone« ist eine gute Beschreibung der gegenwärtigen Gesellschaft. Dank seines Systems der beruflichen Bildung kommt Deutschland hier dem Ziel näher als im akademischen Bereich. Aber diese erfolgreiche Stellung verlangt einen unablässigen Qualitätsausbau.

Prof. Dr. Rudolf Stichweh (66) ist Soziologe und leitet das Forum Internationale Wissenschaft der Universität Bonn, das die politischen Systeme, das Wissenschaftssystem und das Religionssystem der gegenwärtigen Weltgesellschaft in vergleichender Perspektive erforscht. Er setzt die Tradition der soziologischen Systemtheorie, die sich von Talcott Parsons und Niklas Luhmann herleitet, als ein Theoretiker fort; er arbeitet als ein Makrosoziologe über die Strukturgeschichte menschlicher Gesellschaften in den letzten 100.000 Jahren, und er versucht, diese Langfristperspektiven mit einer Theorie der funktional differenzierten Weltgesellschaft der Moderne der letzten 300 Jahre zu verbinden.